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| 15:22 Uhr

Straßenbahnen kommen ans Limit

Der Wagen Nr. 148 ist Baujahr 1983, er wird jetzt komplett restauriert.
Der Wagen Nr. 148 ist Baujahr 1983, er wird jetzt komplett restauriert. FOTO: Hilscher
Cottbus. Eigentlich könnte Cottbusverkehr-Chef Ralf Thalmann hoch zufrieden sein: Entgegen aller Prognosen entwickeln sich die Fahrgastzahlen in der Stadt gut. Im vergangenen Jahr nutzten über zehn Millionen Kunden Busse und Straßenbahnen, allein die Linie 4 beförderte zwei Millionen Menschen quer durch die City. Andrea Hilscher

"Das sind Zahlen, mit denen wir gut wirtschaften können", freut sich Thalmann. Und sowohl der Blick in den künftigen Flächennutzungsplan wie auch ins Leitbild der Stadt bestätigen: Die Straßenbahn ist in Cottbus unangefochten, ihre Existenzberechtigung wird nicht mehr angezweifelt. Trotzdem steht die Zukunft des umweltfreundlichen Nahverkehrs auf Messers Schneide: Die Fahrzeugflotte ist schlicht zu alt.

Hans-Jürgen Krüger, technischer Leiter bei Cottbusverkehr, kann sich noch erinnern, als die Bahnen in den 1980er-Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei angeliefert wurden. Seitdem haben die Wagen im Schnitt 2,36 Millionen Kilometer hinter sich gebracht. "Da wäre jeder Lkw schon mehrfach auf der Strecke geblieben", sagt Krüger stolz.

Gerade hat er die Wagen 137 und 148 in der Werkstatt. Eigentlich müssten sie längst ausgemustert und ersetzt werden, doch für Neuanschaffungen fehlt das Geld. "Also werden sie rundum erneuert", sagt Krüger.

Unterbauten und Karosserieteile werden ersetzt, ebenso Böden, elektrische Bauteile, Fahrerkabine und Bestuhlung. Rund neun Monate brauchen Krügers Leute, um aus einem alten Wagen ein funktionstüchtiges, komfortables Fahrzeug zu machen. "Damit retten wir uns gerade so über die Zeit", sagt Ralf Thalmann, mehr als ein Notbehelf sei die Instandsetzung allerdings nicht. "Betriebswirtschaftlich ist das ein Wahnsinn. Wir stecken enorm viel Geld in die alten Wagen, dabei wäre es viel effizienter, sie nach Osteuropa zu verkaufen und neue Modelle anzuschaffen."

Zwischen zwei und zweieinhalb Millionen Euro würde eine neue Straßenbahn kosten. "Aber einzeln zu bestellen, ist unmöglich, das macht kein Hersteller mit." Größere Neueinkäufe können sich Stadt und Cottbusverkehr aus eigener Kraft nicht leisten. "Wir sind dringend auf kontinuierliche Hilfe des Landes angewiesen", so Thalmann. Gemeinsam mit anderen Brandenburger Verkehrsunternehmen hat er ausgerechnet, dass Potsdam über zehn Jahre Fördermittel in Höhe von je neun Millionen Euro ausreichen müsste. "Dann könnten wir alle unsere Flotten erneuern." Um die Kosten so niedrig wie möglich zu halten, haben sich die Städte Cottbus, Brandenburg/Havel, Frankfurt (Oder), Schöneiche und Görlitz zusammengeschlossen und ein Paket geschnürt. "Wir haben uns auf technische Details verständigt, das Design ist nicht so wichtig." Wäre die Finanzierung gesichert, könnten die Städte nach und nach ihre Bestellungen auslösen, Cottbus hätte nach etwa zehn Jahren seinen Bestand erneuert.

"Dann ist bestimmt auch der Elektro-Bus soweit, dass wir ihn sinnvoll mit dem System der Straßenbahn verknüpfen können", so Thalmann. Sollte es allerdings keine Lösung für den Neukauf von Bahnen geben, müsste er seine Oldtimer nach und nach ausrangieren, die Taktzeiten auf den Linien ändern und Streckenäste kappen. "Dann müssten wir rund 40 Diesel-Busse kaufen und auf den jetzigen Straßenbahnlinien einsetzen."

Was betriebswirtschaftlich und ökologisch sicher nicht die beste Variante wäre.

Zum Thema:
Auf einer länderübergreifenden Tagung in Potsdam machen brandenburgische Verkehrsunternehmen auf ihre Misere aufmerksam: Sie brauchen planbare Fördersummen für die nächsten zehn Jahre, um ihren Fuhrpark zu erneuern. Brandenburg ist das einzige ostdeutsche Bundesland, das in den vergangenen Jahren keine Fördermittel für den Straßenbahnverkehr ausgereicht hat. Das Durchschnittsalter der Fahrzeuge liegt (ohne Potsdam) bei 31,7 Jahren. Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern liegen zwischen 19,8 und 15,7 Jahren. Die Cottbuser Flotte hat ein Durchschnittsalter von 30,5 Jahren. Die Fahrzeuge haben jeweils weit über zwei Millionen Kilometer auf dem Tacho. Um alle Wagen durch neue zu ersetzen, kalkuliert Cottbusverkehr mit etwa 45 Millionen Euro. Die Brandenburger Verkehrsunternehmen bräuchten insgesamt 207 Millionen Euro.