ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 13:48 Uhr

Selbsthilfe in Cottbus
Eltern helfen Familien krebskranker Kinder

 Kathrin Koal (l.) und Maren Lange engagieren sich in der Elterninitiative für krebskranke Kinder.
Kathrin Koal (l.) und Maren Lange engagieren sich in der Elterninitiative für krebskranke Kinder. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Wenn eine Diagnose das Leben komplett aus der Bahn wirft, braucht es mehr als nur medizinische Unterstützung. Von Andrea Hilscher

„Ihr Kind hat Krebs.“ Ein Satz, aus dem Alpträume gemacht sind. Kathrin Koal hat ihn  gehört, diesen Satz, ebenso wie die meisten Mitglieder der Elterninitiative für krebskranke Kinder. Der Verein hat sich vor 27 Jahren gegründet, vor ein paar Monaten hat Kathrin Koal den Vorsitz übernommen.

Drei Jahre lang hat die Mutter von zwei Kindern ihren Sohn durch die Höhen und Tiefen seiner Krankheit begleitet, über lange Phasen hinweg seinen Alltag auf Station geteilt. „Tobias hatte einen Gehirntumor, doch seine Prognose war gut“, erinnert sich Kathrin Koal. Er hat seinen Schulabschluss im Krankenhaus gemacht, war voller Hoffnung auf eine gesunde Zukunft. Dann aber kam der Krebs zurück, Tobias starb.

 Paul Gehrmann und seine Mutter Diana haben schwere Zeiten überstanden – auch mit Hilfe der Elterninitiative für krebskranke Kinder.
Paul Gehrmann und seine Mutter Diana haben schwere Zeiten überstanden – auch mit Hilfe der Elterninitiative für krebskranke Kinder. FOTO: privat

„Ich habe in dieser Zeit viel Unterstützung durch die Elterninitiative bekommen, auch bei der Beerdigung wurde mir geholfen“, erzählt Kathrin Koal. Der Austausch mit anderen Betroffenen, die warmherzigen Treffen und ganz praktische Tipps haben sie nach und nach dazu gebracht, sich selbst in dem Verein zu engagieren, dessen Vorsitz sie inzwischen übernommen hat.

 Paul Gehrmannist auf dem Weg der Besserung, er kämpft sich zurück ins Leben.
Paul Gehrmannist auf dem Weg der Besserung, er kämpft sich zurück ins Leben. FOTO: privat

Maren Lange ist ebenfalls Mitglied im Vorstand der Initiative. Sie ist Kinderkrankenschwester auf der Station K1 im Thiem-Klinikum. „Bei uns werden unter anderem Kinder mit Krebserkrankungen behandelt“, erzählt sie. Im Berufsalltag fehlt oft die Zeit, in Ruhe mit den Eltern zu sprechen oder sich auch mal um die Geschwisterkinder zu kümmern. „Weil ich auf Station immer wieder gesehen habe, wie wichtig die Arbeit der Elterninitiative ist, habe ich mich irgendwann entschlossen, hier ehrenamtlich aktiv zu werden.“

Rund 40 Mitglieder hat der Verein, der inzwischen ein umfangreiches Aufgabengebiet zu bewältigen hat. Neben regelmäßigen Sommer- und Weihnachtsfeiern sammeln die Eltern Spenden für die Unterstützung von bedürftigen Familien. Das Elternhaus für die Lausitz wird ebenso unterstützt wie die Clownsprechstunde und der jährliche Familienausflug.

Kernaufgabe aber ist und bleibt das Gespräch mit den Angehörigen krebskranker Kinder. „Wir schenken Zeit“, sagt Maren Lange. „Zeit, in denen wir mit den Eltern mal einen Kaffee trinken gehen, damit sie von der Station runterkommen. Zeit, in der wir mit einem Geschwisterkind in den Tierpark gehen, damit es sich auch wahrgenommen fühlt.“

Gern erinnerst sie sich an ein Mädchen, dass sich die ganzen Sommerferien über um sein erkranktes Geschwisterkind gekümmert hatte. Als Belohnung sollte das Mädchen an einer Ferienfreizeit in Irland teilnehmen. „Die Eltern konnten den Transfer zum und vom Flughafen in Frankfurt am Main nicht stemmen“, erzählt Maren Lange. Also hat sich der Verein gekümmert und das Mädchen gefahren.

Kathrin Koal erinnert sich selbst noch gut an die erste Zeit, nachdem ihr Sohn seine Diagnose bekommen hatte: „Man steht völlig unter Schock, begreift überhaupt nichts und wird überrollt von Gefühlen, Ängsten und ganz praktischen Problemen.“ Hier setzt die Elterninitiative an, nicht nur in Cottbus. Als der Leukämie-Patient Paul Gehrmann, ein Junge aus Finsterwalde, von Cottbus aus nach Berlin an die Charité verlegt wurde, ließen es sich die Cottbuser Eltern nicht nehmen, ihn auch dort zu besuchen. „Heute geht es ihm zum Glück gut“, sagt Kathrin Koal strahlend. „Er kämpft sich zurück ins Leben.“

Für Eltern, deren Kinder den Kampf gegen den Krebs verlieren, bietet die Elterninitiative ebenfalls Hilfe an. „Verwaiste Eltern haben ebenfalls Redebedarf, suchen unsere Unterstützung“, erzählt sie. In kleineren Gruppen können die Trauernden ihre Erfahrungen teilen. Kathrin Koal, die sich beruflich um psychisch kranke Menschen kümmert, absolviert gerade eine Ausbildung als Trauerbegleiterin, um professioneller helfen zu können. „Jeder erlebt seinen Verlust anders“, sagt sie. Manche Eltern wollen selbst nicht mehr leben, andere haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie irgendwann wieder lachen und glücklich sind. „Wir sind für alle da“, sagen die Frauen der Initiative. Und Maren Lange ergänzt: „Im normalen Leben bekommt man nicht so viel zurück wie wir in unserer ehrenamtlichen Tätigkeit.“