Von Peggy Kompalla

Das Stadtmuseum erforscht seit mehr als einem Jahr intensiv die Cottbuser Sportgeschichte. Dafür wurden zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt und für das Gedächtnis der Stadt dokumentiert. Einzelne Gesprächs-Ausschnitte sind seit dieser Woche für jedermann per Anwendung auf dem Handy abrufbar. Die RUNDSCHAU-Sommertourler machen am Mittwoch einen ersten Testlauf unter fachkundiger Begleitung durch Museumschef Steffen Krestin und Kurator Tim Köhler. Die Berichte der Historiker werden auf diese Weise ergänzt durch die Erinnerungen der Cottbuser selbst – über den Audio-Guide der neuen Handy-Applikation.

Der Spaziergang steht unter dem Thema „Sportlich auf dem Weg zum Cottbuser Ostsee“. Steffen Krestin beruhigt die Besucher an dem heißen Mittwoch im Stadtmuseum. „Wir werden nicht bis zum Ostsee laufen. Die ganze Strecke sollte man dann doch besser mit dem Fahrrad unternehmen.“ Die Sporttour bringt es tatsächlich auf 28 Kilometer. Elf Stationen umfasst sie. Aber auch die dreistündige „Kurzversion“ zu Fuß lohnt sich und hält für die Besucher manche geschichtliche Überraschung bereit.

Die gibt es schon im Stadthaus. Den meisten Cottbusern ist das Gebäude als Station Junger Naturforscher und Techniker oder später als Museum für Natur und Umwelt in Erinnerung. Aber das Gebäude hat auch ein wichtiges Kapitel Cottbuser Sportgeschichte miterlebt. Dort wurde im Jahr 1963 der SC Sportclub Cottbus gegründet und fortan das Heim für Turner, Radsportler und Boxer. Da es zu der Zeit kein Internat gibt, kommen die Sportler in Zimmern unterm Dach unter. Und im großen Saal, wo heute das Stadtparlament seine Sitzungen abhält, standen zwei Boxringe fürs Training. Steffen Krestin erzählt ein Schnurre vom kürzlich verstorbenen Werner Pfeil. Der war nicht nur ein engagierter Leichhardt-Forscher, sondern in seiner Jugend auch Hochspringer. „Er hat mir erzählt, dass er damals durch zwei Türen Anlauf nehmen musste.“

Sportliche Kuriositäten finden sich auch in der geschichtlichen Sammlung. Dazu gehört beispielsweise ein Glas, das anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1980 hergestellt wurde. „Es gibt eins mit dem Namen des Cottbuser Läufers Udo Bauer“, erzählt Krestin. „Dabei war er aus gesundheitlichen Gründen in Moskau gar nicht angetreten.“ In der Dauerausstellung wird zudem eine Sakko-Jacke für einen Punktrichter gezeigt. „Sie wurde für die Olympischen Spiele 1984 hergestellt, ist aber nie getragen worden, weil die Ostblock-Staaten die Spiele in Los Angeles boykottierten“, berichtet Kurator Tim Köhler.

Wie viele herausragende Sportler Cottbus hervorgebracht hat, ist am Weg des Ruhms vor dem Rathaus am Neumarkt zu sehen. 56 olympische Medaillen wurden von Cottbusern errungen. Entsprechend viele Plaketten liegen im Pflaster. „Welche Stadt hat das zu bieten?“, fragt Steffen Krestin. Die Frage bleibt unbeantwortet, es folgt aber eine Vermutung: „Cottbus würde sicher einen vorderen Platz einnehmen.“

An der Städtischen Turnhalle in der Jahnstraße erfahren die Sommertourler, dass das Gebäude im Jahr 1861 vor den Toren der Stadt errichtet wurde. „Damals war die Stadtmauer noch eine Zollgrenze.“ In der Halle hatte der Turnverein TV 1861 sein Zuhause. „1863 übernahmen die Turner die Aufgabe der Feuerwehr“, sagt Krestin. Tim Köhler verrät: „Der Turnhalle fehlen ein paar Zentimeter für die Standardmaße für ein Volleyball- oder Handballfeld.“ Den Radballern sind diese Standards schnurz. Sie brauchen nur ein Feld von elf mal 14 Metern, wie Gerald Noack per Audio-Guide erzählt.

Kai-Uwe Geske erschien zur Sommertour ohne Uniform. Der Cottbuser Postkutscher nutzte die Sommertour, um sein Wissen um die Geschichte der Stadt zu erweitern. „Das ist Recherche für mich“, erzählt er. „Mir geht es vor allem um Anekdoten, die Geschichte erst lebendig machen. Schließlich will ich die Menschen unterhalten, aber die Informationen müssen stimmen.“

Siegfried Rosenberg kennt sich bestens aus mit der Cottbuser Sportgeschichte, schließlich hütete er jahrelang die sportgeschichtliche Sammlung der Stadt. Das Material hat er mittlerweile dem Stadtmuseum übergeben. Das Interview-Projekt, das im Audio-Guide aufgegangen ist, unterstützt er aus ganzem Herzen. „Das ist wichtig“, betont er. „Denn die Erlebnisse der Menschen sind oft ganz anders, als es in den Büchern steht.“ Das gelte für DDR-Zeit im Besonderen, treffe aber auch heute noch zu.