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| 16:08 Uhr

Cottbus früher und heute
Schlossturm versus Gerichtsturm

Die Angaben zum Turm auf dieser Postkarte sind falsch, erklärt Geschichtsexpertin Dora Liersch.
Die Angaben zum Turm auf dieser Postkarte sind falsch, erklärt Geschichtsexpertin Dora Liersch. FOTO: Liersch Dora und Heinrich / Dora und Heinrich Liersch
Cottbus. Dora Liersch erzählt die Geschichte der Häuser am Gerichtsplatz anhand einer Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause und korrigiert einen alten Fehler. Von Dora Liersch

Diese ältere Ansichtskarte stammt aus dem Jahr 1955 und wurde vom Cottbuser Alfred Nitschke herausgegeben. Die Beschriftung ist allerdings nicht korrekt mit „Cottbus. Sandower Straße mit Landgerichtsturm“. Auf dem Foto ist links das alte Barockhaus mit „Brillen-Müller“, die Sandower Straße 49, und rechts ganz schmal die Fassaden der Sandower Straße 50 bis 54 zu sehen. Betonender Blickfang ist aber mittig das Haus Gerichtsplatz 1 mit dem dahinter sichtbaren Schlossturm.

Der untere Teil des Bauwerks stammt wahrscheinlich aus dem frühen 13. Jahrhundert. Diese ältesten Mauern sind etwa drei Meter stark. Das obere Teil des Turms, aber auch die weitere Bebauung des Schlossberges sind neueren Datums. Stadtbrände hatten auch auf die Gebäude der Burg übergegriffen. Im Jahr 1857 brannte das Schlossgebäude, längst als Spinnerei genutzt, durch Selbstentzündung der gelagerten Wolle, nieder. Der Schlossberg wurde infolgedessen immer wieder neu bebaut. Dabei wurde stets der Turm wieder aufgebaut. Da seit dem Jahr 1870 die Justizbehörden Eigentümer des Schlossberges sind und in den 1870er-Jahren das Landgerichtsgebäude erbauen ließen, wurde aus dem Schlossturm der Gerichtsturm. Und wie auf der Ansichtskarte zu lesen sogar der Landgerichtsturm. Da es aber keine gesetzliche Grundlage gibt, keine Beschlüsse des Magistrats oder der Stadtverordneten zur Umbenennung vorliegen, bleibt der Turm wie bereits seit Jahrhunderten der Schlossturm.

Das Haus Gerichtsplatz 1 ist eines der ersten drei- bis viergeschossigen Mietshäuser in Cottbus. Der Bauantrag dafür wurde im Jahr 1868 gestellt. Wie die Vorgängerbauten ausgesehen haben, ist leider nicht bekannt. Die Grundform des Areals, zwischen Sandower und Magazinstraße, nördlich an der Zufahrt auf den Schlossberg gelegen und den Gerichtsplatz abgrenzend, ist relativ schmal. Dies war in frühesten Zeiten ein Burglehen, also ein Freihaus. Die Lehenbesitzer stammten aus Niederlausitzer Adelsfamilien wie von Mylen auf Briesen, von Köckritz auf Tranitz, von Pfuhl auf Tranitz. Im Jahr 1669 wurde aus dem Haus ein Bürgerhaus, natürlich mit Braugerechtigkeit.

Der Blick von heute auf den Gerichtsplatz.
Der Blick von heute auf den Gerichtsplatz. FOTO: Liersch Dora und Heinrich / Dora und Heinrich Liersch

Erster Eigentümer war Georg Bargeldt (auch andere Schreibweisen bekannt). Er war Mühlschreiber, Kriegsmetz-Einnehmer, Ratsherr und Amtmann für das Amt Sielow. Nach seinem Tod erwarb sein Sohn Johann Georg Bargeldt von der verwitweten Mutter das Anwesen. Er war Tuchmacher und Händler. Im Jahr 1730 verkaufte er das Haus an den Bäcker Gottfried Völkel. Dessen Tochter Margarete Elisabet heiratete Johann Michael Mund, der das Grundstück übernahm. Fast 100 Jahre blieb alles im Besitz der Familie Mund. Zuletzt in der Hand des Seifensieders Friedrich Wilhelm Mund.

Vor dem Jahr 1855 kam Wilhelmus Münnich, der Sohn eines Seifensieders, nach Cottbus. Er war in Wünschelburg bei Glatz (heute Polen) geboren. Er erwarb das Grundstück, damals noch mit der Bezeichnung Berliner Straße 223 im Sandower Viertel und stellte 1868 den Bauantrag für einen Neubau. Leider ist nicht bekannt, wer der Architekt dieses interessanten Hauses war. Geschickt wurde der U-förrnige Grundriss des künftigen Mietshauses mit zwei Ecklagen entworfen und der Bau ausgeführt. Es ist ein Putzbau mit sechsachsigem Mittelbau. Die Schauseite ist zum Gerichtsplatz gerichtet und dreigeschossig. An beiden Seiten fügen sich viergeschossige Kopfbauten an. Interessant ist die spätklassizistische Gliederung mit den sparsamen, doch wirkungsvollen Stuckelementen an der Fassade.

Wilhelm Münnich war Konditor und eröffnete im Erdgeschoss eine Konditorei und ein Restaurant, die er viele Jahre betrieb. Natürlich gehörte auch Baumkuchen zum Angebot. Wilhelm Münnich hatte aber noch eine weitere Tätigkeit. Er war Modelleur. Um 1880 stellte er aus Papier interessante 3 D-Bilder, also plastische Bilder von Cottbuser Ansichten her. Als Vorlage dienten ihm Litographien aus den 1840er-Jahren. Einige 3 D-Bilder befinden sich heute im Cottbuser Stadtarchiv.

Im Jahr 1899 verstarb dieser vielseitig tätige Mann mit 70 Jahren. Sein Sohn Franz führte das Restaurant weiter. Die Konditorei übernahm kurzzeitig Bernhard Läuter, dem bereits 1893 Adolph Unterlauf als Wilhelm Münnichs Nachfahre für viele Jahre folgte.

Das Restaurant, direkt an der Ecke zur Sandower Straße übernahm zunächst Hermann Wittig und um 1907 Hermann Noack. Eigentümer des Hauses wurden Münnichs Erben. 1909 war es der Mittelschullehrer Paul Laube. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es keine Konditorei und auch kein Restaurant mehr im Haus. So ist im Jahr 1921 und auch noch 1940 der Waren-Einkaufs-Verein zu Görlitz mit seiner Zweigniederlassung Cottbus im Erdgeschoss. Nach dem Mechaniker Otto Zerna folgte Alfred Weitzel mit seinem Kinderwagen-Spezialgeschäft. Im Adressbuch von 1940 sind die Mieter der Rechtsanwalt und Notar Dr. Adolf Renkert, der Werkzeuginspektor i. R. Fritz Stratmann, der Bildhauermeister Fritz Hertelt und andere. 1955 war in dem großen Ladengeschäft der Konsum mit einer Lebensmittel-Lehrverkaufsstelle untergebracht. Inzwischen haben mehrere Geschäftsleute ihr Glück im Haus Gerichtsplatz 1 versucht. Heute wirbt ein Geschäft mit Naturkost um Kunden.