Tagelang muss Kathrin Krautheim um den Schriftsteller Dieter Wellershoff gebangt haben. Aber der 90-jährige in Westdeutschland viel gelesene Autor hat durchgehalten. Er war am Donnerstag in der Veranstaltung der Bücherei Sandow der einzige noch lebende Autor, der besprochen werden musste. Sein Erzählband "Das normale Leben", erschienen 2005, ist in Sandow noch niemals ausgeliehen worden. Na ja, ein alt gewordener Mann denkt in Ahrenshoop über die Liebe nach. Bodo Uhse, über den Marcel Reich-Ranicki gesagt haben soll, dass er schlechte Bücher schreibe, aber ein guter Schriftsteller sei, hat Kathrin Krautheim mit seinen Lebensdaten und mit Stiefsohn Joel Uhse fesseln können. Aber das Buch "Leutnant Bertram" sei ein schwieriger, ideologisch durchdrungener Versuch, sich Wehrmachtsoffizieren zu nähern.

Termin auf dem Friedhof

Ausgezeichnet war dagegen, dass bisher kein Büchereinutzer Dorothea Kleines "Geh nicht so fügsam in die dunkle Nacht" ausgeliehen hatte. Endlich konnte Michael Becker sagen, wie gern er ihre Gerichtsberichte in der LAUSITZER RUNDSCHAU gelesen hatte und wie er es bedaure, nicht die Rede an ihrem Grab gehalten zu haben. Am 6. März 2017 - das ist nun mit den rund 50 Literaturfreunden in der Bücherei Sandow abgemacht - werden am Grab von Dorothea Kleine Texte gelesen. Becker hatte diesen Brauch mal auf seinen Reisen in der Sowjetunion beobachtet.

Die Weltautoren Mark Twain und Antoine de Saint-Exupéry allerdings sind in Sandow einfach Opfer ihrer berühmteren Bücher geworden. Im Falle Twains trage zudem der Übersetzer eine Mitschuld: "Bummel durch Europa". "Ich hätte jetzt keine Lust, durch Europa zu bummeln, wo ich wieder über Zäune kriechen muss", erklärte Becker. Immerhin: Saint-Exupérys "Nachtflug" erwies sich in der Leseprobe nicht nur als poetisch - es erzählt auch von dem Bruchpiloten, der hinterm kleinen Prinzen steckt.

Schließlich brillierten Kathrin Krautheim und Becker als Christiane und Johann Wolfgang von Goethe. Sie lasen aus deren Briefwechsel über das Kuren, den Sohn August, über Durchfall und das Vermissen. Dass Sekt im Keller fehlt, bedauerte Christiane, bevor sie zwei Wochen später an Nierenversagen starb. Höhepunkt der Veranstaltung war, als alle gemeinsam Goethes "Osterspaziergang" rezitierten. Nur der 16-jährige Lucas Stecklina, der den Abend mit seiner Klampfe als Singer und Songwriter begleitet hatte, konnte da noch nicht mithalten. Dafür aber hat er das Publikum überredet, auch mal englischen Liedern zu lauschen.

Ein Stapel bleibt übrig

Dass ein Bücherstapel für eine nächste "Liebeserklärung an Bücher, die nie ausgeliehen werden" blieb, lag übrigens an Michael Becker. Er hat während dieser literarischen Schaffe viel zu viel über Schauspielerkollegen geplaudert. Die Anekdoten reichten von Iris Klinke vom Cottbuser Staatstheater, die einst Beckers schöne Augen lobte, bis zur großen Brecht-Schauspielerin Käthe Reichel, der Richard Engel 2014 mit Petra Kelling den Dokumentarfilm "Aus den Träumen eines Küchenmädchens" widmete. Aber gut, soll Michael Becker unterhaltsam plaudern. Denn was wären all die Schauspieler und Theaterbühnen ohne die Literatur?