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| 18:39 Uhr

Moderne Traditionen
Sorbisch kann auch sexy sein

Kathleen Komolka (v.l.), Töchterchen Elisa, Dana Dubian und Jörg Thiele wollen die niedersorbische Sprache mit Schwung und Pep verbreiten.
Kathleen Komolka (v.l.), Töchterchen Elisa, Dana Dubian und Jörg Thiele wollen die niedersorbische Sprache mit Schwung und Pep verbreiten. FOTO: LR / Hilscher
Cottbus . Mit ungewöhnlichen Ideen wollen Eltern Sprache und Traditionen der Niederlausitz beleben und vor dem Aus retten. Von Andrea Hilscher

Sie sind so unterschiedlich wie das Leben selbst. Kathleen Komolka hat vor einem Jahr ihr viertes Kind zur Welt gebracht. Show- und TV-Koch Jörg Thiele betreibt in Burg die Kolonieschänke, Dana Dubian arbeitet von Sielow aus als Fotografin. Was die Drei eint, ist ihre Sorge um den Fortbestand der sorbischen/wendischen Sprache. Schon seit Jahren engagieren sie sich in Schul- und Kindergartengruppen für Witaj-Projekte, Unterricht in Sorbisch/Wendisch und ein geschlossenes Konzept von der Kita bis hin zum Abitur.

In enger Zusammenarbeit mit der Domowina und und dem Sorbenrat machen sich die Eltern stark für eine praktikable Schulverordnung, die den Sprachenunterricht für sorbische/wendische Schulkinder regelt. Eine erste Verordnung scheiterte am Widerstand zahlreicher Eltern, momentan erarbeitet das Land gerade eine dritte Variante, die im Herbst vorgelegt werden soll. „Mit diesem Vorschlag können wahrscheinlich alle Beteiligten ganz gut leben“, hofft Kathleen Komolka. Neben einer Mindestgruppengröße für den Sprachunterricht ist dort auch geregelt. in welchem Maß das Niedersorbische Gymnasium in der Oberstufe bilingualen Fachunterricht anbieten muss. „Da gibt es mittlerweile gute Ansätze, die vor allem auch die Kinder aus deutschen Familien nicht überfordern und dem Lehrermangel Rechnung tragen“, so Kathleen Komolka.

Mit dem Unterricht in der Schule und Witaj-Angeboten im Kindergarten allein ist es allerdings nicht getan. Große Lücken sehen die Eltern vor allem im Hortbereich. „Hier wird einfach zu viel Deutsch gesprochen“, klagen sie, drängen auf Abhilfe. Daneben schöpfen sie aus einem großen Fundus eigener Ideen, die das Sorbische/Wendische entstauben und attraktiv machen sollen. „Es kann doch nicht angehen, dass unsere Teenager alle zum Oktoberfest nach Dissen rennen und sich in bayrische Trachten werfen“, sagt Dana Dubian aus Sielow. Ihre Tochter, so erzählt sie stolz, sei statt mit Dirndl mit sorbischer Tracht gegangen. „Ein bisschen moderner als sonst, aber eben unsere Tracht.“ Sie weiß, dass sie mit solchen Ansichten die Traditionalisten unter den Niedersorben auf die Palme bringt. „Aber wenn unsere jungen Leute uns abspringen, haben Sprache und Kultur keine Überlebenschance“, sagt sie. So seien viele Mädchen finanziell damit überfordert, zu jedem Fest die komplette Tracht samt Anziehfrau zu bezahlen. „Da sollte es moderne Varianten geben, die den Zugang erleichtern.“ Tracht könne durchaus sexy sein.

Immer wieder machen die Eltern dem Witaj-Zentrum Vorschläge, wie gerade Teenager angesprochen werden können. Die sorbische Band „Die Folksamen“ ist nicht mehr wirklich aktiv, hier werden händeringend Nachfolgeprojekte gesucht. Dana Dubian: „Ich war total glücklich, als meine Tochter neulich einen aktuellen Hit ins Niedersorbische übersetzt hat. Das sind genau die Impulse, die wir brauchen.“

Jörg Thiele wird in seinem Hotel von vielen Gästen nach Einzelheiten zu den sorbischen Wurzeln der Region gefragt. Er arbeite gerade an einer Kochjacke, die Elemente der Tracht aufgreift. „Das ist unser Alleinstellungsmerkmal, das müssen wir hegen und pflegen.“