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| 14:01 Uhr

Spreewald
Fontane trifft den guten Ton

 Mit ihrer Tischdrehorgel spielen Heidemarie und Hans-Georg Heim ab und an ein Ständchen.
Mit ihrer Tischdrehorgel spielen Heidemarie und Hans-Georg Heim ab und an ein Ständchen. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Vetschau. Vor 200 Jahren wurde Theodor Fontane geboren. Welche Objekte aus seiner Zeit haben bis heute überlebt? Der Burger Tourismusverein fragt für eine Kunstaktion nach. Eine Vetschauer Familie hat Erstaunliches gefunden. Von Liesa Hellmann

Nähert man sich dem Haus von Familie Heim in Vetschau, ist schon von draußen fröhliche Musik zu vernehmen. Es klingt nach einer Mischung aus Leierkasten und Flötenklängen. Der Eindruck täuscht nicht: Die Töne entspringen einem schwarzen Holzkasten, etwa 40 Zentimeter lang und 20 Zentimeter tief. Obenauf liegt eine dünne Metallplatte mit kompliziertem Lochmuster, die einer Schallplatte nicht ganz unähnlich sieht. Vor dem Gerät steht Heidemaries Heims Mann Hans-Georg und kurbelt.

Er treibt damit einen Blasebalg im Inneren des Kastens an und lässt die Platte rotieren. Ähnlich wie bei einer Schallplatte wird das Lochmuster abgetastet und eine Melodie erklingt. 14 Platten besitzt Heidemarie Heim, das Repertoire reicht vom Weihnachtsklassiker „Stille Nacht, heilige Nacht“ über Walzerstücke bis zum Berliner Volkslied „Komm, Karleniken, komm“. Wer die Platten und die Tischdrehorgel angeschafft hat, weiß Heidemarie Heim nicht. Fest steht, dass sie sich schon lange im Familienbesitz befinden. Sie selbst hat das Instrument von ihrer Patentante bekommen.

Und noch immer kommt der Vorläufer des Plattenspielers bei Geburtstagen und Familienfeiern zum Einsatz. „Als mein Vater seinen 70. Geburtstag feierte, stand mein Onkel auf der Straße und spielte ihm ein Ständchen“, erzählt Heidemarie Heim, die heute selbst 75 Jahre alt ist.

Aus welchem Jahr die Tischdrehorgel stammt, kann sie nur schätzen: „Sie muss um das Jahr 1900 gefertigt worden sein.“ Tatsächlich ist sie im Vergleich zu früheren Modellen deutlich handlicher als die Klangmaschinen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Gut möglich, dass Theodor Fontane, der erst im Jahr 1898 verstarb, selbst eine besaß.

An dem Brandenburger Dichter liegt es auch, dass Heidemarie Heim ihre alte Drehorgel hervorgeholt hat. Zum 200. Geburtstag von Theodor Fontane haben der Tourismusverein Burg und Umgebung und die Tourismusinformation Burg Menschen aus der Region dazu aufgerufen, Keller, Dachböden, Bücherschränke und ihre Umgebung nach historischen Objekten aus dem 19. Jahrhundert zu durchforsten. „Sei Fontane-Zeit-Entdecker“ lautet der Aufruf. Die materiellen Zeitzeugen aus der Zeit sollen Inspiration sein für den Künstler Jim Avignon, der aus den gewonnen Eindrücken ein Kunstwerk erschaffen will. Zum Festakt am 7. September soll es enthüllt werden.

An diesem Tag wird auch Heide Rezepa-Zabel in Burg sein. Aus der ZDF-Sendung „Bares für Rares“ bekannt, wird die Berliner Kunsthistorikerin ausgewählte Fundstücke schätzen und kunstgeschichtlich einordnen. Heidemarie Heim ist gespannt, was Rezepa-Zabel zu ihrer Armbanduhr für Damen sagen wird. Das zarte Goldkettchen für ein schmales Handgelenk ist ebenfalls ein Erbstück. In eine Halterung kann eine Taschenuhr eingesetzt werden, sodass die Dame die Uhrzeit modern am Handgelenk tragen konnte.

„Früher hieß es, dass eine Frau am Abend keine Uhr tragen sollte“, erzählt Heidemarie Heim. Nachzulesen sind solche Kleidervorschriften in dem Buch „Der gute Ton in allen Lebenslagen“ von Franz Ebhardt. Familie Heim besitzt die 15. Auflage des in den 1870er-Jahren erschienen Benimm-Ratgebers, ein Indiz dafür, wie gut sich das Buch damals verkaufte. „Den einen oder anderen Ratschlag kann man noch immer verwenden“, sagt sie. Heidemarie Heim muss es wissen – sie hat selbst bis zu ihrem Ruhestand Kurse in Stil und Etikette gegeben. Zu ihren Kundinnen zählten Firmen und Schulklassen. Sicheres, gepflegtes Auftreten ist wichtig, um im Beruf erfolgreich zu sein, davon ist Heim überzeugt, auch wenn nicht alle Benimmregeln aus dem „Guten Ton“ noch in die heutige Zeit passen.

Die stärkste Verbindung zu Theodor Fontane weist indes ein anderes Fundstück der Heims auf: Die Familie besitzt die gesammelten Ausgaben der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ aus dem Jahr 1870. In der Zeitschrift, die den Untertitel „Illustriertes Familienblatt“ trägt, hat auch Theodor Fontane Texte veröffentlicht, wenn auch erst in den 1880er-Jahren. Mit einer Auflagenhöhe von bis zu 382 000 Exemplaren war sie eine der wichtigsten und meistgelesenen Zeitungen in Preußen.

Heidemarie Heim bekam die Zeitschriften vor Jahren von einem Schüler ihrer Stil-Kurse geschenkt. „Ich habe sie zufällig im Keller gefunden, als ich einen Artikel über die Aktion Fontane-Zeit-Entdecker gelesen habe“, erzählt sie. Der Dichter hat sie schon in ihrer Jugend interessiert. „Als ich als junges Mädchen etwas über Liebe erfahren wollte, habe ich mir den Roman Irrungen, Wirrungen gekauft“, erzählt sie mit einem Schmunzeln. Die Begeisterung für Fontanes Literatur und Objekte aus seiner Zeit hat sie bis heute behalten.

 Familie Heim ist fündig geworden: Diese Objekte stammen aus Theodor Fontanes Zeit. Dazu gehören Bücher und Zeitschriften, eine elegante Damenuhr und eine Tischdrehorgel.
Familie Heim ist fündig geworden: Diese Objekte stammen aus Theodor Fontanes Zeit. Dazu gehören Bücher und Zeitschriften, eine elegante Damenuhr und eine Tischdrehorgel. FOTO: LR / Liesa Hellmann
 Mit ihrer Tischdrehorgel spielen Heidemarie und Hans-Georg Heim ab und an ein Ständchen.
Mit ihrer Tischdrehorgel spielen Heidemarie und Hans-Georg Heim ab und an ein Ständchen. FOTO: LR / Liesa Hellmann