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Streetworker für den Cottbuser Stadthallenvorplatz

Auf dem Stadthallenvorplatz versammeln sich bei schönem Wetter Gruppen von deutschen Jugendlichen und junge meist männliche Asylbewerber. Wenn Alkohol ins Spiel kommt, gibt es schnell Streit.
Auf dem Stadthallenvorplatz versammeln sich bei schönem Wetter Gruppen von deutschen Jugendlichen und junge meist männliche Asylbewerber. Wenn Alkohol ins Spiel kommt, gibt es schnell Streit. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Eine schwierige Aufgabe, die Geld kostet. Seit Monaten hält die Situation in der Innenstadt Polizei und Verwaltung auf Trab: Es kommt zu Konflikten zwischen deutschen und geflüchteten Jugendlichen. Anwohner, Geschäftsleute und Touristen fühlen sich gestört. Langfristig, das wurde bereits bei einer Jugendhilfeausschuss-Sitzung im Mai deutlich, kann nur der Einsatz von Sozialarbeitern helfen. Andrea Hilscher / hil

Doch erst seit etwa einem Monat hat der Jugendhilfe e.V. überhaupt genügend Personal, um im Brennpunkt sinnvoll zu arbeiten.

Jörn Meyer, Chef der Jugendhilfe: "Mit unseren bisherigen zwei Streetworkern hat es keinen Sinn gemacht, Kontakt zu den Jugendlichen auf dem Stadthallenvorplatz zu suchen. Wir hätten nur Erwartungen geweckt, die wir nicht erfüllen können." Jetzt konnte Meyer einen dritten Streetworker einstellen, außerdem ist er mit zwei Sprachmittlern im Gespräch, die zwischen den Geflüchteten und den Streetworkern dolmetschen können. "Wir müssen noch verschiedene Fragen zu ihrem Aufenthaltsstatus und zum Arbeitsverhältnis klären." Die Zwei seien nicht mehr ganz jung, "innerlich gefestigt" und offenbar in der Lage, sich den manchmal stürmischen Konflikten zu stellen, die auf sie warten.

Jörn Meyer: "Durch die Arbeit der Polizei haben sich die Gruppen etwas im Stadtgebiet verteilt, treffen sich zum Teil in privaten Wohnungen." Was die Arbeit der Streetworker erschwert. "Auf öffentlichen Plätzen ist es leichter, in Kontakt zu kommen. Außerdem bietet die Öffentlichkeit den Jugendlichen einen gewissen Schutz."

Ziel der Sozialarbeiter ist es jetzt, sich bekannt zu machen mit den Menschen, ihren Problemen, ihren Konflikten. "Wir reden mit den Jugendlichen, respektieren und akzeptieren sie, zeigen aber auch wenn wir bestimmtes Verhalten nicht billigen." Sind erste Kontakte geknüpft, werden - so die der Erfahrung - die Sozialarbeiter getestet. Kann man ihnen vertrauen? Halten sie ihre Versprechen?

"Unsere Leute werden beispielsweise nicht dafür sorgen, dass vor der Stadthalle kein Alkohol mehr getrunken wird", sagt Meyer. "Wir wollen die wirklichen Probleme der Leute kennen, sie verstehen und nach Möglichkeit praktikable Lösungen anbieten." Er erinnert sich an eine Gruppe Jugendlicher, die heimlich im Schmellwitzer Wäldchen mit ihren Fahrrädern riskante Kunststücke trainierte. "Mit denen haben wir geredet, konnten ihnen über das Grünflächenamt eine Ausweichfläche anbieten und einen Versicherungsschutz organisieren - eine perfekte Lösung."

So glatt läuft es nicht immer. "Bei den Geflüchteten haben wir es mit Menschen zu tun, die schnell arbeiten oder studieren wollen, die eine Wohnung brauchen oder Sehnsucht nach ihrer Familie haben." Mal kann der Zugang zu freiem Wlan helfen, dann wieder wird ein billiges Handy gebraucht oder einfach nur ein offenes Ohr.

Schnelle Lösungen? Fehlanzeige. "Die Gruppen mischen sich ständig, manche Leute ziehen weg, andere kommen nach", sagt Meyer. Die Streetworker versuchen, ihnen neue Räume und Plätze anzubieten, ihnen beim Sport die Möglichkeit zu geben, sich auszupowern - und möglichst irgendwann eigenverantwortlich ihre Freizeitprojekte zu organisieren.

All das braucht einen langen Atem. Meyer erinnert sich noch gut an eine Zeit vor 14 Jahren. "Damals hatten wir fast die gleichen Konflikte vor der Stadthalle." Mit damals fünf Streetworkern, einer neuen Toilette und gemeinsam erarbeiteten Benimmregeln entspannte sich die Situation.

Vor einigen Jahren wurden die Stellen von drei Streetworkern gestrichen. Jetzt beginnt die Arbeit rund um den Puschkinpark wieder von vorn. Wie lange es dauern wird, bis die Probleme gelöst sind? Jörn Meyer lächelt. "Dann gibt es längst wieder neue Jugendliche, neue Drogen, neue Probleme."

Zum Thema:
Nach Auskunft der Stadt wurden sechs umfangreiche Angebote auf dem Stadthallenvorplatz umgesetzt. Dazu gehörten Straßenhockey und Streetsoccer. Dazu gab es kleinere mobile Maßnahmen wie Beratungs-, Sport- und Spielangebote - unter anderem im Rahmen der friedlichen Demonstration des "Cottbuser Aufbruchs". Seit Beginn der Allgemeinverfügung (Alkoholverbotes) wurden im Gebiet Stadthallenvorplatz, Puschkin-, Schillerpark mehr als ein Dutzend Aktionen (Graffiti, Volleyball, Fußball, Hockey) sowie Beratungsangebote von Trägern der freien Jugendhilfe durchgeführt. (hil)