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Rutschungen stellen Lausitzer Bergbausanierung vor Probleme

Nach dem Erdrutsch versank ein Lastwagen in der überfluteten Fläche. Foto: privat
Nach dem Erdrutsch versank ein Lastwagen in der überfluteten Fläche. Foto: privat FOTO: privat
Cottbus. Mit dem flächenhaften Wideranstieg des Grundwassers in der Lausitz haben sich offensichtlich bisher unbekannte Probleme bei der Standsicherheit ehemaliger Kippenböden gezeigt. Das bestätigen Bergbauexperten gegenüber der RUNDSCHAU. In den vergangenen zwei Jahren kam es zu mehreren Rutschungen und Erdsackungen auf Flächen, die als standsicher galten. Von Simone Wendler

Das an den Weihnachtsfeiertagen abgesackte Waldstück auf einem alten Kippengelände bei Lohsa (Kreis Bautzen) zeigt beispielhaft das Problem. “Wir wissen inzwischen, was da passiert ist, aber noch nicht, warum„, sagt Eckehard Scholz, Leiter Geotechnik der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft mbH (LMBV). Die LMBV ist für die Sanierung der Bergbaualtlasten in der Region zuständig.

Seit etwa zwei Jahren finden in der Lausitz vermehrt kleinere oder größere Brüche und Rutschungen in ehemaligem Kippengelände statt. Nur wenn sie größere Ausmaße haben, werden sie öffentlich bekannt. Dabei “verflüssigt„ sich durchfeuchteter Boden, weil ein Auslöser die Struktur zusammenbrechen lässt und das Wasser aus den Hohlräumen zwischen den Sandkörnern treibt. Innerhalb weniger Minuten sackt der Boden zusammen, das Wasser schießt in Fontänen heraus. Ist Gefälle vorhanden, kann sich eine Schlammlawine in Bewegung setzten, das Erdreich seitlich wegrutschen.

Grundsätzlich ist das für Bergbau-Fachleute ein bekanntes Phänomen. Durch unterirdische Verdichtung werden Böschungen an Tagebaurestlöchern deshalb stabilisiert. Doch mit dem flächenhaften Wiederanstieg des Grundwassers in der Region bekommt das Rutschungsphänomen offensichtlich eine neue Qualität. Immer öfter bricht der Boden hinter diesen verdichteten unterirdischen Dämmen zusammen, obwohl auf ihm eine nach bisherigen Kenntnissen ausreichend dicke Abdeckung mit trockenem Erdreich liegt. “Das war bisher so nicht bekannt und auch nicht erwartet worden„, sagt LMBV-Chefgeologe Scholz.

Manchmal sind die Auslöser für diese gefährlichen Sackungen bekannt, wie bei der Rutschung in Spreetal (Kreis Bautzen), wo Erdmassen in einer nassen Senke gelagert worden waren. Manchmal bleiben nur Vermutungen, was die Erde in Bewegung setzte, so wie vor zwei Jahren an der Kleptna im ehemaligen Tagebau Seese (Oberspreewald-Lausitz) oder jetzt in Lohsa, wo die Untersuchungen noch laufen.

Auslöser für eine Erdverflüssigung, so Scholz, müssten nicht nur von außen kommen: “Das können auch Vorgänge sein, die sich in der Kippe abspielen und die wir vielleicht noch nicht kennen.„

Eine Ursache der veränderten Situation ist für die Fachleute das überall wieder angestiegene Grundwasser in der Region, das die Kippenböden von unten durchfeuchtet. Ungewöhnlich starke Regenfälle wie im vorigen August könnten ebenfalls eine Rolle spielen. “Wir brauchen mehr Informationen und Wissen über diese Böden, auch über die frühere Abbautechnologie, durch die die Kippen entstanden sind„, so der LMBV-Chefgeologe. Deshalb würden alle Erdsackungen und Rutschungen der jüngsten Vergangenheit nun genau aufgearbeitet. Enger Kontakt bestehe dabei zu Forschern an der Bergakademie in Freiberg (Sachsen), die sich mit dem Thema befassen.

