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Seit 1886 lernen hier Cottbuser Kinder

In dem 1886 errichteten Schulgebäude lernten anfangs etwa 50 Kinder in einer Klasse.
In dem 1886 errichteten Schulgebäude lernten anfangs etwa 50 Kinder in einer Klasse. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte des Schulhauses in der Dresdener Straße, basierend auf einer Ansichtskarte, die aus der Sammlung von Hans Krause stammt. Dora Liersch / dli9

Ein Blick auf die Dresdener Straße aus dem Jahre 1914. Ganz markant ist links das Schulgebäude. Ein Vergleichsbild lässt sich am besten mit kahlen Bäumen machen, sonst verschwindet dieser Blick hinter den großen, grünen Bäumen. Das Schulhaus hat seine eigene Geschichte. Mit dem größer werden der Stadt Cottbus, wuchsen die angrenzenden Vorstädte und Dörfer. Nach Süden breitete sich die Spremberger Vorstadt aus. Schulgebäude aber gab es nur nördlich der Bahnstrecken. Ein Missstand, da die Schulkinder es erstens recht weit zur Schule hatten, aber auch noch zweitens öfter zu spät kamen, weil die Bahnschranken an der Dresdener Straße geschlossen waren. Bei einer statistischen Erfassung der Grundschulkinder in Cottbus 1884, kamen die meisten von ihnen, genau 961 Kinder aus der Spremberger Vorstadt und 522 wohnten südlich der Bahnlinie. Es bestand also dringender Handlungsbedarf.

In der damaligen Tageszeitung wurde vom Magistrat ein Grundstück gesucht, das bis zu zwei Morgen groß wäre und sich für ein Schulgebäude eignen würde. Vier Offerten gingen daraufhin ein. Magistrat und Stadtverwaltung gingen am 16. Januar 1885 auf das Inserat für den sogenannten "wüsten Weinberg", dem Grundstück des Kaufmanns Lehmann-Nies und des Malzfabrikanten Th. Gustav Melde, an der Dresdener Straße gelegen ein. Wenige Tage zuvor war der Gasanstaltsdirektor J. Schneider zum ersten Cottbuser Stadtbaurat gewählt worden. Er entwarf diesen Schulneubau, der doppelzügig - für Knaben und Mädchen getrennt - errichtet werden sollte. Der Stadtbaurat übernahm auch die Bauleitung. Die Handwerksleistungen und die Materiallieferungen wurden ausgeschrieben. Viele Cottbuser Handwerker erhielten Aufträge. Im Cottbuser Stadtarchiv sind die Abrechnungen mit Namen in den Büchern erhalten. Die Bauausführung übernahm der Cottbuser Maurermeister Carl Leberecht Schade, die Zimmerarbeiten waren der Firma Otto Rost übertragen worden, die Dachdeckerarbeiten führte die Firma von Friedrich Körner aus. Die Warmwasser-Mitteldruck-Heizungsanlage nebst Ventilation lieferte die Firma Bacon aus Berlin. Schon am 7. März 1885 wurde mit dem Brunnenbau begonnen, am 17. Juli erfolgte der erste Spatenstich und am 22. Juli 1885 konnte der Grundstein gelegt werden. Die Einweihung der neuen Schule war für den 14. Oktober 1886 geplant. Termingerecht bezogen an diesem Tage 337 Knaben in sechs Klassen und 339 Mädchen, ebenfalls in sechs Klassen mit ihren Lehrkräften unter der Leitung des Rektors Otto Bache ihr neues Schulhaus.

Das Schulgebäude bestand aus einem Mittelbau von 17,80 Metern Länge und 18,70 Metern Tiefe, an den sich beidseitig je ein etwas nach Ost und West vorstehender Flügelbau giebelständig von 10,15 Metern Länge und 20,70 Metern Tiefe anschloss. Im Keller waren die Wohnräume für den "Schuldiener" (Hausmeister), Wirtschaftsräume und die Zentralheizung untergebracht. Im Erdgeschoss und in der ersten Etage waren jeweils sechs Klassenräume und zwei Lehrerzimmer untergebracht. Vermutlich ließen sich zwei nebeneinander liegende Klassenzimmer, die nur durch Flügeltüren getrennt waren, auch als Aula nutzen. Zwei Granittreppenanlagen führten bis zum Boden, der keine Nutzung hatte. Das Gebäude war massiv von gebrannten Steinen in Kalkmörtel errichtet worden und sparsam mit Stuckelementen verziert. Die Dacheindeckung bestand aus Schiefer. Das Nebengebäude mit Plumsklo, freistehend westlich des Schulhauses, war 18,80 Meter lang und 3,52 Meter tief, massiv gebaut mit Lüftungsgittem und Teerpappdach, allerdings ohne Heizung. Für die Kinder der Spremberger Vorstadt war dieser Neubau eine wesentliche Verbesserung, auch wenn im Schnitt über 50 Kinder in einer Klasse unterrichtet wurden. Magistrat und Stadtverordnete mussten sich allerdings schon zwei Jahre später mit einem Erweiterungsbau beschäftigen, da die Schülerzahl stark gestiegen war und dementsprechende Klassenräume fehlten. Die Idee, das Schulgebäude aufzustocken, wurde fallen gelassen, weil der Schulunterricht sehr stark beeinträchtigt worden wäre.

Stadtbaurat Schneider empfahl, Bauland westlich des Schulgebäudes zu erwerben und gleichzeitig die beiden Flügelbauten nach Westen zu verlängern. Im November 1888 kaufte man von den Grundstücksbesitzern, ebenfalls Lehmann-Nies und Th. Gustav Melde ein Viertel Morgen Land. Im Januar 1889 erklärten sich die Stadtverordneten bereit, das Schulgebäude, wie es der Stadtbaurat empfohlen hatte zu genehmigen. Die verlängerten Flügelbauten waren auf der Nordseite, parallel zur Weinbergstraße 18,26 Meter lang, der Südflügel aber nur 15,92 Meter. Zum Herbst 1889 sollten die neuen Klassenzimmer bezogen werden. Die Baufirmen waren die gleichen, wie drei Jahre zuvor. Zwölf Jahre später musste wieder gebaut werden, denn die Schulräume reichten nicht aus. Somit wurde dann die Westseite des Gebäudekomplexes geschlossen. Das ist allerdings eine neue Geschichte. An der Ecke zur Weinbergstraße ist noch das Wohnhaus Dresdener Straße 126 zu sehen, in dem viele Jahre der Fleischermeister Max Sramkiewiez seine Waren anbot. Das Haus hatte das Inferno 1945 beschädigt überstanden. Allerdings gab es darin nicht mehr Fleischereiwaren, sondern Fahrräder.

Alle Teile der Serie "Cottbus früher und heute" gibt es hier:

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