„Es bringt doch nichts, sich ständig zu ärgern. Aber manchen fällt es schwer, etwas Positives zu sehen. Und denen wollen wir die Hoffnung wieder zurückgeben“, sagt Thomas Prescher. Er ist Sozialarbeiter in der Cottbuser Stadtmission der Diakonie Niederlausitz. Gerade vor den Feiertagen haben die Mitarbeiter hier alle Hände voll zu tun – mit Vorbereitungen für die große Weihnachtsfeier, dem Gänsebraten-Essen und mit den persönlichen Geschichten der Besucher, die vor dem eigentlichen Familien-Fest immer wieder eine Rolle spielen.

Ähnliche Situation wie Maria und Josef

„Manche haben Angst davor, sich gerade zu Weihnachten an früher zu erinnern“, erklärt Prescher. Nicht alle wollen darüber reden, wie das Fest mit der Familie damals war, was es für Geschenke gab oder welche Traditionen man pflegte. „Da muss man sehr behutsam sein. Ganz egal, ob die Menschen eine schöne oder eine schlimme Kindheit hatten, für viele unserer Besucher ist das ein sehr heikles Thema“, sagt der Sozialarbeiter.

Dennoch werden die Angebote der Stadtmission auch zu Weihnachten gut genutzt. Zur Weihnachtsfeier im Familienhaus waren wieder mehr als 150 Menschen vor Ort. „Die eingedeckten Plätze reichen meistens nicht aus, die Nachfrage ist viel größer“, erklärt Prescher. Drei Stunden dauerte die Veranstaltung. Während dieser Zeit wurde gegessen, gesunden und der Pfarrerin gelauscht.

„Es ist total schön zu sehen, dass die Leute in totaler Stille 20 Minuten sitzen und zuhören können“, sagt er. Die Predigt sei weniger theologisch, dafür mehr auf die Situation der Menschen angepasst. „Es kommt bei den Leuten gut an, denn sie merken, dass die Weihnachtsgeschichte auch irgendwie ihre Situation widerspiegelt. Maria und Josef haben immerhin auch eine Unterkunft gesucht“, erklärt Thomas Prescher.

Die zweite Familie im Straßencafé gefunden

Für viele sei der Besuch im Straßencafé so etwas wie der Besuch der zweiten Familie. Als „lebendes Inventar im Stadtcafé“ bezeichnet sich beispielsweise Norbert Kraus. Seit 2013 lebt er in Cottbus. Im Straßencafé selbst hat er schon seine Sozialstunden abgeleistet und ehrenamtlich gearbeitet. Jetzt verbringt er täglich bis zu vier Stunden in der Wilhelm-Külz-Straße 10 a. „Ich habe sehr gute Freunde hier gefunden, die mir beim Umzug geholfen und mich im Krankenhaus besucht haben“, sagt er.

„Vor Weihnachten schwelge ich schon emotional in Erinnerungen“, gibt der geborene Westfale zu. Doch seine Kinder würden nichts mehr von ihm wissen wollen. Nur noch der Kontakt zum Bruder und der Mutter sei gut genug, um sie ab und an in der Heimat zu besuchen. Um neue Menschen kennenzulernen, würde er auch in der Stadt ab und an auf Fremde zugehen und sie ansprechen. „Nur so lernt man noch neue Leute kennen“, sagt Kraus.

Zeit, um zu vertrauen

Nur wenige der Mitarbeiter im Straßencafé haben einen sozialpädagogischen Hintergrund. „Sie können sich dennoch sehr gut einfühlen und werden oft besser angenommen, weil sie als ebenbürtig wahrgenommen werden und wissen, wie man mit den Problemen im Alltag klarkommt“, erklärt Thomas Prescher. Denn Probleme, das wird deutlich, haben die Besucher der Stadtmission häufig viele.

Cottbus

Egal ob Behördengänge, Anträge ausfüllen, Schulden abbauen, Sucht oder persönliche Verhältnisse – bei allem versuchen die Mitarbeiter in der Stadtmission von 8 bis 17 Uhr zu helfen. Ihre wichtigste Aufgabe ist aber immer die selbe: zuhören. „Manche Menschen brauchen lange, ehe sie Vertrauen fassen. Dann reden sie erst über scheinbar Belangloses und sprechen dann später doch über ihre Lebensgeschichte“, sagt Prescher.

Nicht immer kommen die Menschen von selbst ins Straßencafé. Manche würden von Verwandten oder Freunden gebracht. Andere sind Einzelgänger und würden deshalb auch die Hilfe der Mitarbeiter im Straßencafé ungern annehmen. „Doch wer Hilfe braucht, der muss schon reden“, betont Thomas Prescher.

Zusätzliche Öffnungszeiten


Bis Ende März 2020 bietet der Kältenotdienst im Straßencafé zusätzliche Öffnungszeiten an. Obdachlosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten sowie sozialschwachen Menschen stehen nun auch an Wochenenden und Feiertagen die Türen von 9 bis 13 Uhr offen. In der Wilhelm-Külz-Straße 10a bekommen sie die Möglichkeit, sich aufzuwärmen, Snacks und Getränke zu sich zu nehmen, die Kleiderkammer, Duschen und Waschmaschine zu nutzen. Auch die Beratungs- und begleiteungsangebote stehen während dieser Zeit zur Verfügung. Wer die Stadtmission selbst gern ehrenamtlich unterstützen will, kann sich laut Internetseite der Diakonie Niederlausitz von Montag bis Freitag zwischen 8 und 9 Uhr bei Frau Honka unter der Telefonnummer 0355/3832498 melden.