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| 18:50 Uhr

Olympiagold vor 30 Jahren
„Ich wollte den Erfolg“

Der zweifache Olympiagewinner Lutz Heßlich vor seinem Anfang der 1990er-Jahre eröffneten Fahrradgeschäft in Cottbus.
Der zweifache Olympiagewinner Lutz Heßlich vor seinem Anfang der 1990er-Jahre eröffneten Fahrradgeschäft in Cottbus. FOTO: Daniel Friedrich
Cottbus . In diesen Tagen jährt sich Lutz Heßlichs (59) Olympiagold von 1988 zum 30. Mal. Der Sieg und die taktischen Manöver von damals sind dem Cottbuser Bahnradsportler auch heute noch allgegenwärtig. Von Daniel Friedrich

Sportler rechnen in Olympiaden, sagt Lutz Heßlich. Es sind vier lange und vier zähe Jahre, zu deren Abschluss sie beim größten Sportereignis der Welt – den Olympischen Spielen – punktgenau zur Höchstform auflaufen müssen. Zwei Mal nahm Heßlich, geboren in Ortrand (Oberspreewald-Lausitz), an den Spielen als aktiver Radsportler teil. 1980, im Alter von erst 21 Jahren, sprintete er in Moskau zum Olympiagold. Vier Jahre später wollte er es erneut wissen. Doch weil die DDR aus politischen Gründen die Spiele in Los Angeles boykottierte, musste Heßlich auf dem vermeintlichen Zenit seiner Leistungsfähigkeit auf seine Teilnahme verzichten. „Ich hätte es wieder werden können“, ist er sich sicher. Eine weitere Olympiade später, 1988, dann die nächste Olympia-Teilnahme – und wieder wird es Gold.

Schon ein Jahr zuvor testete die DDR ihre vier besten Radsprinter unter anderem bei der WM. Fest stand: Nur einer von ihnen konnte zu den Olympischen Spielen geschickt werden. Deshalb gab es klare Nominierungskriterien. „In drei zuvor festgelegten Rennen wurden unsere Platzierungen gewertet und mit Punkten verrechnet. Der Fahrer mit den meisten Punkten konnte am Ende zu Olympia gehen“, erinnert sich Lutz Heßlich, der bereits als Favorit ins Rennen ging, und fügt an: „Die Nominierung war damals das Härteste.“

Und Heßlich, der Olympiasieger von vor sieben Jahren, war immer noch da: Er gewann alle drei Qualifikationsläufe und durfte somit als Starter für die DDR nach Südkorea fahren. Bedauerlich findet er es, dass es die damaligen, leistungsbezogenen Qualifikationen heute nicht mehr gibt. „Inzwischen geht es mehr nach dem Gefühl der Trainer. Nicht der objektiv beste Sprinter setzt sich durch, sondern der, der am besten für sich wirbt“, kritisiert Heßlich. Daran kranke das Leistungssport-System.

Die Wochen vor den Olympischen Spielen waren durch extremen Druck von zu Hause gekennzeichnet. Die Erwartungen seien riesig gewesen, „der Körper wurde aufs Extremste gereizt und austrainiert.“ In der Vorbereitungszeit habe sich Heßlich selbst viele Gedanken um die Trainingspläne und die technische Entwicklung seines Rades gemacht. „Bei einer Sprintstrecke von 200 Metern kommt es auf jede Zehntelsekunde an. Da muss man aus Geschwindigkeit, Aerodynamik und dem körperlichen Wohlbefinden das Optimum herausholen.“ So tüftelte der Cottbuser mit dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) sowie dem Fahrradhersteller Diamant an seinem Fahrrad herum. Zusammen entwickelten sie unter anderem schmale Messerspeichen, um minimalem Luftwiderstand ausgesetzt zu sein. Die Rohre des Fahrradrahmens wurden zum Tretlager hin gedrückt. Das widersprach zwar der Aerodynamik, sollte aber die Kraft aus den Pedaltritten besser auffangen. Außerdem verkleidete Heßlich die Unterseite seines Sattels, damit sich darunter keine nachteiligen Luftwirbel entwickeln konnten. „Der Fahrradbau war mein Leben. Und wer, wenn nicht der Fahrer selbst, weiß am besten, was er für ein optimales Fahren braucht?“ Zudem trug der Radsprinter erstmals eng am Körper liegende Shirts statt locker im Wind flatternder Kleidung.

