ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:13 Uhr

Fussball
Schiri-Mangel! Es geht um Menschlichkeit

"Der Umgang ist das Allesentscheidende": Schiedsrichter Jonas Belke.
"Der Umgang ist das Allesentscheidende": Schiedsrichter Jonas Belke. FOTO: Sven Bock / FuPa Brandenburg
Düsseldorf/Cottbus. Seit Jahren registriert der DFB sinkende Schiedsrichter-Zahlen. Die Ursache dafür ist aber keine Geburtenrate, sondern das Freiwild, das viele in den Männern mit der Pfeife sehen. Von Markus Plüm und Steven Wiesner

Bei Wind und Wet­ter sor­gen sie für Recht und Ord­nung, ren­nen im Win­ter über kno­chen­har­te Plät­ze, müs­sen sich nach je­der Ent­schei­dung et­was an­hö­ren, wer­den be­spuckt, be­droht, ver­prü­gelt. Und den­noch sind manche von ih­nen nicht da­von ab­zu­brin­gen, sich am nächs­ten Wo­chen­en­de wie­der die Pfei­fe um den Hals zu hän­gen und ein Fuß­ball­spiel zu lei­ten.

Oh­ne Schieds­rich­ter wä­re im Fuß­ball nichts mög­lich. Nicht in der Kreis­li­ga, nicht in der Bun­des­li­ga. Rund 130 000 Mann­schaf­ten wa­ren im ver­gan­ge­nen Som­mer zum Meis­ter­schafts­spiel­be­trieb un­ter dem Dach des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des (DFB) ge­mel­det. Auf Tau­sen­den Plät­zen wird an je­dem Wo­chen­en­de ge­kickt – und ei­gent­lich ge­hö­ren die Män­ner und Frau­en an der Pfei­fe da­zu wie Ball und Tor.

Seit ei­ni­gen Jah­ren aber sieht sich der DFB stär­ker sin­ken­den Schieds­rich­ter-Zah­len aus­ge­setzt. 2014 wa­ren noch 72 292 Un­par­tei­ische ge­mel­det, zum En­de der ver­gan­ge­nen Sai­son wa­ren es nur noch 58 241. Ein Rück­gang von 20 Pro­zent.

Der DFB weist zwar dar­auf hin, dass es vor Jahren ei­ne Um­stel­lung auf ei­ne Ein­satz­sta­tis­tik gab, die auf einen Schlag mehr als 12 000 Karteileichen aus der Statistik gestrichen hat. Den­noch reicht ein Blick auf die letzten zwei Jah­re, um ei­ne be­sorg­nis­er­re­gen­de Ent­wick­lung fest­zu­stel­len: Nicht nur die Zahl der ak­ti­ven Schieds­rich­ter ist rück­läu­fig, genauso werden die neu aus­ge­bil­de­ten Un­par­tei­ischen stetig we­ni­ger.

Auch die Lausitzer Schiedsrichter-Legende Klaus-Dieter Stenzel macht sich „große Sorgen“ um die Zukunft seiner Zunft. Zwischen 1990 und 1993 leitete der Forster 29 Bundesliga-Spiele, mit mittlerweile 67 Jahren bläst er nicht mehr in die Pfeife, ist aber für den Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) als Ansetzer und Beobachter tätig, unter anderem in der Brandenburg-Liga und der Frauen-Bundesliga.

Stenzel weiß, dass man sich Gedanken machen muss. Es habe auch schon Gespräche mit der Politik gegeben, um die Ausbildung junger Schiedsrichter voranzutreiben. Zu dem Dialog müssten aber auch die Vereine geholt werden. „Sonst werden wir irgendwann Schiffbruch erleiden.“ Zu oft schon wurden seiner Meinung nach Klubs mit Punkt- und Geldstrafen bedacht, weil sie die Quote an Schiedsrichtern nicht erfüllen konnten. Diesen Ansatz hält Stenzel für „primitiv“. „Das löst ja das Problem nicht. Wenn ich mir vorstelle, dass diese Punktabzüge über Auf- und Abstiege entscheiden, machen wir den Sport kaputt.“

Aber wer will es den größ­ten­teils ju­gend­li­chen Kan­di­da­ten auch ver­übeln, dass das Schieds­rich­ter­we­sen im­mer un­in­ter­es­san­ter wird? Sie wer­den oft nicht ak­zep­tiert. Das registriert auch Jonas Belke (25), der sich im Fußballkreis Niederlausitz um den Nachwuchs kümmert. „Der Umgang ist das Allesentscheidende und ein Grund dafür, warum das keiner mehr machen will“, sagt Belke. „Es melden sich viele 13-, 14-Jährige, die richtig Lust auf dieses Amt haben. Doch 50 bis 60 Prozent hören wieder auf, weil sie von Spielern, Trainern und Zuschauern niveaulos behandelt werden.“

Zu­dem ha­ben vie­le im­mer we­ni­ger Raum für ein Hob­by – die kostbare Zeit am Wo­chen­en­de möch­ten sie nicht auch noch da­mit ver­schwen­den, sich von ir­gend­ei­nem Möch­te­gern-Mes­si an­pö­beln zu las­sen.

Nun ist Belke nicht so naiv, zu verlangen, dass ein Schiedsrichter nicht kritisiert werden darf. „Das ist Bestandteil des Hobbies, damit muss man umgehen können.“ Aber der Ton muss weiter die Musik machen. „Wenn man nach dem Spiel ein Bierchen mit dem Schiedsrichter aufmacht und ihm die Meinung sagt, hat es eine ganz andere Wirkung. Das ist was Menschliches, was nichts mit Fußball zu tun hat.“

Wenn man sich die ak­tu­el­len Zah­len vor Au­gen führt, scheint es mit der Menschlichkeit aber nicht weit her zu sein. In­zwi­schen gibt es deutsch­land­weit nur noch 0,45 Schieds­rich­ter pro Mann­schaft. Setzt sich die­ser Trend fort, wird man sich in ab­seh­ba­rer Zu­kunft über­le­gen müs­sen, wie ein ge­re­gel­ter Spiel­be­trieb über­haupt auf­recht er­hal­ten wer­den kann.