Am Cottbuser Bahnhof laufen die Vorbereitungen für die Ankunft der ersten Flüchtlinge aus der Ukraine. Dort wird der erste Zug Freitagnacht (4. März) erwartet. Danach steuern die Flüchtlingszüge aus Breslau voraussichtlich zweimal täglich Cottbus an. Sie haben eine Kapazität für bis zu 500 Menschen.
Die Züge pendeln zwischen Breslau und Cottbus. Mit bis zu 3.500 Flüchtlingen rechnet die Stadt allein in den ersten Tagen. Damit wird Cottbus zu einem Hauptsammelpunkt in Brandenburg. Die Stadt richtet deshalb eilig am Bunten Bahnhof ein Willkommens-Zentrum her. Und das ist längst nicht alles.
Die Unwägbarkeiten sind groß. Genaue Flüchtlingszahlen kann derzeit niemand abschätzen, auch nicht die individuellen Bedürfnisse der Menschen, wann die Züge eintreffen ebenso wenig. Gleichzeitig kann sich die Stadtverwaltung auf eine breite Unterstützung aus der Bürgerschaft verlassen.

Cottbuser Club wird erster Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus der Ukraine

Der Bunte Bahnhof ist ein Kulturzentrum mit Galerie, Antiquariat, Club und Freiluftkneipe in Cottbus. Im Club Scandale steht „Enter the Party“ an der Wand, dahinter eine lange Theke. Normalerweise herrscht an diesem Ort wilde Ausgelassenheit. Philipp Gärtner ist von Herzen Gastgeber. Der Club-Chef öffnet ganz selbstverständlich sein Haus für Menschen in Not. Das Wlan im Club steht, Poster an der Wand verraten das Passwort. Abfahrtspläne der Bahn liegen bereit. Die Theke wird mit Getränken ausgestattet. Ein Imbiss wird hergerichtet, Steckdosenleisten werden verlegt.
Über dem aufgeklappten Laptop stecken am Freitagnachmittag Jonas Pantzer und Benjamin Andriske ihre Köpfe zusammen. Sie gehören zu den Initiatoren der Internetseite www.ukrainenetzwerk-cottbus.de. Dort werden alle Hilfsangebote und -anfragen gebündelt. Jonas Pantzer: „Wir wollen alles zusammenbringen und dabei vermeiden, dass Doppelstrukturen entstehen.“

Cottbus

Internetseite bündelt Angebote und übermittelt Helfer an die Stadt

Er zeigt die Internetseite. Dort erfahren die Menschen wie, was und wo sie spenden können. Fast noch wichtiger dürfte aber die Helfer-Registratur werden. Dort kann sich jeder anmelden. Dabei werden etwa Sprachkenntnisse abgefragt und womit die Einzelnen Unterstützung leisten können – Kinderbetreuung, Behördengänge und Hilfsfahrten.
„Die Daten übermitteln wir an die Stadt“, sagt Jonas Pantzer und betont: „Die Stadt muss jetzt die Hilfe zentral steuern.“ Der junge Mann weiß selbst aus seinem persönlichen Einsatz, dass derzeit jeder Tag neue Herausforderungen stellt.
Stefanie Kaygusuz-Schurmann leitet im Cottbuser Rathaus das Ressort Bildung und Integration. Sie ist für die Unterstützung des Ukraine-Netzwerks dankbar. „Wir werden viele Helfer brauchen“, sagt sie. „Wir wollen feste Teams schaffen, die sich vor Ort um die Ankommenden kümmern.“ So hätten sich bereits 19 Freiwillige gemeldet, die russisch oder ukrainisch sprechen. „Diese Sprachmittler werden die Menschen begleiten und betreuen.“ Nicht allein am Bunten Bahnhof, sondern auch darüber hinaus. Die Integrationsleiterin geht davon aus, dass Cottbus in den nächsten ein bis zwei Wochen täglich mit einem steten Flüchtlingsstrom aus Polen rechnen muss.

