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| 18:45 Uhr

Sozialer Brennpunkt
Die Waldsiedlung in Groß Schacksdorf – ein Wohnort mit Stigma

 Die Waldsiedlung wirkt gepflegt, die Fassaden sind saniert. Was hinter den Mauern passiert, dringt nur selten an die Öffentlichkeit.
Die Waldsiedlung wirkt gepflegt, die Fassaden sind saniert. Was hinter den Mauern passiert, dringt nur selten an die Öffentlichkeit. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Groß Schacksdorf. Der Missbrauchsprozess um das junge Mädchen aus Groß Schacksdorf vor dem Cottbuser Landgericht wirft Fragen auf: Was kann, was muss eine Kommune tun, um Kinder und Jugendliche vor Gefahren zu schützen. Von Andrea Hilscher

Am Donnerstag steht ein neuer Verhandlungstag gegen Monika R. und ihren Verlobten Stephan P. auf dem Terminplan des Cottbuser Landgerichts. Sie sollen die heute 14-jährige Tochter von R. bei sich in Groß Schacksdorf (Spree-Neiße) versteckt und sich an ihr vergangen haben. Das Gericht hat Fragen der Schuld zu klären. Doch egal, wie das Urteil der Richter ausfallen wird: Für die Waldsiedlung in Groß Schacksdorf ist es eine weitere Niederlage im Kampf um ein besseres Image.

„Sozialer Brennpunkt“, so heißt der Stempel, der der früheren Armeesiedlung seit Jahrzehnten anhaftet. Bereits im Jahr 2007 hat der damalige Landrat Dieter Friese über das einstige Groß Schacksdorf/Ost geklagt. Er sprach dabei unter anderem von „problembeladenen Familien“, verwies auf die finanziellen Belastungen für den Kreis und die überproportional hohe Anzahl von Familien, die dort von Harz IV leben.

Wolfgang Katzula ist seit 2002 ehrenamtlicher Bürgermeister von Schacksdorf. Er sagt: „Ich habe alle Stürme der Zeit erlebt.“ Gerade jetzt sei eine der besseren Phasen der Waldsiedlung. Vor zwei Jahren lebten rund 600 Menschen in dem abgelegenen Ortsteil, heute sind es nur noch 375. Der Investor hat gewechselt. Wo früher bundesweit mit Billigmieten für die Waldsiedlung geworben wurde, setzt der aktuelle Besitzer auf solide Qualität.

Die Grand City Property, die auch in Cottbus zahlreiche Wohnungen anbietet, vermietet Wohnungen mit Quadratmeterpreisen ab drei Euro Kaltmiete. In einer Siedlung, die laut Werbung mit ruhiger und grüner Lage besticht. „Die gepflegten Grünanlagen laden zu Spaziergängen und Nachmittagen im Freien ein.“ Weiter Pluspunkt, so Grand City: „Ein Streetworker vor Ort bietet den Jugendlichen und Kleinen viele attraktive Freizeitgestaltungsmöglichkeiten an.“ Stimmt.

In den Räumen der Waldsiedlungs-Kita bietet ein Träger Familien-Sozialarbeit an, seit Februar ist eine weitere Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe aktiv. Details der Arbeit will der Träger nicht preisgeben. „Wir wollen unsere Klientel schützen“, so der Träger. Die Berichte über den Cottbuser Missbrauchsprozess hätten in der Siedlung schon für zu viel Unruhe gesorgt.

Auch die Leiterin der Jugendamtes des Kreises hält sich bedeckt. „Wir wollen niemanden stigmatisieren“, sagt sie. Zahlen zu Gefährdungslagen für Kinder oder Jugendliche würde der Landkreis nur großräumig erfassen und veröffentlichen.

In den Jahren 2014 bis 2016 allerdings zeichnen Statistiken des Kreises ein düsteres Bild der Waldsiedlung: Etwa 15 Prozent aller Meldungen zu Kindeswohlgefährdungen stammten damals aus der Siedlung. Jedes fünfte Kind, dass im ersten Halbjahr 2016 im Spree-Neiße aus seiner Familie genommen werden musste, kam ebenfalls aus der Waldsiedlung. Seitdem ist die Zahl der Inobhutnahmen und der Meldungen vorn Kindeswohlgefährdungen zurückgegangen – überall im Kreis.

 Für den ehrenamtlichen Bürgermeister Wolfgang Katzula ist die Waldsiedlung seit Jahren ein schwieriges Thema.
Für den ehrenamtlichen Bürgermeister Wolfgang Katzula ist die Waldsiedlung seit Jahren ein schwieriges Thema. FOTO: Anja Hummel

Der Fall der 14-Jährigen hat jedoch nur bedingt etwas mit der Arbeit des Spree-Neiße-Jugendamtes zu tun. Das Mädchen stammt aus Berlin und lebte seit zwei Jahren in Cottbus im Kinderheim.

Wolfgang Katzula, der Bürgermeister, hat wenig Einblicke in die Sozialstruktur der Siedlung. Er wüsste gern mehr über die Menschen, die dort leben. Die sozialen Probleme aber, so sein Eindruck, haben in den letzten Monaten tatsächlich abgenommen.

„Das Gerichtsverfahren handicapt uns, das drückt die Stimmung“, sagt er. Dabei gebe es gute Ansätze. Die neue Sozialarbeiterin, der Umbau des Kindergartens für 300 000 Euro. „Auch das Personal dort haben wir verjüngt, die Pädagogik ist moderner.“ 50 Kinder besuchen Kita, Krippe und Hort. Im Dorf wird ein neuer Spielplatz eingerichtet, für die Kinder aus der Waldsiedlung allerdings ist der kaum erreichbar.

Die Infrastruktur ist schlecht. In Ferienzeiten, in denen der Schulbus nicht fährt, ist die Waldsiedlung abgeschnitten. Es gibt weder Post noch Geschäft, die Fahrt zum Arzt nach Döbern ohne Auto wird zur Strapaze.

Wenn die Einwohnerzahl in der Siedlung weiter sinkt, werde es schwer, die Versorgung mit Warmwasser zu gewährleisten, fürchtet Katzula. Auch um die Strompreise und den Straßenzustand sorgt er sich. Gar nicht zu reden von den Schlüsselzuweisungen, die proportional zur Einwohnerzahl abnehmen. Andererseits: „Mit dem jetzigen Eigentümer läuft es gut. Ein erneuter Wechsel würde zwar vielleicht wieder mehr Einwohner bringen. Aber wohl auch neue Probleme.“