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| 02:37 Uhr

Schulgebäude am Muskauer Platz wird heute 95 Jahre alt

Für die Sandower Oberschule sind die Monate gezählt: Nach langem Hickhack wurde das Aus für die Bildungseinrichtung beschlossen – zum Schuljahresende im kommenden Juli ist Schluss. Nach der Sanierung des Hauses wird dann die 8. Grundschule einziehen. Das Backsteinhaus im neugotischen Stil ist am 13. Oktober 1913 nach nur einjähriger Bauzeit eingeweiht worden. Aus Anlass dieses Jubiläums hat die Arbeitsgemeinschaft Schulgeschichte in der Chronik geblättert. Von Irina Kretschmer

Die Turnhalle war schon drei Jahre vorher fertiggestellt und genutzt worden. Am 13. Oktober 1913 wurde dann die damalige 5. und 6. Gemeindeschule zu Cottbus in der Turnhalle feierlich eingeweiht. Zur Schulanlage gehörte das Hauptgebäude mit einem Teil für rund 170 Mädchen und dem anderen Teil für etwa 396 Jungen. Der nach Geschlechtern getrennte Schulbetrieb sorgte für zwei Schulbezeichnungen. Die Trennung durch Glaswände in allen Flurbereichen ist auf dem Boden noch zu erkennen. Auch der Hofbereich wurde durch einen Drahtzaun von den Türen bis zur Mitte des alten Toilettengebäudes getrennt. In den ersten Jahren ihres Bestehens wurde der Schulalltag durch die Ereignisse des Ersten Weltkrieges überschattet. So wurde das Gebäude zeitweise als Lazarett für verwundete Soldaten genutzt, und in der Turnhalle war Militär untergebracht. Im Februar 1917 wurde die Schule wegen Mangels an Heizmaterial sogar geschlossen. In den 20er-Jahren kam es dann zu einem besseren Schulleben. Die Schüler beteiligten sich an Theateraufführungen im Stadttheater, es gab Arbeitsgemeinschaften für Natur und Turnen und es fanden sogar Ferienspiele statt.

Das Schulessen kam aus der Küche des vaterländischen Frauenvereins. Am 15. Juni 1927 gab es sogar Unterrichtsausfall, da der ägyptische König Cottbus besuchte.

Besonders der Zweite Weltkrieg machte dem Schulgebäude und den Menschen darin schwer zu schaffen. Ab April 1944 musste der Unterrichtsbetrieb eingestellt werden. Bis Mai 1945 wurde die Schule als Flüchtlingslager genutzt. Am 15. Februar 1945 wurde die Schule von mehreren anglo-amerikanischen Fliegerbomben getroffen. Dabei wurden der Nordflügel des Haupthauses sowie das Wohnnebengebäude zerstört. Der Nordflügel mit seinen Fachräumen, dem Speisesaal und einem großen Zeichenraum sollten für immer verloren bleiben. Zahlreiche Flüchtlinge, welche hier Schutz gesucht hatten, verloren ihr Leben. Mehrere Kindergräber hinter der Schule legten noch lange Zeugnis davon ab.

Ab Oktober 1945 wurde die Schule wieder in Betrieb genommen. Die Trümmer räumte man notdürftig weg. Der Rest des Nordflügels wurde mit Brettern provisorisch verschlossen. Seit September 1946, als 2. Einheitsschule, gingen immer mehr Kinder in die viel zu enge, baufällige Schule. So besuchten 1272 Schüler mit 31 Lehrkräften im Jahr 1949 die Schule. Das bedeutete, dass 26 überfüllte Klassen die 15 Räume der Schule nutzten. Dadurch wurde der Unterricht in drei Schichten in auf 40 Minuten verkürzten Stunden durchgeführt. Das Lernen war dadurch nicht gerade eine Freude für alle Beteiligten.

Im Jahr 1952 wurde aus Geldmangel der Nordflügel nur baulich geschlossen und nicht vollständig wiederhergestellt. Die Bezeichnung änderte sich 1958 auf 2. POS. Diese war eine Polytechnische Oberschule und hieß von 1970 bis 1989 "Walter-Wagner-Oberschule".

Im Jahr 1991 wurde die Schule durch die Wende und die damit verbundenen Veränderungen zur 2. Realschule Cottbus. Im Jahr 1993 wurde sie die erste und größte Ganztagsrealschule Brandenburgs. Im Jahr 2000 kam es zur Namensgebung "Sandower Realschule", welche die Verbundenheit der Schule mit dem Stadtteil Sandow ausdrückte. An der Realschule wurde zum 88. Geburtstag ein Schulmuseum eingerichtet, welches heute auch noch zu besichtigen ist. Im Jahre 2003 feierte die Schule den 90. Geburtstag des Gebäudes. Im Schuljahr 2005/06 musste die Sandower Oberschule, wie sie auf Grund einer neuen Schulreform nun genannt wurde, nach Schmellwitz in ein Ausweichquartier umziehen. Von Seiten der Stadt wurde versprochen, dass im Jahr 2009 die Schule wieder in ein rekonstruiertes Gebäude zurückziehen kann.

Im Jahr 2007 begannen dann endlich die Arbeiten zur Rekonstruktion des Gebäudes. Die Sandower Oberschule wird auf Grund der Entscheidungen der Stadt Cottbus nicht mehr zurückkehren dürfen. Die Carl-Blechen-Grundschule wird in das Gebäude einziehen und hoffentlich die Traditionen von zwei alten Schulen verbinden und weiterführen.

Die Autorin ist Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Schulgeschichte