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| 16:10 Uhr

Schwerhörigenverein
Schwerhörige sollten sich outen

 Ilona Dehner, Vorsitzende des Schwerhörigenvereins Cottbus.
Ilona Dehner, Vorsitzende des Schwerhörigenvereins Cottbus. FOTO: LR / Nils Ohl
Cottbus. Schwerhörigenverein Cottbus will bessere Ausstattung mit Hörtechnik im öffentlichen Raum. Von Nils Ohl

Pro Tausend Geburten gibt es etwa zwei taube Kinder. Im Alter von 70 Jahren sind 60 Prozent der Bevölkerung schwerhörig. – Diese trockenen Zahlen nennt Prof. Michael Herzog, Chefarzt der HNO-Klinik am Carl-Thiem-Klinikum, am Rande des „Hörcafes“. Dazu hat vor wenigen Tagen der Schwerhörigenverein Cottbus in die Bahnhofstraße geladen.

Audiotherapie

Bei dem Treffen in den Räumen von Vogel Hörgeräte in der Bahnhofstraße ging es vordergründig um Audiotherapie. Das heißt um ganz prakitsche Hilfe für Menschen mit Hörgeräten oder Hörimplantaten, sogenannten „Cochlea-Implantate“, sich im Alltag zurechtzufinden. Zur Audiotherapie gehören die richtige Einstellung der Hör-Technik genauso wie Hörtaktiken, zum Beispiel die Kombination von Hören und Mundlesen. Es geht um Wege aus dem Hörstress, um rechtliche Infos oder um den Umgang mit den sozialen Folgen in Beruf und Familie, die der Verlust des Gehörs mit sich bringt. Das Konzept kommt an. Der Raum kann kaum die Menschen fassen.

Forderungen des Schwerhörigenvereins

Hintergründig geht es aber auch um Forderungen des Schwerhörigenvereins an die Politik. „In diesem Jahr wollen wir uns mit der Arbeit des Vereins auf drei Dinge konzentrieren“, sagt Vereinsvorsitzende Ilona Dehner.

Das sei zum ersten, das Format „Hörcafe“ zu einem monatlichen Treffen weiter zu entwickeln, bei dem konkrete Beratung zu den Themen des Alltags erfolgt, die Schwerhörige betreffen. Zum zweiten, bei der Stadt darauf zu drängen, dass Schulen eine bessere Raumakustik erhalten, um schwerhörigen Kindern das Lernen zu erleichtern. Und drittens, dass die Ausstattung öffentlicher Räume mit Hörtechnik verbessert wird.

Worum es dabei geht, erläutert Ilona Dehner so: „Wenn zum Beispiel in der Stadthalle oder in einem Museum so ein Blaues Zeichen mit einem weißen Ohr zu sehen ist, gibt es dort eine Anlage mit der das Hörgerät direkt mit dem Mikrofon des Redners oder Künstlers gekoppelt ist. Dadurch können Schwerhörige das Programm ohne Zwischengeräusche verfolgen.“

Soweit die Theorie. In der Praxis seien die Anlagen oft überaltert wie in der Stadthalle. Dort müssten sich Schwerhörige extra melden und einen Techniker anfordern, um eine Verbindung zu bekommen, die dann häufig nur schlecht funktioniert. Oder in anderen Einrichtgen werden die Anlagen nur zu bestimmten Veranstaltungen herbeigeschafft und fehlen im normalen Alltagsbetrieb.

Anwesende berichteten von Fällen, wo eine Anlage zwar vor Ort vorhanden war, aber als sie diese benutzen wollten, waren entweder die Batterien alle oder kein Techniker zur Hand gewesen, der damit umgehen konnte.

 „Ein positives Beipiel ist das Staatstheater“, sagt Ilona Dehner. „Dort ist die Anlage immer angeschaltet. Ich brauche keinen extra Techniker zu rufen, der mein Hörgerät freischaltet. Das kann ich dort alles selber erledigen und der Empfang ist auf allen Plätzen sehr gut.“

Schwerhörige dürfen nicht schweigen

Damit sich da etwas ändert meint Ilona Dehner, müssen sich Hörgeschädigte viel offensiver outen.

Weil viele Betroffene, um nicht extra Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, lieber schweigen, wissen viele Veranstalter gar nicht, wie hoch der Bedarf in Wirklichkeit ist. Dazu komme immer das Argument, so eine Anlage wäre zu teuer, wenn sie nicht ständig ausgelastet sei. „Aber einen Feuerlöscher bezahlt man auch, selbst wenn es nicht jeden Tag brennt“, sagt Ilone Dehner dazu.  

Nachsorge auch in Cottbus nötig

Auf eine anderes Problem wiesen mehrere Teilnehmer des Hörcafes hin: In Cottbus gibt es keine Nachsorge-Reha nach der Operation von Cochlea-Implantaten. Die nächsten Zentren sind in Dresden, Berlin und Potsdam.

„Aber alte Leute können oft nicht mehr ohne weiteres so weit fahren“, so Dehner. Prof. Herzog bestätigt: „Früher hat man nur bis zu einem Alter von etwa 65 Jahren noch implantiert. Inzwischen existieren da keine medizinischen Grenzen mehr.“ Es gibt immer mehr ältere Menschen, die noch aktiv leben wollen und sich daher auch in höherem Alter ein Implantat einsetzen lassen.

Seit dem Jahr 2018, so Prof. Michael Herzog, ist das auch in Cottbus mögliche. Eine entsprechende Nachsorge-Reha in der Region wäre daher auch angebracht.