Nach den Rutschungen der vergangenen Monate im sächsischen und brandenburgischen Teil der Lausitz wurden größere Kippenflächen vorsorglich gesperrt. Darunter sind Acker- und Waldgrundstücke, die noch unter Bergaufsicht stehen, aber mit Nutzungsauflagen bereits verkauft wurden.

Untersuchungen sollen nun bis Ende März klären, ob und in welchem Maße dort weitere Sicherungsarbeiten nötig sind, um sie wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zu den möglichen Konsequenzen will sich LMBV-Geologe Eckard Scholz nicht äußern. Er verweist jedoch darauf, dass die Lausitzer Seenkette dadurch nicht infrage gestellt wird und dass die unterirdischen Bodenverdichtungen alle gehalten hätten.

Die oberen Bergbehörden in Brandenburg und Sachsen sind bei der Frage nach den Konsequenzen der laufenden Untersuchungen nicht so zurückhaltend. “Es wird sicher insgesamt mehr Zeit und mehr Aufwand für die Bergbausanierung nötig sein„, räumt Peter Horler ein, Sprecher des Oberbergamtes von Sachsen. Dort gehe man davon aus, dass im Ergebnis der laufenden Prüfung an einigen Stellen Nacharbeiten notwendig seien: “Es ist natürlich auch eine politische Entscheidung, wie viele gesperrte Flächen man in Kauf nimmt - und wie lange.„

Klaus Freytag, Präsident des Brandenburger Landesamtes für Bergbau, Geologie und Rohstoffe, sieht es ähnlich. Wenn nachgearbeitet werden muss, werden sich Laufzeit und Kosten der Sanierung erhöhen. “Wir werden aber auch den einen und anderen Nachnutzungsgedanken noch mal kritisch hinterfragen müssen„, gibt Freytag zu bedenken. Je anspruchsvoller die spätere Nutzung, um so teurer wird es, die dafür nötige Sicherheit zu schaffen.

Friedrich von Bismarck, Leiter der Bund-Länder-Geschäftsstelle des Steuerungs- und Budgetausschusses (StuBa), der das Geld für die Bergbausanierung verwaltet, will noch nicht über mögliche Mehrkosten reden. Erst einmal müssten die laufenden Untersuchungen abgeschlossen werden. Alles andere sei Spekulation. Doch auch er räumt auf Nachfrage ein: “Vom Trend her wird das sicher länger dauern und teurer werden als gedacht.„

Dass die Bergbaukippen hinter den Stabilisierungsdämmen zum Problem werden könnten, hat der StuBa schon länger im Blick. Im vorigen Jahr wurde dazu ein zusätzliches Forschungsprogramm beschlossen.

Hintergrund: STEUERUNG- UND BUDGETAUSSCHUSS
- Das Gremium lenkt die Finanzierung der Sanierung der Bergbaualtlasten in Ostdeutschland. Zwischen Bund und den Bergbau-Ländern Brandenburg und Sachsen werden die Kosten dafür geteilt.
- Bei der Grundsanierung übernimmt der Bund 75 Prozent, bei Gefahrenabwehr durch Grundwasseranstieg die Hälfte der Kosten. Den Rest zahlt das betroffene Bundesland.
- Bisher wurden drei Verwaltungsabkommen vereinbart, welche die Gesamtsumme für die Altbergbausanierung in einem bestimmten Zeitraum festlegen. Bis Ende 2010 wurden für die Beseitigung von Bergbau-Altlasten im Osten insgesamt rund neun Milliarden Euro ausgegeben.
- Das laufende dritte Verwaltungsabkommen von 2008 bis 2012 hat ein Volumen von einer Milliarde Euro. Das zurzeit verhandelte vierte Abkommen ab 2013 wird ebenso groß ausfallen.

Video: So entstehen Bodenverflüssigungen: