| 06:29 Uhr

Cottbus
Sorge um den Zusammenhalt

Weil Kinder in unterschiedliche Schule gehen, geht in den Dörfern die Angst um, dass der Zusammenhalt der Gemeinschaft leidet und damit sogar Traditionen bedroht sind – wie hier die Willmersdorfer Fastnacht.
Weil Kinder in unterschiedliche Schule gehen, geht in den Dörfern die Angst um, dass der Zusammenhalt der Gemeinschaft leidet und damit sogar Traditionen bedroht sind – wie hier die Willmersdorfer Fastnacht. FOTO: Ufer
Cottbus. Dörfliche Ortsteile beklagen, dass ihre Kinder nicht gemeinsam zur Schule gehen können. Von Peggy Kompalla

In Willmersdorf wird für jedes neue Schulkind im Dorf ein Obstbaum gepflanzt. Seit zwei Jahren hält es der Cottbuser Ortsteil so. In diesem Jahr kamen vier neue Bäume in Willmersdorfer Erde. Alle wünschen sich, dass nicht nur die Bäume tiefe Wurzeln schlagen, sondern vor allem auch die Kinder. Ortsvorsteherin Anke Schulz hat diesbezüglich Sorge. „Leider gehen alle Kinder auf andere Schulen“, sagt sie. Der Grund: Die Dissenchener Grundschule, zu dessen Einzugsgebiet Willmersdorf gehört, kann keine weiteren Kinder aufnehmen – nicht einmal die aus der Nachbarschaft.

Das klingt erst einmal wenig dramatisch. Doch für den Zusammenhalt im Ort habe das Auswirkungen. „So werden Traditionen zerstört“, kritisiert Anke Schulz. „In unserem Dorf mit rund 650 Einwohnern können sich keine Freundschaften bilden. Nicht einmal die Hausaufgaben bei Krankheit können übermittelt werden.“ Aus Sicht der Ortsvorsteherin sind es genau diese Kontakte von Kindesbeinen an, die die Gemeinschaft im Ort auch für die Zukunft zusammenschweißt.

Unter idealen Bedingungen würde Sozialdezernent Berndt Weiße (parteilos) alle Willmersdorfer Kinder zusammen auf eine Schule schicken – wenn das denn auch der Wunsch der Familien ist. Denn in Cottbus können die Eltern die Grundschule frei wählen, die ihre Kinder besuchen soll – unabhängig von der Adresse. „Aber wir haben derzeit in allen Grundschulen eine angespannte Lage“, erklärt Weiße. In Dissenchen sei das besonders stark: Dort konnten für das Schuljahr 2017/18 insgesamt 42 Erstklässler aufgenommen werden. „Es gab aber 63 Anmeldungen“, berichtet der Dezernent. Davon betroffen sind nicht nur Willmersdorfer, sondern auch Kahrener Kinder. Für sie hat die Stadt Cottbus mit der Gemeinde Neuhausen eine Lösung gefunden. Die neun Erstklässler besuchen die Grundschule in Laubsdorf. „Ich verstehe den Wunsch der Eltern: Die Kinder gehen gemeinsam in die Kita. Diese Sozialbindung soll auf die Schule übertragen werden.“ Allein der Wunsch scheitere an der Realität.

Wie sehr eine Stadtverwaltung hin und her gerissen ist, kann Raj Kollmorgen nachvollziehen. Er ist Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz. Er beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen in Ostdeutschland. Sein Hauptforschungsgebiet: Management des sozialen Wandels. Nach der Wende haben demnach im Osten Mittelstädte und kleine Großstädte besonders stark unter der Schrumpfung gelitten. In der Folge kam es zu Eingemeindungen. Cottbus nahm 1993 acht Orte auf – darunter Willmersdorf. 2003 noch einmal drei. „Auf einmal gehörten Dörfer zu einer Großstadt.“ Das stelle Verwaltungen vor gewaltige Herausforderungen. Ortsbeiräte seien gute Mittler. „Aber sie müssen ernst genommen werden und dürfen nicht nur eine Alibi-Funktion haben“, sagt der Sozialforscher. „Man muss neu darüber nachdenken, wie Beteiligungen geschaffen werden können.“

Viele Ost-Städte leiden aber nicht nur unter diesem strukturellen Problem. Viel dramatischer sei die demografische Schieflage. Ein besonders großer Teil der Mittelschicht ist abgewandert. „Die ist aber der Kitt einer Gesellschaft, weil sie sich besonders für die Gemeinschaft engagieren. Die fehlt.“ Darüber hinaus verweigerten sich viele Ältere aus ihrer Ost-Erfahrung heraus den neuen Gesellschaftsstrukturen und ziehen sich lieber zurück.

Umso wichtiger, dass neue Generationen nachwachsen, die diese Lücke zumindest ein wenig ausfüllen. Insofern ist Dezernent Berndt Weiße  bei den Willmersdorfern. Die Kapazitäten für die Grundschulen werden erweitert. „Aber das dauert seine Zeit“, erklärt er und weiß: „Für die Eltern geht das natürlich zu langsam.“ Die angespannte Lage an den Grundschulen werde in fünf Jahren vorbei sein, prophezeit er.