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| 17:38 Uhr

So klingt und fühlt sich Cottbus an
Der Gullideckel als Straßenschild

 Thomas Schirmer ist viel in Sandow und mit der Bahn unterwegs. Treppen sind kein Hindernis, wenn sie, wie am Sandower Bahnhof, deutlich markiert sind.
Thomas Schirmer ist viel in Sandow und mit der Bahn unterwegs. Treppen sind kein Hindernis, wenn sie, wie am Sandower Bahnhof, deutlich markiert sind. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Cottbus. Er liest den Fußweg leichter als ein Straßenschild: Ein Spaziergang durch Sandow mit Thomas Schirmer, der sich mehr auf Gehör und Tastsinn als auf seine Augen verlässt. Von Liesa Hellmann

Tatort und Terence Hill, Autos und Eisenbahnen, Musik von Roxette und Alphaville – die Hobbys und Vorlieben von Thomas Schirmer teilt wohl so manche Cottbuserin. Was Thomas Schirmer aber von vielen unterscheidet: Er hört, dass sich dem Bahnhof Sandow ein Zug nähert, wenn der gerade erst den Hauptbahnhof verlassen hat. Er fühlt anhand der Wegbeschaffenheit unter seinen Füßen, wo er gerade ist. Wenn man mit Thomas Schirmer in Sandow unterwegs ist, braucht man kein Navigationsgerät.

„Ich gehe viel spazieren und sperre meine Ohren auf“, sagt der 39-Jährige und meint das ganz wörtlich: „Wenn ich alleine unterwegs bin, schraube ich mein Gehör um etwa 40 Prozent hoch, um meine Augen zu entlasten.“ Denn Thomas Schirmer sieht außer Umrissen, Hell-Dunkel-Kontrasten und Farben kaum etwas. Durch einen angeborenen grauen und grünen Star hat er eine Sehfähigkeit von lediglich zehn Prozent.

Das hält ihn nicht davon ab, viel unterwegs zu sein; in Cottbus und im ganzen Bundesgebiet, meistens in Begleitung, manchmal auch allein. Gebürtig aus Hohenwutzen im Märkisch-Oderland, ist er 2001 nach Cottbus gezogen. Seitdem wohnt er in Sandow. Dort kommt er überwiegend gut zurecht, auch wenn es seiner Meinung nach mancherorts noch Verbesserungspotenzial bei der Barrierefreiheit gibt.

Cottbus klingt anders als Leipzig

Wenn man mit Thomas Schirmer durch den Stadtteil spaziert, nimmt man die Stadt ganz anders wahr. Straßenschilder werden zur Nebensache, ebenso Namen von Geschäften, Schaufensterwerbung. In den Fokus geraten dafür Gullideckel, Gehwegpflaster, Ampelpfosten. „Ich orientiere mich an bestimmten geographischen Punkten“, sagt Schirmer. Das kann der Wechsel von einem geteerten Bodenbelag zu einem Schotterweg sein, ein Baum mit einem eigentümlichen Umriss oder ein markantes Geräusch.

„In Leipzig gibt es viel Kopfsteinpflaster und die Straßen sind eng bebaut“, berichtet Schirmer. „In der Cottbuser Innenstadt stehen die Gebäude oft weiter auseinander.“ Das verändert die Akustik, ein Unterschied, den Schirmer hören kann. Sein Gehör ist für die Orientierung besonders wichtig. Nicht alle Ampeln besitzen einen Taster für blinde und sehbehinderte Menschen, der vibriert oder ein akustisches Signal abgibt, wenn es Grün wird. Die Kreuzung der Willy-Brandt-Straße/Franz-Mehring-Straße ist so ein Fall. Thomas Schirmer muss sich hier am Parallelverkehr orientieren: Erst wenn die Autos neben ihm losfahren, weiß er, dass er die Straße betreten kann.

