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| 02:33 Uhr

Stimmung in Cottbus wird aggressiver

ARCHIV - „Rechte Gewalt kann jeden treffen“ steht auf einem Aufsteller geschrieben, aufgenommen am 28.02.2009 in Berlin.
ARCHIV - „Rechte Gewalt kann jeden treffen“ steht auf einem Aufsteller geschrieben, aufgenommen am 28.02.2009 in Berlin. FOTO: Rainer Jensen (dpa)
Cottbus. Die Zahl rechter Straftaten ist im vergangenen Jahr gestiegen. Doch die Stimmung in der Stadt lässt sich aus der Polizeistatistik nicht ablesen. Allerdings tauchen im Straßenbild immer mehr eindeutige Graffiti auf. Die Hemmschwelle für Aggression gegenüber Fremden sinkt – aber auch die Bereitschaft, sich für Geflüchtete zu engagieren. Peggy Kompalla

Das Jahr 2016 hat noch nicht seine Halbzeitmarke erreicht und in der Cottbuser RUNDSCHAU finden sich bereits 16 Negativ-Schlagzeilen. Sie variieren zwischen Schmierereien, Sachbeschädigung und Schlägen. So hieß es etwa im Februar "No-Asyl-Graffito in Sandow" und "Toleranzschild am Staatstheater zerstört". Im April geht es weiter mit "Hitlerbilder in Sandow aufgetaucht". Im März berichtet die RUNDSCHAU unter den Überschriften "NPD-Anhänger schlägt Passantin ins Gesicht", "Asylbewerber von Schäferhund gebissen" und "Pakistani muss nach Angriff in Cottbus ins Krankenhaus". Das ist selbstverständlich keine offizielle Statistik. Doch alle Vorfälle zusammengenommen ergeben ein Bild und sind eine traurige Fortsetzung aus 2015.

Denn für das Jahr bestätigt die Polizei in Cottbus und Spree-Neiße einen spürbaren Anstieg politisch motivierter Gewalt (siehe Grafik). Wobei die rechtsgerichteten Straftaten mit 85 Prozent dominieren. Der Polizei zufolge gehört dazu auch Hetze im Internet.

Das Mobile Beratungsteam Cottbus beobachtet diese Entwicklung. Susanne Kschenka sagt: "Ich hätte es mir bis vor Kurzem nicht vorstellen können, dass Menschen, die schon lange hier leben, plötzlich ihr Grundgefühl der Sicherheit verlieren." Und das nur, weil sie vermeintlich wie Fremde aussehen. "Zur deutschen Kultur gehört doch auch Höflichkeit und die Selbstverständlichkeit, dass Schwächere geschützt werden." In manchen Gesellschaftsschichten sei die Grundhöflichkeit außer Kraft gesetzt und das werde sogar für normal gehalten. Das sei auch ein Ausdruck dafür, dass die Hemmschwelle für Aggressivität gegenüber Fremden sinkt.

Die Opferperspektive kümmert sich um Menschen, die von rechten Gewalttätern angegriffen wurden. Martin Vesely vom Verein betont: "Die Opfer können sich an keinem Ort in der Stadt sicher fühlen." Es gebe keine sicheren Rückzugsorte mehr in Cottbus. Die Stadt steche bei rassistischer Gewalt in Brandenburg hervor. Im Jahr 2015 zählte die Opferperspektive 28 rechte Übergriffe in Cottbus. Damit habe sich die Anzahl im Vergleich zu 2014 fast verdreifacht. "Die Dunkelziffer wird noch einmal deutlich darüber liegen", mutmaßt der Berater.

Susanne Kschenka sagt: "Da verändert sich gerade etwas in der Gesellschaft." Sie will aber nicht nur schwarz sehen. "Ich hoffe, dass das auch die positiven Kräfte stärkt. Immer mehr Cottbuser denken darüber nach, wie Zivilcourage gestärkt werden kann." Inzwischen finde dazu eine ernsthafte Auseinandersetzung statt. Darüber hinaus engagierten sich sich so viele Cottbuser wie selten zuvor für die Neu-Ankömmlinge. Die Hilfsangebote sind tatsächlich vielfältig: Sie reichen von Beratungen über Deutschkurse bis hin zu Patenschaften.