Viehmarkt wird zum Sammelpunkt für ukrainische Verwandte

Vor dem Club Scandale wird gerade ein Zelt hergerichtet. Dort erhalten die Ankommenden medizinische Unterstützung, ein Arztzimmer ist ebenfalls hergerichtet und Corona-Tests werden vorgenommen.
Nicht alle Menschen, die Cottbus erreichen, werden auch in der Stadt bleiben. Das lehre die Erfahrung aus Berlin. So sei die Deutsche Bahn darauf eingerichtet, schnell und unkompliziert Tickets für Weiterfahrten auszustellen. Die erhalten Menschen mit einem ukrainischen Pass kostenlos.
Stadtsprecher Jan Gloßmann ergänzt: „Wenn Verwandte oder Freunde Geflüchtete direkt in Cottbus abholen wollen, dann ist der Viehmarkt der Sammel- und Treffpunkt.“

Messehalle wird als erste Unterkunft für 1000 Menschen hergerichtet

Denn die Einfahrt zum Bahnhof über die Güterzufuhrstraße muss gesperrt werden. Das erklärt Ordnungsdezernent Thomas Bergner (CDU). „Hier werden Shuttle-Busse abfahren und ankommen. Das ist zu eng und zu gefährlich.“ Die Zufahrt zum Pendler-Parkplatz an der Külzstraße bleibe aber offen.
Die Busse werden die Menschen, die zunächst nicht weiterkommen, in die Messehallen bringen. Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU): „Wir haben entschieden, dass die Messehalle als ein Aufenthaltsort hergerichtet wird. Dort ist Platz für 1000 Menschen mit Schlafgelegenheiten und Duschräumen.“ Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und die Johanniter haben die Hallen entsprechend hergerichtet. „Wir werden auch dort Helfer benötigen“, sagt das Stadtoberhaupt.

Cottbuser Hotels bieten Zimmer an für Flüchtlinge aus der Ukraine

Über die Unterkunft in den Messehallen hinaus, stünden in Cottbus 70 Betten in der Asylunterkunft und 60 Plätze in Internaten zur Verfügung. Stefanie Kaygusuz-Schurmann: „Wir haben auch bei den Hotels angefragt und von zwei sofort eine Rückmeldung erhalten. Ich gehe davon aus, dass weitere folgen.“
Oberbürgermeister Kelch ist erfreut über die große Hilfsbereitschaft in der Bürgerschaft, aber auch der kommunalen Familie. So gebe es Unterstützungsangebote aus Potsdam und den Landkreisen. „Dabei geht es um die Versorgung, Transport oder Übernachtungskapazitäten“, sagt er. „Der logistische Aufwand wird enorm.“

Spree-Neiße nimmt zunächst 150 Menschen aus der Ukraine auf

Der Landkreis Spree-Neiße will an diesem Wochenende etwa 150 Flüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen, kündigt Sozialdezernent Michael Koch (SPD) an. Die Menschen werden vornehmlich in Forst und Guben untergebracht. Damit seien die kurzfristig verfügbaren Kapazitäten zunächst erschöpft. Der Kreis hat laut Dezernent Koch darüber hinaus bei den Wohnungsunternehmen angefragt, ob Wohnungen zur Verfügung gestellt werden können. „Wir müssen die Möglichkeiten erweitern, weil wir mit weiteren Flüchtlingen rechnen.“
Auch die GWC Gebäudewirtschaft Cottbus stellt sich auf den Flüchtlingsstrom ein. Erste Wohnungen sind bereits hergerichtet. Der Technische Geschäftsführer Sebastian Herke versichert: „Wir können in ausreichendem Maß auf die Anforderungen reagieren.“ Zahlen nennt er keine. Nur so viel: „Die GWC ist sehr gut auf die ankommenden Flüchtlinge vorbereitet. Wir haben in den Jahren 2015/2016 viele Erfahrungen gesammelt und können diese nutzen.“