| 02:33 Uhr

Schon 25 Jahre vor Piplica hatte Energie einen Kult-Keeper

Kult-Keeper Andreas Wendt.
Kult-Keeper Andreas Wendt. FOTO: Georg Zielonkowski/ski1
Energie Cottbus feiert im Jubiläumsjahr den 50. Geburtstag. Für die RUNDSCHAU eine gute Gelegenheit, an Personen zu erinnern, die dem Verein lange Zeit sehr nahe standen. Auf dem Rasen, aber auch auf oder hinter den Tribünen des "Stadions der Freundschaft". Heute: Andreas Wendt. ski1

Allein aufgrund seiner zumeist spektakulären Einsätze in der ersten Fußball-Bundesliga gebührt einem Tomislav Piplica ein besonderer Torhüter-Platz in der 50-jährigen Energie-Geschichte. Doch gab es, knapp 25 Jahre bevor der Bosnier in Cottbus seine Zelte aufschlug, mit Andreas Wendt bereits einen sogenannten "Kult-Keeper", der bei den Fans in den 1970er-Jahren ebenso beliebt war. Was mit seiner sportlichen Leistung einerseits, wohl aber auch mit der für Fußballer im Leistungsbereich eher ungewöhnlichen Gewichtsklasse zu tun hatte, in der der heute 64-Jährige zumeist unterwegs war.

Ärgert es sehr, wenn man früher wie heute stets vom "dicken Wendt" sprach und spricht?
Eigentlich nicht, denn schließlich war ja meine Figur nicht zu übersehen. Und sie war ja nicht nur ein Markenzeichen von mir, sondern auch für mich und meine Leistungen eher positiv. Hinderlich war sie jedenfalls nicht. Stimmt es, dass man Sie deshalb für einige Zeit ins Krankenhaus "gesperrt" und dort auf absolute Magerkost gesetzt hat, um überzählige Kilos abzubauen?
Klar, und das waren die bis dahin schlimmsten Tage meines Lebens. Man hat mich gerade so überleben lassen. Am Ende hatte ich dann innerhalb von nur zehn Tagen knapp zehn Kilo verloren. Als ich raus kam, kam ich mir zwar gertenschlank vor, aber bei meinen Leistungen im Tor hat das Ganze überhaupt keinen Sinn gemacht. Ich war plötzlich drei Klassen schwächer als zuvor.

Wie das? Hatten Sie alles verlernt?
Das nicht, ich wusste schon noch, wie Torwart geht. Aber ich habe sozusagen kein Bein vors andere gekriegt. Ich war richtig schlapp und habe die Minuten bis zum Ende jedes Trainings gezählt. Als das dann auch die Trainer gesehen haben, was mit mir los ist, durfte ich wieder essen und habe spontan erst mal wieder sechs Kilo drauf gepackt.

Damals machte auch das Gerücht die Runde, dass Sie von Hans Meyer nach Jena geholt werden sollten. Am Ende hat er auf Sie verzichtet. Warum eigentlich?
Auch daran hatte meine Körperfülle ihren Grund. Eigentlich sollte ich der zweite Torhüter bei Carl Zeiss werden und im Europacup spielen. Aber ich hatte ja eben die Sache mit dem Abnehmen hinter mir und so gemerkt, dass mich die Magerkur nur hindert, gute Leistungen zu bringen. Das habe ich dem Hans Meyer auch so dargestellt und da war das Thema Jena schnell vom Tisch.

Ich erinnere mich an Ihre großartige Strafraumbeherrschung und an Ihre Reflexe auf der Linie. Gerade deshalb waren Sie damals Kult in Fußball-Cottbus . . .
Es stimmt schon, dass ich da meine Stärken hatte. Wenn ich einmal die Linie verlassen habe und zum Beispiel nach Ecken durch den Strafraum geflogen kam, hatte kaum ein Gegenspieler eine Chance, an den Ball zu kommen. Ich habe mir die Gegenspieler regelrecht zurecht gerückt. Und Respekt hatten wohl alle, wenn ich da mit meinen 100 Kilo ankam.

An eine Partie erinnert sich wohl jeder Cottbuser, der Energie regelmäßig besuchte. Ähnlich wie Jahre später beim DFB-Pokalspiel gegen Karlsruhe gab es auch besondere Bedingungen bei einem FDGB-Pokalspiel gegen Halle . . .
Oh ja, das war einer meiner Höhepunkte während meiner Zeit zwischen 1974 und 1982, als ich im Kasten bei Energie stand. Ich glaube es war im Dezember 1981, als wir im Viertelfinale gegen den HFC Chemie gespielt haben. Wir hatten wohl mehr als 20 Zentimeter Schnee auf dem Platz, was für unsere kämpferisch ausgerichtete Mannschaft ideale Bedingungen waren. Am Ende haben wir uns 2:1 gegen den Favoriten durchgesetzt. Und den ein oder anderen sogenannten Unhaltbaren habe ich dabei auch entschärft. War das dann das schönste Spiel ihrer insgesamt 166 Partien für Fußball-Cottbus?
Nein, es war das Pokalspiel über das wir uns für das gerade erwähnte Spiel gegen Halle qualifiziert haben. Die Partie bei Vorwärts Stralsund ging ins Elfmeterschießen, bei dem alle Schützen trafen, so gab es lange keine Entscheidung. Also mussten die Torhüter ran. Ich war zuvor noch nie in die Verlegenheit gekommen, einen Elfer zu schießen. Ich hab das Ding reingehauen und wir waren im Viertelfinale.

Sie sind im Jahr 1981 zum "Energie-Spieler des Jahres" gewählt worden, und haben im September nach einem Pokalspiel bei Heckert Karl-Marx-Stadt Energie verlassen. Gab es für den 30-jährigen Andreas Wendt noch ein Fußballer-Leben nach Energie Cottbus?
Ich habe noch ein Jahr bei Motor Saspow drangehangen. Danach war aber Schluss mit Fußball. Familienbedingt bin ich dann nach Magdeburg gezogen, um dort einen ganz normalen Beruf auszuüben. 2007 wurde ich invalidisiert. Inzwischen wird mein Leben absolut von Haus und Familie bestimmt.

Mit Andreas Wendt sprach

Georg Zielonkowski