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| 18:01 Uhr

Stadtwerke Cottbus bauen neues Heizkraftwerk
Langer Abschied von einem Millionengrab

Überdimensioniert: Das Heizkraftwerk Cottbus liefert im Sommer selbst im „Standgas“ mehr Warmwasser als gebraucht wird.
Überdimensioniert: Das Heizkraftwerk Cottbus liefert im Sommer selbst im „Standgas“ mehr Warmwasser als gebraucht wird. FOTO: Michael Helbig
Cottbus . Ein neues Heizkraftwerk brachte die Cottbuser Stadtwerke 2005 an den Rand der Insolvenz. Stadt und Unternehmen verloren Millionen. Die Auswirkungen sind noch spürbar. Jetzt soll die Anlage umgebaut werden. Von Simone Wendler

Noch vor Jahresende, so hofft Vlatko Knezevic, werden ihm die Cottbuser Stadtverordneten grünes Licht für einen 75 Millionen schweren Umbau des Cottbuser Heizkraftwerkes von Braunkohlefeuerung auf Gas geben. Der Geschäftsführer der Stadtwerke Cottbus GmbH steht unter Zeitdruck, denn bis 2022 muss die neue Anlage laufen, wenn Fördergelder des Bundes nicht verschenkt werden sollen.

Neben dem in Zeiten der Energiewende notwendigen Brennstoffwechsel gibt es einen weiteren Grund für die Umbaupläne. „Die Anlage ist völlig überdimensioniert“, so der Stadtwerke-Chef. Im Sommer liefere sie selbst im „Standgas“ mehr Warmwasser als gebraucht werde.

Für die Cottbuser Stadtverordneten weckt das Thema Heizkraftwerk jedoch schlimme Erinnerungen. Der Bau der vorhandenen Anlage hatte die Stadtwerke Cottbus unter einem vorherigen Geschäftsführer an den Rand der Pleite gebracht. Wie viele Millionen das kommunale Unternehmen und die Stadt selbst dadurch verloren haben, kann niemand mehr genau beziffern. Das Desaster brachte dem Stadtparlament einen Untersuchungsausschuss ein.

Der jetzige Stadtwerke-Chef Knezevic verspricht: „So etwas wird sich nicht wiederholen, wir rechnen ganz präzise.“ Dabei belasten das kommunale Unternehmen noch immer finanzielle Folgen der damaligen Beinahepleite. Zum 1. Januar 2010 hatten die Stadtwerke von einem Fonds, der den Bau finanziert hatte, das Heizkraftwerk für 56 Millionen Euro zurückgekauft. Der dafür nötige Kredit sei noch nicht vollständig getilgt. Diese Last erschwere die Finanzierung des jetzt geplanten Umbaus.

Auch die Stadt musste vor zwei, drei Jahren erst 26 Millionen Euro, finanziert aus Gewinnen von Stadtwerken und kommunalem Großvermieter GWC aufbringen, um 74,9 Prozent der Anteile der Stadtwerke GmbH zurückzukaufen, die ihr bis 2006 gehörten und die sie leichtfertig verspielt hatte.

Die Geschichte beginnt Ende der 90er-Jahre mit dem Bau eines mit Braunkohle versorgten Heizkraftwerkes mit ganz neuer Feuerungstechnik. Die Investitionssumme belief sich auf stolze 230 Millionen Euro, von denen 40 Millionen als Fördermittel kamen. Auf der Welt­aus­stellung Expo in Hannover wurde die Anlage stolz als neue Supertechnik präsentiert. Doch die erwies sich als sehr störanfällig. Es dauerte Jahre, bis sie halbwegs zuverlässig lief.

Als viel verhängnisvoller erwies sich jedoch die vertragliche Konstruktion des Neubaus. Die Stadtverordneten hatten die Stadtwerke beauftragt, entsprechende Vereinbarungen auszuhandeln. Die sahen dann so aus: Ein damaliges Toch­ter­unternehmen von Vattenfall und private Anleger finanzierten über einen Fonds den Bau. Die Anlage blieb ihr Eigentum. Eine Tochterfirma der Stadtwerke trat als Betreiberin auf und trug alle finanziellen Risiken.

Den Geldgebern war eine feste Rückzahlungsrate zugesichert, unabhängig von der künftigen Entwicklung des Strompreises, der Verfügbarkeit der Anlage und ihrer Auslastung. Doch der Strompreis ging nach unten, die Anlage stand immer wieder still, und die Prognosen über eine steigende Zahl von Wärmeabnehmern in der Stadt erwiesen sich als Illusion.

Die Folge: 2005 stand das kommunale Unternehmen am Rande der Insolvenz. Der Jahresabschluss 2004 wies mehr als 17 Millionen Euro Defizit aus. Dabei waren ein Jahr zuvor schon 30 Millionen Euro hineingebuttert worden. Der damalige Geschäftsführer hatte Teile des Wärmenetzes der Stadt für diese Summe verkauft, um es dann für jährlich drei Millionen Euro zurückzuleasen. Der mit Stadtverordneten besetzte Aufsichtsrat hatte dieses unsinnige Geschäft genehmigt.

Abgewendet wurde die Pleite letztlich nur, weil eine Tochtergesellschaft der Deutschen Kreditbank (DKB) drei Viertel der Stadtwerke ohne Gegenleistung von der Stadt übernahm und eine harte Sanierung einleitete. Die Stadtwerkebelegschaft verzichtete über Jahre auf zweieinhalb Prozent Lohn, die Kommune musste zig Millionen aus dem Haushalt zuschießen, um dann Jahre später die Anteile an den Stadtwerken teuer zurückzukaufen.

Die Stadtverordneten setzten nach Abwendung der Insolvenz einen Untersuchungsausschuss ein, der aufklären sollte, wie es zu diesem verhängnisvollen Geschäft kam. Der Ausschuss stellte fest, dass die vom damaligen Unternehmens­chef vorgelegten Berichte die reale Lage nicht widerspiegelten. Eine Empfehlung des Gremiums war vermutlich auch deshalb, dass Aufsichtsräte kommunaler Unternehmen nur dann mit Stadtverordneten besetzt werden sollen, wenn sie das Fachwissen externer Spezialisten besitzen.

Der Aufsichtsrat der Cottbuser Stadtwerke muss ebenso wie die Stadt als Mehrheitsgesellschafter, der geplanten 75-Millionen-Euro-Investition zustimmen. In dem Aufsichtsgremium sitzt neben Abgeordneten inzwischen auch der langjährige Geschäftsführer der kommunalen Cottbuser Gebäudewirtschaft, die einen Minderheitsanteil der GmbH hält.

Stadtwerke-Chef Vlatko Knezevic verspricht: „Wir rechnen ganz präzise.“
Stadtwerke-Chef Vlatko Knezevic verspricht: „Wir rechnen ganz präzise.“ FOTO: Stadtwerke Cottbus