ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:33 Uhr

Berliner- Ecke Waisenstraße
Schönheit der Jahrhundertwende

Von Bäumen gesäumt: Das Gebäude Berliner/ Ecke Waisenstraße in einer Aufnahme von 1905.
Von Bäumen gesäumt: Das Gebäude Berliner/ Ecke Waisenstraße in einer Aufnahme von 1905. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Der kräftige Altbaumbestand lässt auf dieser alten Ansichtskarte die Schönheit der Eckbebauung gar nicht richtig zur Geltung kommen. Das Thema, ob Architektur oder Stadtgrün wichtiger ist, dürfte ein ewiger Streit zwischen Architekturbegeisterten und Baumfreunden einer grünen Stadt sein. Dora Liersch / dli9

Als dieses Haus in den Jahren 1903/1904 erbaut wurde, schnaufte qualmend die "Bimmelguste", die beliebte Spreewaldbahn, durch die Waisenstraße und an dem Neubau vorbei. Schützende grüne Bäume waren sicher von großem Vorteil. Auf der alten Karte ist auch das Halteschild für den öffentlichen Verkehr in der Berliner Straße sichtbar, um der Bahn die Vorfahrt zu lassen.

Dazu gäbe es sicher noch einiges zu erzählen. Bauherr und gleichzeitig Architekt für das Haus Berliner Straße 54 war Carl Sichler. Seit 1898 wirkte dieser Mann in Cottbus. Er stellte sich als Architekt und staatlich geprüfter Maurermeister vor, der ein Architekturbüro betrieb, zeitgemäße und praktische Ausführung aller in das Baufach einschlagenden Arbeiten ausführte, aber zunächst auch mit Baumaterialien, Holz und Kohlen handelte.

Der aus Sachsen, vermutlich Leipzig, stammende Carl Sichler begann wohl in Cottbus, in der Karlstraße 87 seine Tätigkeit, bevor er um 1900 in der Drebkauer Straße 148 und 150 seinen Betrieb einrichtete und auf dem Grundstück Drebkauer Straße 149 (alles alte Nummerierungen) ein großes Mietshaus mit Seitenflügel erbaute. Das Haus in der Berliner Straße war sein sechster Neubau in Cottbus. Dieses Gebäude fällt auch heute noch besonders mit seiner Fassadengestaltung auf, auch wenn es im Laufe von Jahrzehnten zu baulichen Veränderungen gekommen ist.

Es ist die Zeit des Jugendstils, und doch entwirft und baut Carl Sichler anders. In der Denkmaltopografie der Stadt Cottbus von 2001 schreibt Irmgard Ackermann: "Eckbau (. . .) mit flach reliefierter, eigenwillig an Tudorgotik und nordeuropäischer Renaissance orientierter Fassadengestaltung.

Im Erdgeschoss, geprägt durch unterschiedliche Fensterformen, von besonderer Wirkung das Spitzbogenportal (Gewände mit blatt- und bänderverzierten Säulen beziehungsweise Stabwerk, Haustür mit schulterbogigem Sturz). Erd- und Obergeschoss mit feiner Putzquaderung überzogen. Fenster der oberen Etagen mit variationsreichen Sturzbögen, in der Traufzone zarter Wellenfries. Zwei zentrale Achsen an jeder Straßenfront (. . .) und geschweiftem Zwerchgiebel betont; letzter zudem durch Putzornamente und Aufsätze markant ausgebildet. Zwischen den Zwerchgiebeln axial angeordnete hölzerne Gauben. Den Gesamtbau beherrschend ein die abgeschrägte Hausecke abschließendes monumentales Zwerchhaus mit Spitzhelm und Zierfachwerk . . ." Besser kann man das Äußere des Hauses gar nicht beschreiben.

Carl Sichler ist auch Eigentümer des angrenzenden Grundstückes Bismarckstraße 48 (August-Bebel-Straße 48). Er baut passend zu dem von ihm entworfenen Eckhaus der Berliner Straße noch 1904 das Haus, ebenfalls ein Eckgebäude der damaligen Bismarckstraße. Dieses passt sich in Stockwerks-, Trauf-und Dachfirsthöhe sowie der Fenstergestaltung dem prächtigen Nachbarhaus an.

Die Berliner Straße 54 war als Mietwohnhaus errichtet worden, das der Architekt schon wenige Jahre später an den Ziegeleibesitzer Wilhelm Zweig in Klinge verkaufte. Mitte der 1920er Jahre hatte der Kaufmann Franz Hoffmann das Haus erworben und richtete sich sein Geschäft für Papier- und Schreibwaren sowie für Konfitüren ein.

Inzwischen ist aus dem Wohnhaus ein Bürohaus geworden, das von der Stadt genutzt wird. Manches Elternteil kann sich noch an die Familienkasse erinnern, die zeitweilig in der Berliner Straße 54 untergebracht war. Die Renovierung der Fassade erfolgte 1997, wie auch eine Innenmodernisierung in dieser Zeit. Der Architekt Carl Sichler hat etliche Häuser in Cottbus geplant und erbaut. Er nutzte in der Berliner Straße Schmuckelemente, die er bereits für frühere Neubauten angewandt hatte, wie beispielweise Zwerchhäuser mit ziegelgedeckten Spitzhelmen.

Beispiele wären die Lutherstraße 5, Dresdener Str. 107 (alt) - Kriegsverlust, Wall-/Friedrich-Ebert-Str. 5 - abgerissen. Nach dem Ersten Weltkrieg, Carl Sichler wohnt inzwischen in der Wilhelmstraße 5, ist er zudem zusätzlich Sachverständiger für Bauschwamm-Forschung und vereidigter Gebäudeschätzer.

Außerdem arbeitet er für die Bauhütte, eine soziale Baugesellschaft m.b.H. in Berlin, hier in Cottbus - also vor Ort, sowohl als Architekt, wie auch für Auftragsannahme, Kostenberechnung, sowie gewissenhafte, sparsame und wirtschaftliche Ausführungen nach eigenem und fremdem Entwurf für die Bauhütte. Eigene Arbeiten in den 1920er Jahren sind noch die villenartigen Wohnhäuser der Humboldtstraße 27 und 29. Carl Sichler verstarb Anfang der 1930er Jahre in Cottbus.

Alle Teile der Serie unter:

www.lr-online.de/

historischelausitz