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| 17:56 Uhr

Kriminalität
Im Notfall wird abgezockt

Verbraucherberater und Jurist Wolfgang Baumgarten
Verbraucherberater und Jurist Wolfgang Baumgarten FOTO: Annett Igel
Cottbus . Unseriöse Schlüsselnotdienste und Rohrreiniger stellen immer dreistere Wucherrechnungen. Von Andrea Hilscher

Wolfgang Baumgarten ist eigentlich durch nichts mehr zu erschüttern. Der Jurist arbeitet seit 2009 bei der Verbraucherzentrale Brandenburg. Zu Hunderten haben Menschen aus Cottbus und Spree-Neiße ihm ihre Erlebnisse mit üblen Abzockern geschildert, gerade Schlüsseldienste und Rohrreiniger nutzen Notlagen von Kunden oft schamlos aus. „Ich dachte, eigentlich geht es nicht mehr schlimmer“, sagt Wolfgang Baumgarten. Offenbar hat er sich getäuscht. „Die Rechnungen, mit denen die Verbraucher über den Tisch gezogen werden, erreichen inzwischen absurde Höhen.“

Erster Fall: Einem Mann aus Cottbus fällt abends beim Müll rausbringen die Tür ins Schloss. Er bittet seinen Nachbarn, einen Schlüsseldienst zu rufen. Der Nachbar sucht im Internet, ruft eine dort angegebene 0800-er Nummer, zwei Stunden später ist die Tür geöffnet. Die Rechnung: 1449 Euro. Der Geschädigte zahlt.

Zweiter Fall: Eine junge Frau stellt fest, dass in ihrer Mietwohnung ein Rohr verstopft ist. Sie ruft einen Notdienst an, fragt nach dem Preis für einen Einsatz. 39 Euro koste es, das Rohr zu spülen, so die Antwort. Die Frau erteilt den Auftrag und wundert sich, als dafür gleich drei „Handwerker“ anreisen. Wolfgang Baumgarten: „Zum Glück hatte sie ihren Nachbarn als Zeugen hinzugeholt, so war sie den Männern nicht alleine ausgeliefert.“ Die werkelten einige Zeit an dem verstopften Rohr herum, bekamen es schließlich frei und präsentierten eine Rechnung über 335 Euro – zehnmal so viel wie angekündigt. Die Kundin weigerte sich zu zahlen, drohte mit der Polizei. „Innerhalb von zwei Minuten waren die angeblichen Handwerker verschwunden“, freut sich der Verbraucherschützer. Leider kennt er auch andere Beispiele: „Vor einiger Zeit haben wir eine Familie beraten, die 3500 Euro für den Sonntagseinsatz eines Rohrreinigers bezahlt hat.“

Die ausgestellten Rechnungen in solchen Fällen seien häufig gefälscht. Ohne Steuernummer, ohne Firmenadresse und Ansprechpartner. „In dieser Branche wird gelogen, das sich die Balken biegen“, sagt Wolfgang Baumgarten. Zudem werde häufig mit Drohungen gearbeitet, um die Kunden einzuschüchtern. Wer gerade kein Geld im Haus habe, werde zur Bank oder zum nächsten Automaten gefahren, damit er die Rechnung begleichen kann. Manche Anbieter haben sogar ein mobiles Kartenlesegerät dabei. „Fallen Sie nicht auf die Abzocker herein“, rät der Verbraucherschützer. Sein Tipp: Sollte ein Notdienst überzogene Forderungen erheben, am besten die Polizei rufen. „Dort ist man dankbar, wenn man solche Machenschaften aufdecken kann“, sagt Baumgarten. Die Verbraucherzentrale hat mit der Polizei eine Kooperationsvereinbarung, um den Informationsaustausch in derartigen Fällen unbürokratisch zu gewährleisten.

Ein anderer Tipp der Verbraucherschützer, möglichst nur Anbieter mit regionalen Telefonvorwahlen zu kontaktieren, ist inzwischen überholt. Viele unseriöse Firmen schalten neben ihrer 0800-er Nummer eine 0355-Vorwahl, leiten den Anruf dann automatisch an ein Callcenter weiter. Ganz dreiste Betrüger arbeiten sogar mit Deckadressen. „Wir haben falsche Schlüsseldienste in der Straße der Jugend und in der Nähe der Lipezker Straße entdeckt, die mit Tarnnummern gearbeitet haben“, so Baumgarten. Über die Bundesnetzagentur hat er diese Nummern inzwischen sperren lassen.

Zumeist, so die Erfahrung, sitzen die Betreiber in Nordrhein Westfalen. Geht dort ein Anruf ein, werden Mittelsmänner aus der Region auf den Weg geschickt. In einem Mammutprozess wurden jetzt die Chefs eines Schlüsseldienstes aus Klewe zu langen Haftstrafen verurteilt: Sie hatten bundesweit 700 000 Kunden abgezockt.