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| 19:08 Uhr

Cottbuser genießen Kunst und nehmen Absschied
Spreewaldtunnel als Galerie

Alter Spreewaldtunnel als Kunstgalerie FOTO: Tino Schulz
Cottbus . Cottbuser nehmen Abschied vom alten Bauwerk und stehen dafür sogar an. Von Peggy Kompalla

Das internationale Künstlerkollektiv workroom 5 hat den Spreewaldtunnel am Freitag in eine Galerie verwandelt. Für die Cottbuser war das die letzte Gelegenheit, Abschied zu nehmen von dem Bauwerk. Eigentlich ist der Tunnel bereits offiziell geschlossen. Nur für die Kunstaktion wurde er noch einmal für sechs Stunden geöffnet. Sein Schicksal ist besiegelt. Er wird im Januar verfüllt.

Als es richtig losgeht, ist es schon dunkel. Die Kälte zwickt an Nase und Fingerspitzen. Trotzdem stehen die Cottbuser geduldig an. Wegen der strengen Sicherheitsauflagen dürfen maximal 25 Personen den Tunnel betreten. Das Künstlerkollektiv gibt 25 Uno-Spielkarten aus. Nur mit einer dieser Karten in der Hand geht es noch einmal die steile Treppe hinab in den Bauch den Tunnels.

Der Spreewaldtunnel war noch nie schön. Trotzdem hängt das Herz und die Erinnerung der Cottbuser an dem Bauwerk. Das ist am Freitag zu spüren. Der altgewohnte Gang durch den Tunnel war im eiligen Schritt. Am Freitag lassen sich die Menschen Zeit, sie schlendern, fotografieren und lassen sich auf die Kunst an den Wänden ein.

Das internationale Künstlerkollektiv workroom 5 hat den Spreewaldtunnel am Freitag sechs Stunden lang in eine Galerie verwandelt. Für die Cottbuser war das die Gelegenheit, um Abschied zu nehmen von dem 132 Jahre alten Bauwerk.
Das internationale Künstlerkollektiv workroom 5 hat den Spreewaldtunnel am Freitag sechs Stunden lang in eine Galerie verwandelt. Für die Cottbuser war das die Gelegenheit, um Abschied zu nehmen von dem 132 Jahre alten Bauwerk. FOTO: Tino Schulz

Im Gegensatz zu den Cottbusern steht Elena Dorn zum ersten Mal im Spreewaldtunnel. Sie beobachtet die Szenerie. Auch sie spürt, dass die Leute Abschied nehmen. „Das ist schön“, sagt die junge Frau. Sie studiert an der Universität der Künste in Berlin und stellt zum ersten Mal mit workroom 5 aus. Sie zeigt Fotografien, eine Collage und Aquarelle. Es scheint, als wären sie genau für diese gelben, schrundigen Wände geschaffen worden.

Respektvoll lassen die 15 Künstler selbst alten, hässlichen Graffiti ihren Platz. Die Besucher sind durchweg angetan. Dietmar Wasmus ist begeistert: „Eigentlich schade, dass erst internationale Studenten kommen mussten mit so einer Idee. Es ist schön geworden.“ Der Cottbuser kann sich den Tunnel sogar als einen Veranstaltungsort vorstellen. „Das wäre doch total cool. Es müsste nur einen Kunstverrückten geben, der das Geld dafür hergibt.“ Brita und Eberhard Richter hegen denselben Traum: „Der Tunnel müsste eigentlich erhalten bleiben, genau für so etwas“, sagt er. Das ist immer wieder zu hören an diesem Abend.

Petra Schmidtchen und ihr Mann waren eigentlich mit dem Auto auf dem Weg nach Hause und haben noch einmal einen Umweg gemacht. „Im Radio haben wir von der Kunstaktion gehört und sind sofort hierher gefahren“, erzählt sie und schaut sich um: „Der Tunnel wirkt ganz anders.“ Tatsächlich verströmt er an manchen Stellen plötzlich sogar so etwas wie Gemütlichkeit.

Gerold Reichenbach genießt den Tunnelspaziergang sichtlich, plaudert mit den jungen Künstlern. Ihm gefällt, was er sieht. Das bezieht sich nicht allein auf die Kunst, auch auf das Bauwerk. „Wie viele Jahre der überstanden hat“, sinniert er und schiebt nach: „Das liegt auch an der alten Bauweise.“ Der Spreewaldtunnel wurde im Jahr 1886 gebaut. Damit ist er stattliche 132 Jahre alt. „Sein Zustand ist erstaunlich.“ Trotzdem ist er nicht nostalgisch. „Der Erhalt und die Sicherheit würden eine Menge Geld kosten“, sagt er. Die Zeit des Tunnels sei gekommen. „Deshalb ist mir wichtig, noch einmal hier zu sein.“ Was die Kunst angeht, ist er ehrlich: „Mir gefällt nicht alles. Aber die Fotografien und die Skizzen sprechen mich sehr an.“ Er findet dann aber doch: „Es ist noch so viel Platz. Es hätte ruhig noch mehr Kunst sein können.“

Auch Bahnhofsmanager Jan Henkel ist gekommen und hat einen Fotoapparat dabei, wie die meisten Besucher. Aber nicht nur sie halten die letzten Stunden des Tunnels fest. Hannes Soballa vom Künstlerkollektiv hat eine Videokamera umgeschnallt und beobachtet mit dem Objektiv die Menschen, die alle entspannt reagieren.

Wieder oben angekommen ist die Warteschlange noch etwas länger geworden. Zum Aufwärmen reichen die Organisatoren Glühwein. Ungewöhnlich am Bahnhof: An diesem Freitag hat niemand Eile.

Alter Spreewaldtunnel als Kunstgalerie FOTO: Tino Schulz