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| 18:50 Uhr

Kultur
„Manch Frage ohne Antwort blieb“

Steve Sabor (l.) und Thomas Richert vom Fabrik Verlag Cottbus vor der Bildwand mit Grafiken von Hans Scheuerecker: Autor und Verleger haben im Foyer der Kammerbühne das Buch „Ernten Erschüttern Verstummen“ vorgestellt. Maler und Grafiker Scheuerecker, der 120 Drucke beigesteuert hat, war durch seine Werke symbolisch anwesend.
Steve Sabor (l.) und Thomas Richert vom Fabrik Verlag Cottbus vor der Bildwand mit Grafiken von Hans Scheuerecker: Autor und Verleger haben im Foyer der Kammerbühne das Buch „Ernten Erschüttern Verstummen“ vorgestellt. Maler und Grafiker Scheuerecker, der 120 Drucke beigesteuert hat, war durch seine Werke symbolisch anwesend. FOTO: Ingrid Hoberg
Cottbus. Steve Sabor blickt auf ein 20-jähriges Schaffen als Dichter und veröffentlicht einen neuen Grafik-Text-Band. Von Ingrid Hoberg

Im Foyer der Kammerbühne des Staatstheaters steht eine festlich hergerichtete Tafel, nach und nach trudeln Gäste ein. Man kennt sich, plaudert mit dem Autor, der zur Buchpräsentation geladen hat, mit Verleger Thomas Richert und mit anderen Leuten. Da taucht Hans Scheuerecker, der dritte Protagonist dieses Projekts auf. Unter dem Arm ein Stoffbeutel, aus dem er einige Wodkaflaschen holt, auf die Tafel stellt und schon wieder verschwindet. Bei öffentlichen Veranstaltungen in Cottbus ward er lange nicht mehr gesehen. Und so ist es auch an diesem Abend: Er hat seinen Teil für das Gelingen des Festes beigetragen – es soll keine trockene Lesung werden.

Steve Sabor kündigt Musik, Poesie und Gespräche an. Das Duo Lu Schulz (Saxofon) und Detlef Bielke (Klavier) gibt mit jazzigen Klängen den Auftakt. Dann greift die Stimme von Martin Groß Raum. Seit 2016 ist er evangelischer Pfarrer in Neuzelle, war zuvor auch Seelsorger in der Justiz-Vollzugsanstalt (JVA) Cottbus-Dissenchen, und gehört zu den Weggefährten, die Sabor an diesem Abend gebeten hat, seine Lyrik zu lesen oder musikalisch zu begleiten. Wobei der erste Vortrag „Hinter dem Ball“, mit enormer stimmlicher Kraft von Groß vorgetragen, in epischer Länge daher kommt. Über das Format Gedicht lässt sich streiten. Immerhin sind die Zuhörer an dieser Stelle noch fit genug, den Gedankengängen des Autors zu folgen. Im Buch zieht sich der Text über mehrere Seiten, ohne Illustration.

Gesangseinlagen von Julie Szelinsky (Mezzosopran) und Anna-Maria Kalka (Sopran), begleitet von Neritan Hysa am Klavier bescheren den Zuhörern entspannende Momente. Nach der Pause, die wohl besonders die Raucher brauchen, liest Thomas Klatt, Journalist, Moderator von literarischen Veranstaltungen und ebenfalls langjähriger Weggefährte des Autorenduos Sabor/Scheuerecker. „Mit neunzehn“ dürfte der Blick auf die Welt noch anders sein als „Mit fünfzig“. „Heute jedenfalls noch nicht“, rezitiert Seelsorger Groß, ehe er zum „Extremisten für alle Fälle – Horst Mahler“ kommt.

 Zum Abschluss des Leseabends ergreift Steve Sabor selbst das Wort, auch wenn er sich eher den „Platz auf der Zuschauerbank“ wünscht. Er fragt: „Was uns weitermachen lässt“. Sein Credo: „Nach der Verzweiflung darf auch wieder Hoffnung sein, aber erst danach!“

Wer die neue Edition von Sabor und Scheuerecker mit 120 Texten und 120 Zeichnungen zur Hand nimmt, blättert in einem hervorragend gestalteten Buch. Der eine wird für sich mehr aus den Texten ziehen, der andere länger bei den Grafiken verweilen. „Eigentlich hat sich im Vergleich zu 1998 nichts Wesentliches verändert“, sagt Steve Sabor. „Es ist mir nach wie vor eine Freude, mit Hans Scheuerecker zu arbeiten, es ist wunderbar in dem dann druckfrisch vorliegenden Buch zu blättern und spannend, zu sehen, ob der Abend seiner Vorstellung so gelingt wie gedacht“, ergänzt er.

Ob der Buchtitel „…Verstummen“ tatsächlich verstummen meint? „Nun, Schreiben ist für mich immer zuerst Selbstverständigung. Also unabhängig von der Veröffentlichung. Ein neues Buchprojekt ist derzeit aber in der Tat nicht geplant“, so Sabor. Dafür gebe es wie immer unterschiedliche Gründe. „Zwei will ich nennen. Routine hilft, die Dinge professioneller und gelassener anzugehen - macht sie aber nicht unbedingt besser. Ich bin dem Verleger Thomas Richert sehr dankbar, dass er sich seit zehn Jahren immer wieder auf das Abenteuer der Produktion meiner Texte eingelassen hat“, sagt der Autor. Verdient habe der Verleger daran ganz sicher wenig - also finanziell. „Und auch seine Geduld will ich nicht über Gebühr strapazieren … Ich tippe mal, spätestens zu Scheuereckers Siebzigsten oder meinem Sechzigsten wird es etwas Neues geben“, hält er die Optionen offen.

 „Manch Frage ohne Antwort blieb“ heißt eine Gedichtzeile von Sabor. So ist es auch an diesem Abend – und das ist vielleicht gut so.

 Zur Vertiefung der Diskussion steht dann ja noch der Wodka auf den Tischen.