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| 14:53 Uhr

Tag der Sehbehinderung
Wie ein Blinder als Kellner Karriere macht

 Saliya Kahawatte hat mit nur fünf Prozent Sehkraft viele Jahre selbst hinter der Bar gestanden. Heute ist er ein erfolgreicher Unternehmer. Moderne Technik wie ein digitalgestütztes Kamerasystem an seiner Brille oder die Sprachassistentin Siri helfen ihm im Alltag.
Saliya Kahawatte hat mit nur fünf Prozent Sehkraft viele Jahre selbst hinter der Bar gestanden. Heute ist er ein erfolgreicher Unternehmer. Moderne Technik wie ein digitalgestütztes Kamerasystem an seiner Brille oder die Sprachassistentin Siri helfen ihm im Alltag. FOTO: privat
Cottbus. Bestseller-Autor Saliya Kahawatte berichtet im Weltspiegel über unglaubliche Erlebnisse in der Gastronomiebranche. Von Silke Halpick

Mit einer Sehkraft von nur fünf Prozent hat Saliya Kahawatte sein Abitur an einer Regelschule absolviert und 18 Jahre lang in der Gastronomie gearbeitet. Seine Behinderung hielt er geheim. Sein Buch „Mein Blind Date mit dem Leben“ ist ein Bestseller und wurde bereits verfilmt. Am Samstag ist der gebürtige Freiberger im Weltspiegel in Cottbus zu Gast. Anlass ist der Sehbehindertentag. Die RUNDSCHAU sprach vorab mit ihm über seine ungewöhnliche Lebensgeschichte.

Herr Kahawatte, wie kann ein Blinder kellnern? Das ist doch gar nicht möglich.

Kahawatte Ich bin nicht blind. Ich sehe Licht und Schatten. Ich erkenne, wenn sich vor mir jemand bewegt, aber ich erkenne nicht, wer das ist. Ich kann alle Drinks mixen, aber das können Barkeeper normalerweise auch blind. Das Tischeindecken habe ich im Dunkeln trainiert – so lange, bis ich es konnte. Es geht, man muss nur anders arbeiten. An der Kasse habe ich die Artikelnummern alle auswendig gelernt. Die konnte ich blind, die anderen haben sie vom Zettel abgelesen.

Im Film müssen Sie stundenlang Gläser polieren, bis sie sauber sind. Wie klingt ein sauberes Glas?

Kahawatte Es hat einen höheren Klang. Das kann auch jeder selbst testen, wenn er sich die Augen verbindet.

Mussten Sie ihre anderen Sinne erst schulen nach dem Verlust der Sehkraft?

Kahawatte Einiges kam automatisch, anderes musste ich trainieren. Ich habe eine sehr feine Nase. So konnte ich 75 Weine innerhalb von sieben Tagen voneinander unterscheiden, andere brauchten dafür ein halbes Jahr.

Überwiegt bei Ihnen Talent oder Ehrgeiz?

Kahawatte Ich glaube, es ist eine Mischung aus beidem. Man muss die Sachen wollen und am Ende auch können. Gefragt sind Intelligenz und Willen. Als Formel-1-Rennfahrer hätte ich es nie geschafft.

Wie gefällt Ihnen selbst der Film „Mein Blind Date mit dem Leben“? Wie dicht ist er an ihrer wahren Geschichte dran?

Kahawatte Der Film ist super. Ich bin gerade dabei, einen zweiten Teil zu basteln. Das Drehbuch für die Fortsetzung habe ich schon geschrieben. Der Film ist natürlich keine Reportage wie über die Bezwingung des Mount Everest. Das verwechseln viele Menschen. Gezeigt wird ein Abschnitt aus meinem Leben: vom Abitur bis zur Ausbildung. Natürlich muss man einiges adaptieren, damit die Handlung spannend ist.

Hatten Sie mit einem so großen Erfolg gerechnet?

Kahawatte Überhaupt nicht. Selbst meine Mutter hat gesagt, warum willst du deine Geschichte aufschreiben, das liest doch niemand. Doch das Buch wurde verfilmt und ein Bestseller.

Warum musste es die Gastronomiebranche sein? Hätten Sie nicht gleich Bücher schreiben können?

Kahawatte Mit 19 Jahren hatte ich die Idee, dass ich mit meinem Augenfehler auf jeden Fall einen Tisch eindecken kann. Das war ein bisschen naiv. Ich habe aber auch gemerkt, dass meine Berater und Pädagogen überfordert waren. Fakt ist, ich habe mit null Euro ein Unternehmen aufgebaut. Das soll erst einmal einer besser machen.

Mit Ihrem Verein Saliya Foundation helfen Sie sehbehinderten Menschen. Wie läuft’s?

Kahawatte Ja, wir unterstützen ganz gezielt Menschen, die sehbehindert sind, in Arbeit zu kommen. Den ersten Sehbehinderten haben wir in einem Projekt in einem Hotel untergebracht. Jetzt sind wir dabei, einem jungen Menschen die Ausbildung in der Krankenpflege zu ermöglichen. Die Stiftung ist keine Riesenstiftung. Wir machen lieber kleine Sachen, die funktionieren.

Was sagen Sie zur Inklusion?

Kahawatte Meine Erfahrung: Über Inklusion wird schon so lange geredet, wie ich denken kann. Gesetze und Regelungen gibt es reichlich. Doch die ersten, die anfangen darüber nachzudenken, sind die, die nach einem Autounfall selbst betroffen sind, oder Paare, die ein behindertes Kind haben. Sonst drückt man das Thema weg wie das hungernde Kind in Jemen.

Sie haben es ganz ohne staatliche Hilfe geschafft…

Kahawatte Hilfe hatte ich immer und habe ich immer noch. Doch schon damals hatte ich nach meinem Studium 150 Bewerbungen geschrieben und wurde abgelehnt. Ich wollte nicht von Hartz IV leben. Da musste ich einfach versuchen, mein Leben in die eigene Hand zu nehmen. Das es letztlich so gut läuft, war nicht absehbar. Früher musste ich meine Kreativität und meine Intelligenz dafür nutzen, um den Sehenden zu spielen. Heute nutze ich sie, um Bücher zu schreiben und mit Leuten zu sprechen. Ich denke, dass ist der richtige Weg.

Und in Cottbus werden Sie aus Ihrem Buch vorlesen?

Kahawatte Nein. Lesen kann ich  nicht. Das sehe ich nicht. Doch ich habe eine gute Show vorbereitet. Ich will die Leute begeistern. Das Manuskript umfasst 2700 Wörter. Die muss ich noch auswendig lernen.

… und auch die Schritte zählen, um auf die Bühne zu kommen?

Kahawatte Die Bühnengröße stellen wir auf unserer Testbühne in Hamburg nach. Die Strecke muss ich vorher einstudieren, sonst geht es nicht.

 Saliya Kahawatte hat mit nur fünf Prozent Sehkraft viele Jahre selbst hinter der Bar gestanden. Heute ist er ein erfolgreicher Unternehmer. Moderne Technik wie ein digitalgestütztes Kamerasystem an seiner Brille oder die Sprachassistentin Siri helfen ihm im Alltag.
Saliya Kahawatte hat mit nur fünf Prozent Sehkraft viele Jahre selbst hinter der Bar gestanden. Heute ist er ein erfolgreicher Unternehmer. Moderne Technik wie ein digitalgestütztes Kamerasystem an seiner Brille oder die Sprachassistentin Siri helfen ihm im Alltag. FOTO: privat