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| 18:37 Uhr

Justiz
Nach der Maskerade folgt das Urteil: vier Jahre Haft

Kontakt über das Internet: Ein damals 55-Jähriger hat aus dem Maßregelvollzug in Berlin heraus Kontakt zu einer 13-jährigen Cottbuserin aufgenommen und sie sexuell missbraucht.
Kontakt über das Internet: Ein damals 55-Jähriger hat aus dem Maßregelvollzug in Berlin heraus Kontakt zu einer 13-jährigen Cottbuserin aufgenommen und sie sexuell missbraucht. FOTO: LR / Ch. Taubert
Cottbus. Ein Straftäter aus dem Maßregelvollzug Berlin lernt im Internet eine minderjährige Cottbuserin kennen und missbraucht sie sexuell. Von Christian Taubert

Noch bevor der Angeklagte am Dienstag neben seinem Anwalt Platz nimmt, kramt er eine schwarze Sturmmaske aus seiner Tasche, streift sie sich über und bleibt in dieser Verkleidung, bis die Jugendstrafkammer am Landgericht Cottbus den Saal betritt. Dann ist die Maskerade vorbei. Der Vorsitzende Richter verkündet das Urteil: vier Jahre Haft wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes. Um den 56-jährigen Patienten aus dem Maßregelvollzug Berlin zusätzlich zu Sicherungsverwahrung zu verurteilen, fehlen dem Gericht beweiskräftige Aussagen der als Nebenklägerin auftretenden Geschädigten.

Fast eine Stunde lang nimmt sich der Vorsitzende Richter für die Urteilsbegründung Zeit. Er fasst die mehr als einjährige Beweisaufnahme zusammen, verweist auf Gutachten. Letztlich aber muss er konstatieren, dass der Angeklagte wegen eines Falles von sexuellem Missbrauch an einer zur Tatzeit 13-jährigen Cottbuserin im Juni 2012 schuldig gesprochen wird. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Mann in diesem Fall mit der Minderjährigen Geschlechtsverkehr hatte. Von weiteren angeklagten Missbrauchs-Vorwürfen sprachen ihn die Richter frei und verwiesen unter anderem auf Widersprüche in den Aussagen des Mädchens bei Vernehmungen.

Der Mann hatte aus dem Maßregelvollzug heraus über das Internet Kontakt zu der Schülerin in Cottbus aufgenommen und seine unbegleiteten Ausgänge dazu genutzt, sich mehrfach in Cottbus mit dem Mädchen zu treffen.

Da ein psychologisches Gutachten Zweifel an der Darstellung der Nebenklägerin bezüglich weiterer sexueller Übergriffe hatte, musste das Gericht bei der Bemessung des Strafmaßes von lediglich einem Vollzug einer sexuellen Handlung ausgehen. Der Vorsitzende Richter wies bei der Urteilsbegründung mehrfach darauf hin, dass Schilderungen des Opfers wenig konstant gewesen seien. Polizeiliche Vernehmung und die der Staatsanwaltschaft etwa wichen voneinander ab. Widersprüche in der mehr als ein Jahr andauernden Beweisaufnahme konnten nicht beweissicher geklärt werden.

Angeklagt war der vorbestrafte Mann wegen 24 Fällen von Missbrauch an der Cottbuser Schülerin zwischen April 2012 und August 2013. Die sexuellen Übergriffe in Cottbus sollen im Freien und in Hotelzimmern passiert sein. Außerdem soll er gedroht haben, den Freund der Schülerin zu töten, wenn sie ihm nicht zu Willen sei. Nachdem das Opfer den Freund hatte, soll er die Polizei eingeschaltet haben.

Für erwiesen hält das Gericht, dass der Mann das Mädchen im Internet kennenlernte, beide miteinander Kontakt hielten und es im Juni 2012 in einem Cottbuser Hotel zum Missbrauch kam. Die Aussagen der geschädigten Zeugin seien zu diesem Vorfall konstant gewesen. Dem Beschuldigten sei bekannt gewesen, dass das Mädchen noch nicht 14 war, urteilte das Gericht.

Das Urteil der Cottbuser Richter lag unter der Forderung der Staatsanwaltschaft Cottbus, die auf mehr als neun Jahre Gefängnis plädiert hatte. Die Verteidigung verlangte hingegen Freispruch. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Mann muss zunächst zurück in den Maßregelvollzug nach Berlin. Dorthin war er eingewiesen worden, nachdem er zu einer sechsjährigen Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung verurteilt wurde und für ihn eine Therapie angeordnet wurde.

Da der Mann während der therapeutischen Behandlung erneut Straftaten begangen hat, zog die Cottbuser Jugendstrafkammer auch eine Verurteilung zu Sicherungsverwahrung in Betracht. Dafür hätten mehrere Kriterien gesprochen, erläuterte der Vorsitzende Richter. Doch das Gebot der Verhältnismäßigkeit – Nachweis eines sexuellen Übergriffs – habe dagegen gesprochen. Laut einem Gerichtssprecher bleibt der Verurteilte wegen der Maßregel vorerst in dem psychiatrischen Krankenhaus in Berlin. Im Regelfall schließe sich danach die Haftstrafe an.