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| 01:02 Uhr

Spreewälder Schmalspurvision rollt aufs Abstellgleis

Heute vor 35 Jahren fuhr mit dem Personenzug P 456 der letzte Zug der Spreewaldbahn von Cottbus nach Straupitz. Alle seither angekündigten Bemühungen, die 1000-Millimeter-Schmalspurs-Strecke wiederzubeleben, sind mittlerweile im Sande verlaufen. Ein entsprechender Förderverein hat jetzt sogar seine Auflösung beschlossen. Von Klaus Wieschemeyer

Die Spreewaldbahn kommt im Sommer 2005. Sie wird, wie früher, die Haltepunkte in Goyatz und Burg und Cottbus ansteuern. Sagt Werner Motzek (51), Chef der Gaststätte „Spreewaldbahnhof“ in Burg, dem früheren Bahnhofsgebäude. Die Bahn soll bei ihm auf einem Vorplatz fahren, als Modell im Maßstab 1:22,5.
In Motzeks Gaststätte lebt die Tradition der alten Schmalspurbahn weiter: Zehn Originalwaggons, aufwändig in der Region zusammengesammelte und aufgearbeitete Schätzchen, stehen draußen vor dem alten Bahnhof auf dem Gleis. Am liebsten würde Motzek dort auch die Spreewaldlok zeigen, die das Lübbenauer Spreewaldmuseum in einer Halle am Lübbenauer Schloss stehen hat. Doch Museum (OSL-Kreis) und Motzek (SPN-Kreis) sind sich nicht sehr grün – neben den Kreisgrenzen trennen beide auch unterschiedliche Vorstellungen, wie die Bahngeschichte zu präsentieren ist.

„Eine angenehme Sucht“
Im Gastraum hängen Emaille-Schilder aus der Eisenbahn-Ära, Getränke und Eisbecher rollen von der Theke per pfeifender Modellbahn zu den Tischen. Eine gute Geschäftsidee, doch wohl kaum zu machen, wenn der Chef nicht selbst sammel- und eisenbahnverrückt wäre. „Es ist eine angenehme Sucht“ , schwärmt Werner Motzek.
Gerne hätte er eine kleine Draisinenstrecke – zwischen dem Burger Bismarckturm und seinem Bahnhof – auf der sich Besucher austoben könnten. Doch davon ist derzeit keine Rede. Es ist still geworden um die Schmalspurbahn, nachdem es Ende der neunziger Jahre hochfliegende Pläne gab.
„Wenn alle Hürden bewältigt werden, könnte es spätestens 2001 heißen: Freie Fahrt für die Spreewaldbahn“ , sagte Jürgen Türk Anfang 1998. Der heute 57-Jährige ist Bundestagsabgeordneter für die FDP und war Vorsitzender des Fördervereins Spreewaldbahn, bis der Verein sich im vergangenen Monat aufgelöst hat. Das jetzt vollzogene Vereins-Ende ist für Türk folgerichtig, da sich die Hoffnungen auf eine Wiederbelebung der Strecke nach und nach zerschlagen hätten. „Enthusiasmus alleine reicht nicht“ , sagt Türk heute.
Enthusiasmus gab es in den neunziger Jahren viel. Eine dreiköpfige ABM-Truppe hatte ein Jahr lang an einer Machbarkeits-Studie getüftelt und festgestellt, dass das Potenzial da sei. Touristen und Berufspendler könnten den Zug zwischen Cottbus und Burg benutzen und so die Blechlawine stoppen. Auch Umsetzungs- Ideen gab es reichlich: Die einst „Guste“ genannte Bahn könnte IBA-Projekt werden. Die Cottbuser Straßenbahn (gleiche Spurbreite wie die Spreewaldbahn) könnte die 17 Kilometer nach Burg weiterrollen. Neue Gleise (die alten waren demontiert worden) könnte man günstig aus dem Tagebau bekommen. Geld – die Bahn hätte Schätzungen zufolge zwischen 12,5 und 22 Millionen Euro gekostet – könne aus der Euroregion Spree-Neiße-Bober kommen oder von der Investitionsbank Brandenburg (ILB), bei der Türk eigenen Angaben zufolge schon einen Antrag eingereicht hatte.

„Verpasste Chance“
Die 17 Kilometer lange Strecke Cottbus – Burg wäre zwar nur ein kleiner Teil der alten Verbindungen gewesen (die Bahn rollte in ihren besten Tagen bis Lübben, Lieberose und Goyatz am Schwielochsee), doch schon die Umsetzung dieser Idee erwies sich als nicht umsetzbar.
Umgerechnet 50 000 Euro habe man letztlich für eine zweite, fundierte Machbarkeitsstudie gebraucht, sagt Türk. Doch während Burg seinen Anteil habe bereitstellen wollen, sei Cottbus zurückhaltend gewesen. Der Landkreis Spree-Neiße habe den Zuschuss abgelehnt. Die Region habe nicht mitgezogen, sagt Türk. Das Projekt war „nicht zu realisieren“ , sagt Spree-Neiße-Landrat Dieter Friese (SPD).
„Das ist schon eine verpasste Chance“ , sagt Türk heute. Zwar gab es wegen der fehlenden Studie nie die Gewissheit, ob sich der Schienenverkehr je gelohnt hätte, doch „die Sache sah gut aus“ , so Türl.
Nun ist der Förderverein Geschichte. Die Vereinskasse (3500 Euro) bekamen die Cottbuser Parkeisenbahner, die Unterlagen das Stadtarchiv.
Für Gastwirt Werner Motzek ist das Ende der Vision wenig überraschend. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihm diese Pläne immer eine Nummer zu hochtrabend waren. Realistischer wäre für ihn ein Gleis zwischen Burger Bismarckturm und seiner Gaststätte, auf der Touristen ihre Kräfte an Draisinenhebeln verausgaben könnten.
Das wäre dann vielleicht historisch nicht hundertprozentig korrekt, würde aber eine Attraktion sein, ist Werner Motzek überzeugt. Ebenso wie die 1:22,5-Modellbahn, die er vor seinem Spreewaldbahnhof plant.

Hintergrund Die Spreewaldbahn
 Zwischen 1846 und 1879 verkehrte eine Pferdebahn zwischen Cottbus und Goyatz. 1898 nahm die später auch offiziell so genannte „Spreewaldbahn“ ihren Betrieb auf. Das Streckennetz umfasste gegen Ende der fünfziger Jahre 85 Kilometer. Ab 1952 wurden nach und nach Strecken stillgelegt, bis der letzte Zug am 3. Januar 1970 von Cottbus nach Straupitz rollte.