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| 17:19 Uhr

Sozial
Kultur für Tafel-Kinder

 Projektleiter Ronne Noack zeigt den Kindern auf einem Herbstspaziergang, wie lecker Hagebutten schmecken können.
Projektleiter Ronne Noack zeigt den Kindern auf einem Herbstspaziergang, wie lecker Hagebutten schmecken können. FOTO: Kiss Hella
Cottbus. Pädagogen und Künstler setzen sich gemeinsam für junge Menschen aus schwierigem Umfeld ein. Von Andrea Hilscher

„Autsch“ ruft Jason, der mit Hammer und Nagel ein Blechstück auf einer Holzplatte befestigen möchte. Zusammen mit 16 weiteren Kindern hat er zuvor unter Anleitung der Künstler Willi Selmer und Anette Lehmann–Westphal die Holzplatte farblich grundiert. Anschließend konnten sich die Teilnehmer des Projektes im Kunsthaus Laasow im Umgang mit Hammer, Nagel, Metallschere und Schleifpapier ausprobieren.

Die acht- bis 14-jährigen Kinder sind Teil des Förderprogramms „Tafel macht Kultur“ der Bundesregierung. Seit knapp einem Jahr gibt es auch für Cottbuser Kinder die Möglichkeit, ohne finanzielle Unterstützung durch ihre Eltern auf ganz unterschiedliche Weise Zugang zu neuen Lebenswelten zu finden.

Ronne Noack, bekannt als Schauspieler und Postkutscher, ist Leiter des Projektes in Cottbus. Die hiesige Tafel hatte den studierten Theaterpädagogen angesprochen, ob er den Ideen von „Tafel macht Kultur“ in Cottbus Leben einhauchen wolle. „Es hat mich wirklich gereizt, mit diesen Kindern zu arbeiten“, erzählt Noack. Sie stammen aus Familien, in denen das Geld oft nicht für ein warmes Essen reicht, in denen Urlaube, Theaterbesuche und selbst Ausflüge in die Umgebung undenkbar scheinen. „Genau diesen Kindern Teilhabe zu ermöglichen, ihnen kulturelle Erfahrungen zu ermöglichen und ihnen so eine Identifikationsmöglichkeit mit ihrer Heimat zu bieten, das ist wichtig und spannend“, sagt der Cottbuser.

Schnell waren Partner wie das Familienhaus und verschiedene Künstler gefunden, an Ideen herrscht ohnehin kein Mangel. Bei einem Stadtentdecker-Kurs etwa konnten die Kinder, unter ihnen viele Zugewanderte, den Spuren des Mittelalters in Cottbus folgen und eigene kleine Entdeckungen machen. „Kinder laufen ja nicht so wahnsinnig gern“, weiß Ronne Noack. Also gab er ihnen ein Messrad an die Hand und bat sie, die Spremberger Straße zu vermessen. „Tatsächlich haben wir herausgefunden, dass die Sprem die wohl kleinste Fußgängerzone Deutschlands ist“, erzählt der Pädagoge lächelnd.

In Laaswo dann konnten die Kinder ihre Materialbilder fertigen, Stockbrot backen im Haus des ortsansässigen Heimatvereins übernachten. Während eines Ausflugs auf den Schau-Handwerkshof in Burg durften 18 Kindern zwischen 7 und 16 Jahren mit der Malerin Anette Lehmann-Westphal und dem Keramiker Matthias Lehmann vormodellierte Stadtsilhouetten von Cottbus glasieren und brennen, später eigene Glasmagnete basteln.

Von Noacks Idee eines Spaziergangs durch den Spreewald waren die Stadtkinder dann weniger begeistert. „Ich musste mir schon einiges an Spielen und Geschichten einfallen lassen, um die Kids zu motivieren.“ Naturerfahrung, Lieder singen, den eigenen Körper neu spüren, das konnten die Tafel-Kinder auch während eines mehrtägigen Ausflugs nach Laubst. Eintauchen in die Kult der Indianer, erste Erfahrungen in der Pflege von Nutztieren sammeln und so so eigene Stärken und Schwächen neu ausloten – aus Sicht der Macher ein gelungenes Projekt.

„Dabei konnten die Kinder viele unterschiedliche Welten kennenlernen, die ihnen sonst verborgen bleiben“, erklärt Ronne Nocak. „Wenn sie aus ihrem sozialen Umfeld herauskommen und auf Menschen treffen, die sich intensiv mit Kunst beschäftigen, dann öffnen sich neue Horizonte, die einen besonderen Zugang zur Gesellschaft ermöglichen.“ Außerdem, so Noack, mache die Arbeit eben einfach Spaß.

Im kommenden Jahr wollen er und seine Unterstützer noch einen Schritt weitergehen und vielleicht ein Konzentrationslager besuchen, mit Zeitzeugen ins Museum gehen, Erfahrungen im benachbarten Polen sammeln. Kosten und Fahrt, Unterkunft und die Honorare der Betreuer gibt es über das Bundesprojekt, für die Kinder ist die Teilnahme kostenfrei.