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| 17:55 Uhr

Nach 61 Jahren ist Schluss
Freizeitfußball in Cottbus – Ende einer Ära

 Die BSG ISTC bejubelt 2009 die Stadtliga-Meisterschaft – vor der SG Cottbus/Waikiki und Victoria 93. Als Tiefbau holte das Team in den Jahren 1977 bis 1985 siebenmal den Betriebsliga-Titel.
Die BSG ISTC bejubelt 2009 die Stadtliga-Meisterschaft – vor der SG Cottbus/Waikiki und Victoria 93. Als Tiefbau holte das Team in den Jahren 1977 bis 1985 siebenmal den Betriebsliga-Titel. FOTO: privat
Cottbus. 61 Jahre lang gab es in der Stadt eine Liga für Hobbykicker. Doch damit ist nun Schluss. Der ehemalige Aktive Heinz Kühn bedauert das sehr.

Als Fußball-Betriebsliga wurde sie im März 1957 gegründet. Bis zum Jahr 2018 hatte sie unter verschiedenen Bezeichnungen Bestand – zum Beispiel als Freizeitliga oder Stadtliga. Doch diese große Tradition ist zum Ausklang des vergangenen Jahres zu Ende gegangen. Den organisierten Freizeitfußball gibt es in Cottbus nicht mehr.

„Und das nach 61 Jahren – das ist wirklich eine traurige Sache“, findet Heinz Kühn. Der Cottbuser hat selbst 50 Jahre aktiv Fußball gespielt, zunächst bei Viktoria (früher Turbine) Cottbus und ab Mitte der 80er-Jahre bei Grün-Weiß in der Stadtliga. Kühn hat alle Freizeit-Spiele dokumentiert und viele Artikel darüber aus der Lausitzer Rundschau gesammelt.

 Heinz Kühn blickt für die RUNDSCHAU auf das Kapitel Stadtliga zurück.
Heinz Kühn blickt für die RUNDSCHAU auf das Kapitel Stadtliga zurück. FOTO: Elsner

Hier blickt der heute 69-Jährige zurück auf ein großes Sport-Kapitel. Heinz Kühn berichtet:

Begonnen hat es 1957 mit einer Betriebsliga. In zwei Kleinfeldstaffeln zu je sechs Mannschaften wurde gespielt, ab 1960 dann Großfeld mit zwei Staffeln und je neun Mannschaften. Zu den ersten Mannschaften zählten: Krankenhaus, Schlachthof, Reichsbahn, Post- und Fernmeldeamt, Tufa, Dienstleistungsbetrieb, Rat des Bezirkes, Verkehrsbetriebe, Polstermöbel (PoCo), Konsum-Melde und Unterricht/Erziehung.

Ab 1962 kamen weitere Mannschaften hinzu, wie Cottbuser Wolle, Bekleidung (später Konsument) oder PGH Raumgestaltung. In diesem Jahr gründete sich auch die Mannschaft der GPG „Stadt Cottbus“ (hervorgegangen aus Konsum-Melde), die sich 1977 in Grün-Weiß Cottbus umbenannte. Seit 1964 trat dann die Armee mit verschiedenen Mannschaften auf, wie ASG Vorwärts Mitte, Nord, Ost und West. 1965 folgten die Polizei (Dynamo Mitte) sowie TKC, RAW, Pentacon und Handwerk.

Unter der Leitung des Schiedsrichters und Vorsitzenden der Stadtliga Werner Schneider spielten 1966 insgesamt 40 Mannschaften. Beginnend mit einer Staffel wurde später in zwei Staffeln mit Auf- und Abstieg gespielt. Tiefbau (sieben Mal Meister) und Verkehrsbetriebe (fünf Mal Meister) waren in den 1970er-Jahren die erfolgreichsten Mannschaften.

 Auch unterm Dach wurde regelmäßig gekickt. Der SV Grün-Weiß wurde 2014 Stadtliga-Hallenmeister.
Auch unterm Dach wurde regelmäßig gekickt. Der SV Grün-Weiß wurde 2014 Stadtliga-Hallenmeister. FOTO: Picasa

1983 spielten noch 34 Teams in der Stadtliga. Joachim Rohde (von 1978 – 1984), Günter Raschke (von 1984 – 1993) und danach Günter Mertsch und Manfred Woschesch sorgten in dieser Zeit für den regelmäßigen Spielbetrieb.

Die Freizeitfußballer setzten sich aus einer Mischung von erfahrenen, älteren, meist höherklassigen Spielern und Nachwuchsspielern zusammen. Spieler wie Manfred und Peter Rößler, Hannes Knott, Heinz Egeler, Manfred Duchow, Wolfgang Schmidt (alle Vorwärts Cottbus) sowie Peter Effenberger, Maik Poh­land, Heini Lemancyk (Energie Cottbus) und Helmut Michel (Fortschritt Cottbus) brachten ein hohes Niveau in die Cottbuser Stadtliga.

Von 1990 bis 1995 wurde in drei Staffeln mit Auf- und Abstieg gespielt (28 Mannschaften). Die Tabelle von 1990 zeigt die Beteiligung der Vereine. Bis zum Jahr 1990 erfolgte noch eine regelmäßige Unterstützung der Vereine durch die Trägervereine.

Weitere Höhepunkte der Freizeitkicker waren Turniere in der Stadthalle, „Reinke-Fußballtumiere“ und die jährlichen Hallenmeisterschaften. Zusätzlich nahmen zahlreiche Mannschaften am normalen Pokal (früher FDGB-Pokal, heute DFB-Pokal) teil. Ab 1998 wurde dann noch ein eigener Pokal für die Freizeitliga ausgespielt. Von 1996 an spielte man noch mit zwei Staffeln und 20 Mannschaften. Das Zweistaffelsystem wurde bis 2004 mit je 16 bis 18 Mannschaften beibehalten.

Seit 2005 wurde noch mit einer Staffel und 14 bis 15 Mannschaften gespielt. Im Jahre 2011 waren nur noch neun Mannschaften spielbereit, und bis Ende 2018 verringerte sich die Beteiligung auf sieben beziehungsweise sechs Teams. Die letzten Mannschaften waren Victoria 93 (Schorbus), Energie Freizeit, VfB, ISTC, Spree-Soccer und Grün-Weiß Cottbus (fünf Mal Meister).

Der allmähliche Auflösungsprozess ist eine Erscheinung, die man im Amateurbereich des Sports in allen Sektionen beobachten kann. Große Einrichtungen, zum Beispiel die BTU (Brandenburgische Technische Universität), Polizei oder RAW (Reichsbahnausbesserungswerk) sind nicht mehr in der Lage, Freizeitmannschaften aufzustellen und zu betreuen.

Ohne Unterstützung wird auch die Anzahl der ehrenamtlichen Helfer immer geringer. Durch die Arbeitslage im Osten, oft mit Pendelverkehr verbunden, gibt es immer weniger Nachwuchsspieler – nicht nur im Fußball, sondern in fast allen Sportarten.

Mit dem Untergang der Stadtliga ist in jedem Fall ein großes Kapitel des Fußball-Freizeitsports in der 100 000-Einwohner-Stadt Cottbus zu Ende gegangen.