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Schwimmer, Surfer, Briefeschreiber

Die innerdeutsche Grenze war nicht nur bestens gesichert, sondern auch tödlich.
Die innerdeutsche Grenze war nicht nur bestens gesichert, sondern auch tödlich. FOTO: dpa
Cottbus. Die Mauer ist in diesem Jahr genauso lange verschwunden, wie sie gestanden hat – 28 Jahre. Umso wichtiger ist es heute, über die Versuche zu sprechen, diese Grenze zu überwinden. Peggy Kompalla

Rüdiger Sielaff sucht diese Geschichten. Er leitet die Außenstelle Frankfurt (Oder) der Stasi-Unterlagenbehörde und findet die Schicksale in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Er sagt: "Ab Mitte der 80er-Jahre war die Hauptaufgabe der Stasi, Fluchten zu verhindern." Aus Sicht von Sielaff ist es dabei irrelevant, ob die Menschen offiziell einen Ausreiseantrag stellten und damit Schikanen in Beruf und Alltag riskierten oder mit dem illegalen Überschreiten der Grenze sogar den Tod. "Jede Flucht war eine politische Demonstration. Die Fluchten spielten eine nicht zu unterschätzende Rolle im Niedergang der DDR."

Sielaff berichtet von Schwimmer. Hinter dem Decknamen verbirgt sich die erfolgreiche Flucht eines jungen Cottbusers, der im Jahr 1985 "nur in der Badehose in die Freiheit schwamm". Er reiste in die CSSR und überquerte die Donau nach Österreich. Danach gerieten Familie und Angehörige des Cottbusers in Visier. "Denn die Stasi will nun wissen, wie das klappen konnte, um wenigstens für die Zukunft diesen Fluchtweg dicht zu machen."

Surfer ist ein weiterer Fall aus Cottbus. Ein Mitarbeiter des Stadttheaters Cottbus spielte seit Mitte 1988 mit dem Gedanken an eine Flucht. Davon erfuhr die Stasi durch mehrere IM. Sielaff berichtet: "Interessant an dem Fall ist, dass der Vater des Mannes bereits über den Freikauf aus dem Knast in den Westen gekommen war. Das beweist, dass so etwas abschreckte, wenn der Wunsch nach Freiheit groß genug war." Wie die Akten verraten, wusste die Stasi sogar, dass der Mann unbezahlten Urlaub nahm und einen Surflehrgang an der Ostsee besuchte. Die Fluchtidee ist klar. Aber die Stasi greift nicht ein, sondern bespitzelt den Cottbuser weiter. Das sei ein typisches Vorgehen gewesen, um möglichst an Helfer oder sogar Schleuser zu kommen. "Im April 1989 ist der Mann immer noch in Cottbus", sagt Sielaff. Aber auch er sei für die DDR von Anfang an verloren gewesen.

Manchmal muss Rüdiger Sielaff aber tatsächlich lachen beim Studium der Akten. Besonders amüsiert ist er über die Chuzpe eines westdeutschen Bau- und Abrissunternehmers - sein Neffe lebte in Cottbus in der Welzower Straße. Der Geschäftsmann war bei der Stasi als der "provokatorische Briefeschreiber" bekannt. Er hatte dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker einen Brief geschrieben, in dem er seine neueste Abrisstechnik zur Verfügung anbot, um die Mauer einzureißen. "Dazu packte er noch einen Prospekt seiner Firma." Das Aberwitzige: Die Stasi nimmt diesen Brief ernst und schickt sogar mehrere IM in den Westen. "Die Akte ist voller Farbfotos von der Firma, den Familienangehörigen und deren Autos." Die Krönung ist allerdings, dass die Stasi den Fall offiziell abschließt - am 7. Dezember 1989, einen Monat nach dem Mauerfall.

Cottbus spielte auch eine traumatische Rolle, schließlich landeten viele Menschen, deren Fluchten gescheitert waren, im Zuchthaus an der Bautzener Straße. "Viele Betroffene tragen das Trauma noch heute mit sich herum. Es ist wichtig, ihnen zuzuhören." Im Menschenrechtszentrum können sie an den Ort des Schreckens zurückkehren. Der sei aber nicht nur für die einstigen Insassen wichtig, sondern vor allem für die folgenden Generationen. Rüdiger Sielaff sagt: "Nur wer die Diktatur versteht, kann Demokratie gestalten. Dafür hat jeder eingestanden, der geflohen ist."

Zum Thema:
Im August 1984 berichtet die Bezirksverwaltung Cottbus des MfS der SED-Bezirksleitung, dass innerhalb des Jahres die Anzahl der Übersiedlungsersuchenden von 1209 auf 1628 Personen gestiegen ist. Überdurchschnittlich hoch sei die Zahl der Antragsteller in Hoyerswerda, Cottbus und Senftenberg. "Die Antragsteller kommen aus allen Bevölkerungskreisen und Beschäftigungsbereichen", schreibt das MfS. Gestiegen sei auch die Zahl der Personen, "die der medizinischen Intelligenz angehören beziehungsweise die leitenden Funktionen im Gesundheitswesen des Bezirks inne haben". "Wege in den Westen - Fluchtgeschichten aus Cottbuser Stasi-Akten" hat Rüdiger Sielaff von der Stasi-Unterlagen-Behörde seinen Vortrag überschrieben. Der Leiter der Außenstelle Frankfurt (Oder) spricht am Dienstag, 12. September, um 17 Uhr im Stadtmuseum Cottbus. Der Eintritt ist frei.