Der Brenner rauscht. In seinem 600 Grad Celsius heißen Strahl glüht eine Glaskugel. Jochen Bolz blickt konzentriert auf das Material. Er fertigt eine Augenprothese für seine Patientin, die ihr linkes Auge durch einen Tumor verloren hat.
Sie verfolgt nun gespannt die Arbeit. Das ist ihr zweiter Besuch bei dem Spezialisten in Cottbus. Sie ist extra aus Sachsen angereist. Jochen Bolz ist der einzige Ocularist in ganz Brandenburg und gefragt weit darüber hinaus.

Cottbuser Ocularist arbeitet in einem geräumigen Büro

Die Werkstatt ist ein geräumiges Büro. Schränke säumen die Wände. Nichts Ungewöhnliches. Zumindest auf den ersten Blick. In den Schubläden lagern allerdings keine Akten, sondern das Material für seine Feinarbeit – Glas in vielen verschiedenen Röhren.
Es kommt aus einer Hütte in Lauscha. Seinem thüringischen Heimatort. Jochen Bolz wächst in das Handwerk quasi hinein. Schon sein Großvater mütterlicherseits war Ocularist. So erlernt auch er diesen Beruf, wenn auch zunächst auf Geheiß der Mutter. Heute sagt er: Gut so.

Künstliche Augen sind Handwerk und Kunst gleichermaßen

Sechs Jahre dauert die Ausbildung. „Nach zehn Jahren ist man Profi“, erklärt Jochen Bolz. Er lässt sich nicht vom Gespräch ablenken. Dann schaut er kurz auf: „Kein Auge ist wie das andere. Die Arbeit hat etwas Künstlerisches und Handwerkliches zugleich.“ Wohl wahr. Denn aus einer Glaskugel formt Jochen Bolz in der nächsten Stunde eine perfekte Prothese für seine Patientin.
Dabei greift der Handwerker zunächst auf eine riesige Auswahl von 900 Augen zurück. Das sind Rohlinge, die er vorab gefertigt hat. Sie entsprechen am ehesten dem Klischee eines Glasauges. Denn sie sind noch rund.

Cottbuser Ocularist bezieht Spezialglas aus Lauschaer Hütte

Sie wurden aus Kryolithglas geblasen. Das Spezialglas ist weiß. Darauf sitzt die farbige Iris mit der dunklen Pupille in der Mitte. Schier unzählige Variationen von Grau und Blau und Grün und Braun schauen aus den Kästen. Daraus wählt der Ocularist die passende Augenfarbe aus. Manche Rohlinge variieren nur um Nuancen, Einsprenklern oder Schattierungen um die Iris.
Künstliche Augen

Bildergalerie Künstliche Augen

Nach der Auswahl erhitzt Jochen Bolz das runde Glas. „Jetzt ist die Farbe nicht mehr zu erkennen.“ Tatsächlich glüht das Auge in intensivem Rot. Immer wieder hält er es in die Flamme, bläst ab und an das Glas in die richtige Form, dreht und wendet den Rohling und schmilzt dünne Fäden von rotem Glas in den Körper. Das werden die Äderchen.
Denn nicht nur die Iris ist bei jedem Menschen individuell, auch die Sklera. Das ist die weiße Augenhaut, die den Augapfel umschließt. „Erst die Tönung des Augenweiß lässt das Auge natürlich aussehen.“ Viele Details bringen erst den gewünschten Effekt.

Cottbuser Ocularist kennt die typische Lausitzer Augenfarbe

Aus dem runden Rohling schneidet Jochen Bolz die passende Prothese zurecht. Das geschieht am Brenner. Als Schneidwerkzeug dient ihm ein Glasstift. Am Ende kann das Aussehen der Prothese am ehesten als mandelförmige Halbkugel bezeichnet werden.
Aber auch das variiert je nach Patient und Augenhöhle. Die Prothese selbst wird von den Lidern am Platz gehalten und ist damit so etwas wie eine überdimensionierte Kontaktlinse.
Die typische Augenfarbe der Region? Die Antwort kommt prompt: „Lausitzer Grau.“ Jochen Bolz präzisiert: „Das ist eine Mittelfarbe aus Grau und Blau. Nördlicher werden die Augen heller, südlicher dunkler.“

Das deutsche Augenprothetik-Handwerk ist Weltspitze

Jochen Bolz muss es wissen. Denn als Geschäftsführer der Augenprothetik Lauscha GmbH ist er regelmäßig in der Welt unterwegs. Sein Unternehmen pflegt Dependancen in Polen, Dänemark, Kroatien und China. Dort ist nicht nur seine Fertigkeit in Sprechstunden gefragt, sondern auch sein Fachwissen. „Wir bieten dort auch Ausbildung an.“
Denn in puncto Augenprothetik sei das deutsche Handwerk unangefochten Weltspitze. Das gelte praktisch seit der Erfindung des modernen Glasauges durch Ludwig Müller-Uri im Jahr 1835. Natürlich in Lauscha. Dort steht auch die einzige Glashütte die Kryolithglas herstellt.
„Selbst in Zeiten der deutschen Teilung kam das Material für die Bundesrepublik aus Lauscha“, erzählt der Ocularist. Mit Blick auf die Corona-Pandemie konstatiert er. „Augenprothesen werden von A bis Z in Deutschland hergestellt – unabhängig von Zulieferern.“

Künstliche Augen entstehen in Cottbus ausschließlich in Handarbeit

Und sie entstehen von A bis Z ausschließlich von Hand. Jochen Bolz benötigt bei der Anpassung der Prothese nicht einmal einen Messzirkel. „Das ist alles Augenmaß.“
Die Patientin setzt die fertige Prothese ein. „Es drückt nicht. Es fühlt sich gut an“, sagt sie. Ihr Sohn schaut tief in ihre Augen. „Wirklich schön“, sagt er. „Wüsste ich nicht, dass Du eine Prothese trägst. Mir würde es gar nicht auffallen.“
Das größte Kompliment für einen Ocularisten ist, wenn seine Arbeit gar nicht auffällt.