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Sein absolutes Gehör ist sein wichtigstes Werkzeug

Orgelintonateur Matthias Ullmann kann mit dem Stimmhorn die Öffnung der Orgelpfeifen vergrößern oder verkleinern und so die Tonhöhe verändern.
Orgelintonateur Matthias Ullmann kann mit dem Stimmhorn die Öffnung der Orgelpfeifen vergrößern oder verkleinern und so die Tonhöhe verändern. FOTO: Nicole Nocon
Cottbus. Mehr als 2000 Pfeifen hat die neue Orgel der Cottbuser Propsteikirche St. Maria Friedenskönigin. Damit sie harmonisch zusammen klingen können, werden sie von Orgelintonateur Matthias Ullmann in einem aufwendigen Prozess aufeinander abgestimmt. Nicole Nocon

Die Instrumente, die Orgelintonateur Matthias Ullmann auf seinem Arbeitstisch ausgebreitet hat, sehen auf den ersten Blick aus wie die eines Chirurgen. Da sind Messer, Zangen und allerlei metallenes Gerät. Sein wichtigstes Handwerkszeug aber ist sein Gehör. "Um die Klangfarbe einer Orgelpfeife zu beurteilen, habe ich nur mein Ohr", sagt Matthias Ullmann, der über ein "absolutes Gehör", ein sicheres Gefühl für musikalische Ausgewogenheit verfügt. Eine Fähigkeit, die er nicht erlernt hat, sondern angeboren ist.

Der gelernte Orgelbauer, der in Cottbus aufgewachsen ist und nun in Leipzig lebt, gehört zu einer geringen Zahl von Spezialisten, die sich auf das Intonieren von Orgeln verstehen. "Etwa zehn von uns gibt es in Deutschland", sagt Matthias Ullmann, den sein Beruf in Kirchen und Konzertsäle auf der ganzen Welt führt. Der 57-Jährige, der seit 1990 als selbstständiger Intonateur arbeitet, hat neben vielen Orgeln in Deutschland unter anderem auch die Orgeln des Tallinner Doms, des Palau de la Musica in Barcelona und der Johanneskirche in Helsinki gestimmt. Sein Terminkalender ist vollgepackt, bis 2017 ist Ullmann ausgebucht.

Seit Anfang der Woche intoniert er die Orgel, die im vergangenen Jahr vom Kulturpalast in Dresden in die Cottbuser Marienkirche umgesetzt wurde. Pfeife für Pfeife kontrolliert er Tonhöhe und Klangfarbe, sodass das Instrument an seinem Standort seinen optimalen Klang entfalten kann. "Ich versuche, das Beste aus dem Instrument herauszuholen. Anders als etwa ein Geiger kann ein Organist den Klang seines Instruments nicht mehr beeinflussen. Der Intonateur muss dafür sorgen, dass die Töne und Register harmonisch aufeinander abgestimmt sind. Dissonanzen mag ich nicht", sagt Ullmann.

"Orgeln hielten seit dem frühen Mittelalter Einzug in Kirchen. Mit ihnen sollte der Klang eines Orchesters nachgeahmt werden. Deshalb tragen die einzelnen Register bis heute die Namen von Instrumenten wie Violine oder Gambe. Wie ein Dirigent sein Orchester muss der Orgelintonateur dafür sorgen, dass die einzelnen Töne und Register miteinander harmonieren", erklärt er.

Vier Wochen wird er etwa brauchen, um die Orgel der Marienkirche zu intonieren. Das Stimmen eines größeren Instruments kann mehrere Monate dauern.

Der Intonateur nimmt sich jede Pfeife einzeln vor. Wenn er die Klangfarbe einer Pfeife ändern will, kann er etwa mit dem Messer den Ausschnitt des Labiums vergrößern. Die Tonhöhe kann er über die Pfeifenlänge oder die Größe der Öffnung beeinflussen.

Matthias Ullmann liebt seinen Beruf. Er weiß, welch wunderbaren Klang die Königin der Instrumente erzeugen kann. "Ein tiefer Schauer der Ergriffenheit geht durch meinen Körper, wenn ich eine Kirche oder einen Konzertsaal betrete und hören kann, wie sich Raum und Orgel gegenseitig zum Leben erwecken", sagt er. Sein Ziel ist es, den Menschen, für die er die Orgeln stimmt, diese Erfahrung zu ermöglichen.

Zum Thema:
Die Jemlich-Orgel wurde 1970 für den Dresdener Kulturpalast gebaut. Im Herbst 2014 wurde sie an ihrem neuen Standort in der Marienkirche montiert. Etwa vier Wochen wird es dauern, bis das Instrument intoniert ist. Der Termin für die Orgelweihe steht schon fest: Samstag, 13. Juni, 16 Uhr.