ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 10:37 Uhr

Sielower Altar vermutlich von Schüler Riemenschneiders

Dieter Schütt, Pfarrer im Ruhestand, erzählt aus der Geschichte des Sielower Altars.
Dieter Schütt, Pfarrer im Ruhestand, erzählt aus der Geschichte des Sielower Altars. FOTO: H.-Jürgen Hennig
Es ist nur etwas mehr als einen Meter hoch, und doch geht von ihm ein besonderer Zauber aus: dem aus Lindenholz geschnitzten Altarbild in der Sielower Kirche. Es trage die gleiche Handschrift wie der berühmte von Tilman Riemenschneider geschaffene Altar im fränkischen Münnerstadt, sagt Dieter Schütt, Pfarrer im Ruhestand. Jener wurde 1492 im Chor der Münnerstädter Pfarrkirche aufgestellt. Das Sielower Altarbild sei ebenfalls zu dieser Zeit entstanden. Schütt: "1490 oder 1500, auf jeden Fall Hochgotik, und wahrscheinlich von einem Schüler von Riemenschneider geschaffen." Von Ulrike Elsner

Das Sielower Altar zeige wahrscheinlich Maria Magdalena, die Jesus die Füße salbte und durch ihn von sieben Teufeln befreit wurde, sagt der Theologe, der 1989 bis 2001 die Dissener Pfarrstelle innehatte, zu der auch Sielow gehört. Möglicherweise handle es sich auch um eine Darstellung der Maria Ägyptica, einer zum Christentum bekehrten Einsiedlerin. Doch das sei weniger wahrscheinlich. Auf jeden Fall habe der Altar bereits in der von 1470 bis 1480 erbauten ersten Sielower Kirche gestanden. Die sei während des 30-jährigen Krieges 1634 "von Panduren angezündet" worden, heißt es in der Chronik. Dem Brandschatzer sei es allerdings schlecht ergangen, erzählt Dieter Schütt. "Er wurde von den Sielowern verprügelt, in einen Brunnen geworfen und mit glühenden Balken beworfen. Er kam elendiglich ums Leben." Doch der Altar überstand das Feuer wie durch ein Wunder. Im 1668 errichteten zweiten Sielower Kirchenbau wurde er durch die heute noch vorhandene barocke Umrahmung ergänzt. Das bäuerlich anmutende Werk schmücken Porträts, die wohl den einen oder anderen Geldgeber zeigen, vermutet der Pfarrer. Anders bei dem 500 Jahre alten Altarbild. Hier konzentriert sich alles auf die sterbende Maria Magdalena, die im Büßergewand von sieben Engeln emporgetragen wird. Der Hintergrund zeigt die Andeutung einer Landschaft. "Es ist ein wunderschöner Altar", schwärmt Dieter Schütt. "Ich mag ihn sehr." Besonders habe es ihm das Gesicht der Maria Magdalena angetan. Weit und breit gebe es keinen älteren Altar. Zwar sei die Wandmalerei in der Briesener Kirche zur gleichen Zeit entstanden. Der Briesener Altar jedoch stamme vom Ende des 17. Jahrhunderts. Die in beiden Fällen überraschende künstlerische Qualität zeugt von Reichtum. Während die Briesener Kirchenkunst jedoch einer wohlhabenden Herrschaft zuzuschreiben sei, sei in Sielow die Gemeinde relativ reich gewesen, sagt Dieter Schütt. In einer bis heute erhaltenen Kirchenmatrikel von 1694 wird das Vermögen der Gemeinde Sielow wie folgt benannt: "685 Reichstaler, 21 Groschen, 10 Pfennig". Dissen habe zur gleichen Zeit lediglich über 30 Reichstaler verfügt. Für den Reichtum Sielows spricht auch, dass 1754 die dritte Kirche erbaut wurde, obwohl das Konsistorium, wie Dieter Schütt weiß, einer Sanierung des Bauwerks den Vorzug gegeben habe. Der heutige Kirchenbau entstand 1906. Der im 2. Weltkrieg zerstörte Turm wurde in den 50er-Jahren erneuert. Die Sanierung der äußeren Hülle erfolgte 1999. "Die dafür notwendigen 66 000 Euro hat die Gemeinde selbst aufgebracht", sagt der frühere Pfarrer. Das Kircheninnere gibt nach der Renovierung im vorigen Jahr einen ebenso freundlichen wie schlichten Rahmen für den historischen Altar ab. Hintergrund Maria Magdalena Maria Magdalena oder auch Maria aus Magdala/Migdal, einer Stadt am See Genesareth, gilt als eine der faszinierendsten und facettenreichsten Figuren des Neuen Testaments, um die sich viele Legenden ranken. Von der frühen Kirche wurde sie als die Apostelin der Apostel verehrt. Im Laufe der Kirchengeschichte wandelte sich ihr Bild zur Patronin der reuigen Sünder und Verführten, der Friseure und Kammmacher, der Gärtner und der Parfüm- und Puderhersteller. Dieses komplexe Profil einer Frau, die im engsten Freundeskreis Jesu zuhause war, entstand durch die fälschliche Verknüpfung von drei biblischen Frauengestalten: Maria aus Bethanien, der Schwester des Lazarus, der anonymen Sünderin und der Maria aus Magdala, die in der Begegnung mit Jesus von sieben Dämonen geheilt worden war und fortan zum Kreis der Jünger zählte.