 Blindenleitsystem wie an der Haltestelle Warmbad sind für Menschen mit Sehbehinderung eine große Hilfe. Mit seinem Stock kann Thomas Schirmer die Orientierungspunkte ertasten.
Blindenleitsystem wie an der Haltestelle Warmbad sind für Menschen mit Sehbehinderung eine große Hilfe. Mit seinem Stock kann Thomas Schirmer die Orientierungspunkte ertasten. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Der laute Autoverkehr kann aber auch zum Problem werden. „Fahrräder sind oft schlecht zu hören“, sagt Schirmer. Die wenigsten Radfahrer kündigen sich beim Spaziergang durch Klingeln an – einige umkurven ihn haarscharf. Einen Zusammenstoß mit einem Radfahrer hat er in Cottbus schon erlebt. Schirmer wurde nicht verletzt, doch sein Stock wurde beschädigt.

Seit 2013 ist er mit einem Blindenstock unterwegs. „Vorher habe ich mich immer durchgefragt“, erzählt er. Beim Gehen lässt Thomas Schirmer den Stock vor sich von links nach rechts pendeln. „Der Stock muss immer einen Schritt vor mir sein“, erklärt er. Ist gerade der rechte Fuß vorn, befindet sich die Stockspitze also links vor ihm, an der Stelle, wo beim nächsten Schritt der linke Fuß aufsetzen wird. Dabei muss der Stock im richtigen Rhythmus hin und her schwingen. „Mit der Zeit entwickelt man seine eigene Technik“, erklärt er.

Weder Ferrari noch Trabi

Mit dem Hilfsmittel kann Thomas Schirmer Hindernisse ertasten, etwa Stufen, Bordsteinkanten, Papierkörbe, Bänke. Zudem gibt ihm der Stock Auskunft über die Bodenbeschaffenheit. Auf Schotter klingt und bewegt sich die Rollspitze anders als auf Pflastersteinen. Das hilft Schirmer bei der Orientierung auf seinen Spaziergängen. Noch besser sind Blindenleitsysteme, wie sie an der Bushaltestelle Sandow Warmbad in den Gehweg eingelassen sind. Genoppte Steinplatten zeigen an, dass ein Weg abzweigt. Platten mit Rillen weisen zu dem Punkt an der Haltestelle, wo Schirmer in den Bus einsteigen kann.

„Es gibt den Ferrari und den Trabi unter den Stöcken. Meiner liegt dazwischen“, scherzt Schirmer. An der Spitze seines Kohlefaserstocks ist eine besonders große Kugel angebracht, um das Risiko, zwischen Gehwegplatten hängenzubleiben, zu minimieren. Das kommt auch beim Spaziergang immer wieder vor.

Je greller die Farbe desto besser

Nicht alle Hindernisse lassen sich mit dem Stock erfassen. Unter Absperrungen kann die Rollspitze hindurchlaufen, ohne die Bodenverankerung zu berühren. Schirmer vertraut deshalb auch auf seine restliche Sehkraft: Deutlich markierte Hindernisse kann er rechtzeitig erkennen. Treppen sind somit nicht per se ein Problem. Bei den Gleisaufgängen am Sandower Bahnhof sind Anfang und Ende farblich markiert, deshalb besteht für Schirmer nicht die Gefahr, Stufen zu übersehen.

Mit dem Zug ist Thomas Schirmer häufig unterwegs, um Freunde zu besuchen und andere Städte kennenzulernen. Kürzlich war er in Peenemünde. Dort konnten Blinde und Menschen mit Sehbehinderungmit einem Fahrlehrer Auto und Motorrad fahren. Im Alltag ist Schirmer das nicht möglich, umso mehr Spaß hatte er an der Ostsee: „Der Fahrlehrer hat gesagt, ich könnte Schumi Konkurrenz machen.“ Einen weiteren Wunsch will Thomas Schirmer sich, sobald es geht, erfüllen: einmal vom Zehn-Meter-Turm springen.