Lutz Heßlichs Olympiarad von 1988: Es enthält zahlreiche sonderangefertigte Bauteile wie abgeflachte Messerspeichen und einen besonderen Fahrradrahmen.
Lutz Heßlichs Olympiarad von 1988: Es enthält zahlreiche sonderangefertigte Bauteile wie abgeflachte Messerspeichen und einen besonderen Fahrradrahmen. FOTO: Daniel Friedrich

„Die Hälfte des Wettkampfs schafft der Körper, die andere Hälfte der Kopf“, berichtet Lutz Heßlich. So gab es im Vorfeld der Olympischen Spiele neben dem Renntraining auch autogenes Training und psychologische Taktik-Schulungen. Sein Wissen setzte Heßlich vor dem Wettkampf auch prompt ein: Er präsentiert seinen Kontrahenten Nikolai Kowtsch aus der Sowjetunion beim Warmfahren sein Ersatzrad, was dieser erstaunt zur Kenntnis nimmt. „Das hat ihn natürlich verwirrt und abgelenkt.“ Die Finte glückt. Kowtsch richtet sich auf das neue gegnerische Rad ein,  doch beim Rennen steigt Heßlich wieder auf sein Originalrad in der 47 zu 14-Übersetzung um. Auf den entscheidenden 200 Metern lässt er sich zunächst von Nikolai Kowtsch überholen und zieht schließlich aus dem Windschatten noch einmal an ihm vorbei. Der Sieg in beiden Finalläufen bringt ihm so sein zweites Olympisches Gold. „Ich wollte den Erfolg“, sagt Lutz Heßlich 30 Jahre später mit einem Grinsen im Gesicht.

Seine Familie blieb unterdessen zurück in der DDR und musste sich mit den Fernseh-Berichten aus Seoul begnügen. „Es gab ja damals noch kein Handy und ich denke, das war auch gut so. Denn ich wollte mich ganz und gar auf den Sieg konzentrieren“, meint Lutz Heßlich heute. Zurück im heimischen Cottbus wird er dafür mit allen Ehren empfangen. In der Traditionsstraßenbahn wird er zum Sportclub chauffiert, am Straßenrand winken ihm die Zuschauer. „Sicherlich war so eine Goldmedaille auch ein Politikum, das bewusst gepusht wurde“, meint Lutz Heßlich. „Alle wollten ja einen Helden aus der DDR.“ Als Auszeichnung wurde er mit allen Olympioniken zu einer Schiffsreise nach Kuba eingeladen.

Renntrikots, Medaillen und andere Erinnerungen an seine sportlichen Erfolge sind im Boden des Fahrradgeschäftes von Lutz Heßlich eingelassen.
Renntrikots, Medaillen und andere Erinnerungen an seine sportlichen Erfolge sind im Boden des Fahrradgeschäftes von Lutz Heßlich eingelassen. FOTO: Daniel Friedrich

Gesundheitliche Probleme und der Wunsch, mehr Zeit für seine Familie haben zu wollen, ließen Lutz Heßlich 1989 seine Profikarriere beenden. Einige Monate später fällt die Mauer – das politische und sportliche System verändern sich grundlegend. Der nunmehr Ex-Radprofi eröffnet in Cottbus ein Fahrradgeschäft, das er bis heute führt. Dem Radsport in seiner Heimatstadt ist er immer noch verbunden, nicht zuletzt als Trainer seines Sohnes Nico Heßlich (27).