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Staatsoberhaupt in der Werkstatt

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender besuchten am Freitag das Bildungszentrum der Handwerkskammer. In der Metallwerkstatt müssen die Lehrlinge Drehteile herstellen. "Wie viel Spiel haben Sie denn hier?", fragt Steinmeier. "Zwei Millimeter", bekommt er zur Antwort.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender besuchten am Freitag das Bildungszentrum der Handwerkskammer. In der Metallwerkstatt müssen die Lehrlinge Drehteile herstellen. "Wie viel Spiel haben Sie denn hier?", fragt Steinmeier. "Zwei Millimeter", bekommt er zur Antwort. FOTO: mih1
Cottbus. Überall wimmelt es Freitagmittag von Sicherheitsleuten und Polizisten rund um einen unscheinbaren Bau am Rande des Gewerbeparks in Gallinchen. Das Berufsbildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer (HwK) Cottbus ist eine Hochsicherheitszone. Peggy Kompalla

Ausbilder, Angestellte, Lehrlinge - jeder im Haus trägt ein Armband vom Bundeskriminalamt. Alle Personalien sind bekannt, auf jeder Etage stehen Männer mit Knopf im Ohr. Die Schorbuser Straße ist abgesperrt. Pünktlich um 13 Uhr rauscht der Konvoi mit dem Staatsoberhaupt an. Die Tür seiner Limousine fliegt auf, Frank-Walter Steinmeier springt heraus und ruft fröhlich: "Einen schönen guten Tag." Er reckt seine Hand Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) und HwK-Präsident Peter Dreißig entgegen. Lächeln. Blitzlichtgewitter. Blumen für First Lady Elke Büdenbender.

Das ist genug des Vorspiels, findet Steinmeier und drängt ins Haus. Von Präsident zu Präsident verkürzt er sanft die Empfangsrede von Peter Dreißig. Er will das Bildungszentrum erkunden und die Lehrlinge kennenlernen. Die angehenden Anlagenbauer rutschen nervös auf ihre Stühlen hin und her. Steinmeier und seine Frau verwickeln sie ohne Umschweife in Gespräche. Das Staatsoberhaupt hört genau zu. Es ist aber vor allem die First Lady, die immer wieder interessiert nachhakt. Sie reden über Thermostate und Wärmepumpen. Alles ganz unverkrampft. Die Anspannung verfliegt.

In der Metallwerkstatt stehen Flüchtlinge an der Werkbank. Sie können ihre Nervosität nicht so leicht ablegen. Der Trubel ist zu groß. Sie hämmern und feilen einfach weiter, während das Staatsoberhaupt ihnen genau auf die Finger guckt. Wo es mit Deutsch nicht klappt, wechselt Steinmeier kurz ins Englische. So erfährt er, dass ein junger Mann aus Somalia stammt, ein anderer aus Afghanistan. Sie gehören zu knapp 80 Flüchtlingen, die seit dem Jahr 2016 in dem Bildungszentrum ans Handwerk und den Umgang mit verschiedenen Materialien herangeführt werden. Dazu gibt es einen Deutschkurs. Najmadin Ali stammt aus Kobane in Syrien. Sein erster Satz: "Ich bin froh, in Deutschland aufgenommen worden zu sein." In seiner Heimat hat er als Tischler gearbeitet. Deshalb ist er mit dem Kurs zufrieden, der seine Hoffnung weckt, dass er auch in Deutschland als Tischler arbeiten kann.

Eine Etage über den Werkstätten liegt der Duft von Haarspray in der Luft. Die Friseurinnen arbeiten an Puppen. Der Bundespräsident zeigt auf eine Frisur und fragt: "Was kostet die denn?" Zur Antwort kommt: "70 Euro." Da guckt er verblüfft. Er lernt die Regel: Je länger und je heller, um so teurer. Zu den angehenden Friseurinnen gewandt, sagt er: "Wir habe Ihnen eine Delegation mitgebracht, die nehmen gleich Platz." Bei dem Satz zeigt er auf die stattliche Entourage aus Presse und Staatskanzlei-Mitarbeitern. Später sagt Madeleine Peter über ihre Begegnung mit dem Bundespräsidenten: "Er ist sehr sympathisch, natürlich und offen." Ihre Aufregung im Vorfeld sei völlig unnötig gewesen. Mit Blick auf seine weiße Haarpracht sagt sie dann noch: "Aber seine Frisur ist verbesserungswürdig."

Frank-Walter Steinmeier genießt den Besuch, macht später beim Mittagessen viele Selfies mit den jungen Leuten. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) begleitet ihn zwei Tage lang beim Antrittsbesuch in Brandenburg. Am Vortag lernte Steinmeier Absolventen der Potsdamer Universität und Freitagvormittag Schüler des Forster Gymnasium kennen. In Gallinchen spricht er zu den Lehrlingen: "Das Bild wäre nicht vollständig, wenn ich nicht bei Ihnen gewesen wäre. Sie werden das Rückgrat der Region und der Wirtschaft sein. Es ist Ihre Arbeit, die wir Menschen im Alltag kennen. Sie reparieren unsere Heizung und Sie sorgen dafür, dass wir einigermaßen gepflegt vor den Kameras erscheinen." Das hätte HwK-Präsident Dreißig nicht besser sagen können. "Eine bessere Werbung für die berufliche Bildung gibt es nicht."