| 02:33 Uhr

Sorbischunterricht in der Region gefährdet

Astrid Schramm und Simone Haeberle, hier mit Sohn Julius, sind überzeugt, dass die sorbische Identität ohne Sprache verloren ist.
Astrid Schramm und Simone Haeberle, hier mit Sohn Julius, sind überzeugt, dass die sorbische Identität ohne Sprache verloren ist. FOTO: hil
Cottbus. Seit sie wissen, dass der Sorbischunterricht in der Region ernsthaft gefährdet ist, suchen wendische/sorbische Eltern in und um Cottbus nach Möglichkeiten, ihren Kindern den Zugang zu ihrer Sprache offenzuhalten. Doch eine neue Schulverordnung des Landes will den Sorbischunterricht nur dann ermöglichen, wenn mindestens zwölf Kinder einer Klasse daran teilnehmen. Andrea Hilscher

An vielen Grundschulen würde das das Aus für den Sprachunterricht und das Witaj-Projekt bedeuten.

Astrid Schramm ist Witaj-Mutter der ersten Stunde. Ihre Kinder gehören zur ersten Generation, die im Sielower Kindergarten im Witaj-Projekt groß geworden sind und lückenlos über Grundschule und Hort bis hin zum Niedersorbischen Gymnasium zweisprachig aufwachsen konnten. Astrid Schramm: "Es hat mich einfach begeistert, wie sehr die Kinder von dieser Zweisprachigkeit profitieren. Das Sorbische ist ganz selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens."

Sie selbst habe erst jetzt angefangen, die Sprache ihrer Familie zu erlernen. "Es ist mir einfach unangenehm, wenn ich in Tracht unterwegs bin, auf sorbisch angesprochen werde und nicht antworten kann." Ihre Kinder dagegen können sich mit dem Großvater, einem Muttersprachler, auf sorbisch unterhalten. "Sie bringen die Sprache zurück in die Familie." Auch Simone Haeberle genießt die Erfahrung der Resorbisierung ihrer Familie. Ihre Großeltern haben ebenfalls noch die Sprache der Minderheit gesprochen, ihre Eltern und sie selbst hatten kaum noch einen Zugang. "Seit mein Sohn im Kindergarten die ersten sorbischen Lieder singen lernt, weiß ich wieder, was für einen Schatz wir mit dieser Sprache haben." Auch ihren jüngsten Sohn Julius (7 Monate) möchte sie im Witaj-Projekt aufwachsen sehen. "Doch durch die geplante Schulverordnung ist das in großer Gefahr."

Zusammen mit anderen Eltern engagieren sich die beiden Frauen im Kampf gegen die geplante Schulverordnung. Eine Onlinepetition, Unterschriftensammlungen, Demonstrationen und eine Fahrt nach Potsdam sollen den Bildungsminister aufrütteln und ihm die Konsequenzen seiner Reform aufzeigen. Astrid Schramm: "Das Niedersorbische gehört weltweit zu den am stärksten bedrohten Sprachen. Doch in Potsdam scheint niemand zu wissen, welchen Schatz wir hier in der Lausitz haben." Bitter wird sie, wenn sie davon spricht, wie gern das Land sich mit den Sorben schmückt. "Unsere Trachten sind auf jeder Messe gern gesehen. Doch eine Tracht ist nur eine Hülle, die leer bleibt ohne die Sprache." Simone Haeberle hofft auf ein rasches Einlenken des Ministers. "In der Verfassung des Landes ist die Bewahrung und die Förderung der sorbischen Sprache und Kultur festgeschrieben. Daran sollte sich die Regierung erinnern."

Die Cottbuser Stadtverordneten schließen sich ihrem Protest an. Sie fordern, dass weiter jedem Kind uneingeschränkter Zugang zum Sprachunterricht ermöglicht wird. Am 21. März tagt der Sorbenrat zum Thema, am 23. März übergeben die Eltern Unterschriften an Bildungsminister Günter Baaske (SPD).

Im Internet: change.org, Stichwort Witaj.