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Stadtspaziergang mit Zeitzeugen
Spuren friedlicher Revolution

Vor dem Staatstheater machen Fotos von 1989 die Runde.
Vor dem Staatstheater machen Fotos von 1989 die Runde. FOTO: Isabel Damme/ide1
Cottbus. "Viele Cottbuser haben darauf gewartet!" Mit diesen Worten eröffnete Cornelia Jahr die Demonstration vor dem Staatstheater im Jahr 1989. Auch am vergangenen Samstag warteten 25 Cottbuser gespannt auf einen Stadtspaziergang durch die Vergangenheit. Isabel Damme / ide1

Während der von Schülern organisierten Rallye wurden viele Erinnerungen ausgetauscht. Die Gruppe lief Schauplätze der friedlichen Revolution an und erinnerte sich an die Gründung der Umweltgruppe vor 30 Jahren.

Eingebettet in eine ganze Reihe an Veranstaltungen zum Gründungsjubiläum startete sie am Vormittag an der alten Schlosskirche in der Spremberger Straße zum Stadtspaziergang. Drei Zehntklässler des Max-Steenbeck-Gymnasiums informierten die Spaziergänger an jeder Station über die Bedeutung des Standortes. "Den Inhalt haben wir zuvor gemeinsam aus verschiedenen Materialien ausgearbeitet und das Vortragen geübt", erzählt die 15-jährige Lätizia Bresler. Ihr Klassenkamerad Lorenz Lenk schätzt ihre Geschichtsprojekte sehr. "Durch die selbst gesammelten Erlebnisse bleiben die Fakten besser im Kopf hängen." Die heutige Synagoge war damals ein häufiger Treffpunkt für die Umweltgruppe. Da eine kirchliche Andacht nicht angemeldet werden musste, nutzten die unzufriedenen Bürger diese Chance, um über Missstände zu reden. Ingrid Model untermauerte den Schülervortrag mit einem aufregenden Zeitzeugenbericht. Am 30. Mai 1989 wurde in diesen Hallen von den gefälschten Kommunalwahlen berichtet. Wie dieser Betrug auffiel, erklärte Andreas Storch. Er war damals einer von vielen Skeptikern, der das Auszählen der Stimmen beobachtete und letzlich den Betrug enttarnte. "Auf Nachfragen beim Rat des Bezirkes wurden wir hochkant rausgeworfen."

Während eines angeregten Erfahrungsaustausches lief die Gruppe zum Staatstheater. An der zweiten Station angekommen, berichtete der 15-jährige Lorenz Lenk über die mindestens 20 000 Mann starke Demonstration am 30. Oktober 1989. Cornelia Jahr hatte sie damals bei der Polizei angemeldet und stand auch diesmal vor der Menschengruppe. "Bei dem riesigen Applaus nach meinen Worten wurde mir im Bruchteil einer Sekunde warm und kalt zugleich", erinnerte sie sich. In Kombination mit alten Fotos zeigte sie, wo sie bei der Demonstration stand und wie sehr ihre Knie gezittert haben.

Zum Schluss führte die Stadtführung vor die Oberkirche, wo der Zehntklässler Piet Kohn an der Reihe war. In diesen heiligen Hallen begannen die Forderungen nach Freiheit und Demokratie. Christoph Polster untermauerte die Informationen mit seinen Erlebnissen und alten Plakaten. Ein besonderer Nervenkitzel war die Frage, "ob die Sicherheitskräfte einschreiten würden oder die Demonstrationen friedlich verlaufen werden." An die Zusammenarbeit mit den Schulprojekten denkt er gern zurück und erinnert sich besonders gut an eine Frage: Wie konnten sich innerhalb kurzer Zeit so viele Menschen zur Demonstration treffen ohne die Nutzung von Facebook, Whatsapp und Co.? Auch Maria Nooke, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, ist von den Akteuren begeistert. "Ich konnte die Dynamik von damals spüren." Sie findet es sehr wichtig, dass sich die Jüngeren fragen, was früher in ihrer Stadt passiert ist. Die Kombination aus Vortrag, Gespräch und Spaziergang findet sie daher sehr gelungen. "Die Erinnerungen des Einzelnen sind sehr persönlich. Wir konnten heute viele verschiedene zusammen puzzeln, wodurch ein Gesamtbild entstanden ist." Dies gefiel auch dem 27-jährigen Jonas Kirchner am besten. Er kennt viele Geschichten seiner Eltern und konnte diese während des Spaziergangs ein wenig nachempfinden.

Besonders aufmerksam begleitete die 14-jährige Anna Gümbel diese Veranstaltung. Die Schülerin arbeitet derzeit an einer Facharbeit zur friedlichen Revolution in Cottbus und nutzte die Chance, um sich mit der Thematik vertraut zu machen. "Ich hoffe auf spannende Zeitzeugenberichte für die Untermalung meiner Arbeit."