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| 03:30 Uhr

Sternmarsch in Cottbus
Toleranz nicht nur als Motto für einen Tag

 Mit Transparenten und bunten Ballons gehen mehr als 1000 Cottbuser am Freitagnachmittag auf die Straße, um an den 74. Jahrestag der Bombardierung der Stadt zu erinnern.
Mit Transparenten und bunten Ballons gehen mehr als 1000 Cottbuser am Freitagnachmittag auf die Straße, um an den 74. Jahrestag der Bombardierung der Stadt zu erinnern. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Mehr als 1000 Cottbuser gehen für Frieden und Weltoffenheit auf die Straße, stilles Gedenken am Bahnhof. Von Silke Halpick und Romy Matthies

Plötzlich stehen zehn Männer und Frauen auf dem Stadthallenvorplatz – mitten im Meer der Sternmarsch-Teilnehmer – und skandieren: „Inhalte statt Image!“ Kurz herrscht Verwirrung, dann wird klar, dass hinter der unangekündigten Aktion das Bündnis „Cottbus nazifrei“ steckt. „Mensch, das müsst ihr doch anmelden“, sagt Moderator Lothar Judith. Die Erleichterung ist ihm anzuhören. Ohne weitere Zwischenfälle verläuft der Sternmarsch am Freitagnachmittag mit mehr als 1000 Menschen (laut Veranstalter). Erinnert wird an die Bombardierung der Stadt während des Zweiten Weltkrieges. „Aufbruch Cottbus“ ist mit der Resonanz mehr als zufrieden.

„Vielfalt, Offenheit, Toleranz“ steht auch auf dem Plakat von Julia Kaiser. Für sie ist das „nicht nur ein Ein-Tages-Motto“, wie sie betont, sondern eigentlich eine Jahreslosung. „Krieg darf nie wieder sein“, sagt Carmen Thiel. Deshalb sei sie auch alljährlich beim Sternmarsch am 15. Februar mit dabei. Beide gehören zu rund 150 Menschen, die vom Gladhouse aus durch die Innenstadt bis auf den Stadthallenvorplatz ziehen. Dort werden sie von anderen Teilnehmern, die vom BTU-Campus, vom Staatsheater oder aus Sandow gestartet sind, erwartet.

„Wir wollen ein buntes Cottbus, in dem sich Menschen aus allen Ländern der Welt wohl fühlen können“, sagt Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD). Christoph Polster, Pfarrer a. D., erklärt, dass das „Schöne und Schmucke nicht selbstverständlich“ sei, gleichzeitig erinnert an die mehr als 1000 Menschen, die beim Bombenangriff am 15. Februar 1945 in Cottbus starben. „Der Nationalsozialismus war kein Fliegenschiss in der deutschen Geschichte“, betont Götz Brodermann, CTK-Geschäftsführer. Und Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) verweist darauf, dass heute weltweit der „Friede brüchig“ sei, und warnte davor, nur „ahnungslos zuzuschauen“.

Sternmarsch für Frieden und Weltoffenheit FOTO: Michael Helbig

Erstmals stand der Sternmarsch unter dem Slogan „Cottbus ist bunt“. Verlesen wurde die gleichnamige, im Vorjahr aufgesetzte Cottbuser Erklärung, mit der sich die Unterzeichner für Solidarität, Respekt und ein friedliches Miteinander aussprechen.

Bereits am Vormittag gab es ein stilles Gedenken im Bahnhofsgebäude. Superindentin Ulrike Menzel sprach von „unsäglichem Leid“, das der Krieg den Menschen bringt, und rief zu mehr Toleranz auf. Wegen der Umbauarbeiten in der Lutherkirche wurde erstmals der Bahnhof als Veranstaltungsort gewählt – bei laufendem Betrieb. Menzel freute sich vor allem über „die vielen neuen Gesichter“. Mit einem gemeinsamen Kanon endete die Andacht. Die Besucher bekamen die Kerzen, die am Ende des Gottesdienstes entzündet werden, mit auf den Weg nach Hause, da offenes Feuer im Bahnhofsgebäude nicht erlaubt ist.

 Superintendentin Ulrike Menzel (l.) erinnert in der Andacht auf dem Bahnhof an die Opfer des Krieges.
Superintendentin Ulrike Menzel (l.) erinnert in der Andacht auf dem Bahnhof an die Opfer des Krieges. FOTO: Michael Helbig