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| 18:45 Uhr

Ruhe auf dem Stadthallenvorplatz

Vorsichtiger Optimismus bei Stadt und Polizei: Die brisante Situation rund um Stadthalle und Puschkinpark hat sich entschärft.
Vorsichtiger Optimismus bei Stadt und Polizei: Die brisante Situation rund um Stadthalle und Puschkinpark hat sich entschärft. FOTO: dpa
Cottbus. Es begann schleichend: Zu den Menschen, die fast traditionell in den Sommermonaten auf dem Stadthallenvorplatz ihre Zeit mit Rauchen, Trinken und Pöbeln verbringen, gesellten sich nach und nach zugezogene Flüchtlinge. Bei der Kripo gingen erste Signale ein, dass sich zwischen Spree Galerie und Puschkinpark ein Markt für Drogen etabliert. Andrea Hilscher

Immer öfter beschwerten sich Passanten und Geschäftsleute über Belästigungen, innerhalb weniger Wochen registrierte die Polizei mehrere Dutzend Straftaten: Der Stadthallenvorplatz war zum Brennpunkt geworden.

Im April gründeten Stadt und Polizei eine Arbeitsgruppe Innenstadt, die Kripo erarbeitete eine Bekämpfungskonzeption. "Dann gab es plötzlich Hinweise, dass ein Konflikt hochkochen könnte", sagt Tino Glaser, Chef des Führungsdienstes der Polizeiinspektion. Jetzt galt es, schnell zu handeln. Am 18. und 19. Mai rückten je 30 Beamte der Bereitschaftspolizei an, unterstützt von Ordnungsamt und Ausländerbehörde. "Wir wollten ein Zeichen setzen", so Glaser.

Das Zeichen kam an: Schon am Tag nach dem ersten Großeinsatz war vor allem die Zahl der Flüchtlinge im Brennpunktbereich stark gesunken. "Wir hatten einen fantastischen Dolmetscher dabei, der ihnen unsere Maßnahmen erklärt hat und im Gegenzug auch uns von der Polizei wertvolle Tipps zum Umgang mit den Geflüchteten gegeben hat", sagt Glaser. Doch klar war: Das Problem würde sich nicht über Nacht lösen lassen.

Das Polizeipräsidium stellte daher eine Hundertschaft zur Verfügung, seit Anfang Juni ist täglich eine Gruppe der Bereitschaftspolizei vor Ort. Die Beleuchtung in den Problemzonen wurde verstärkt, Grünpflanzen im Park beschnitten. Zeitgleich erließ die Stadt ein befristetes Alkoholverbot rund um Stadthalle und Puschkinpark. Angetrunkene Menschen werden angesprochen, ermahnt, mit Platzverweisen, Gewahrsam oder sogar Aufenthaltsverboten belegt. Für uneinsichtige Ausländer gäbe es sogar die Möglichkeit, zeitweise einen Wohnort außerhalb von Cottbus anzuordnen. "Doch bisher musste noch nicht zu diesem Mittel gegriffen werden", sagt Manfred Geißler, Leiter des Ordnungsamtes. Parallel zu den Ordnungsmaßnahmen bieten Freie Träger der Jugendhilfe seit Mitte Juni Beratung, Tischfußball und andere Freizeitaktivitäten im Brennpunkt an - Langeweile lässt Konflikte schnell eskalieren.

Ein anderer wirksamer Hebel: Ein junger Pakistani, der selbst im Gewahrsam noch gegen die Polizei rebellierte, wurde nach mehrfachen Ermahnungen erneut auf dem Stadthallenvorplatz angetroffen. Als er auch ein vierwöchiges Aufenthaltsverbot missachtete, schrieb die Polizei einen Festsetzungsbescheid: Der Mann muss 200 Euro an die Staatskasse zahlen. "Das wirkt", sagt Tino Glaser.

Noch während der Ferien lässt die Polizei an vier Standorten rund um die Stadthalle Kameras installieren, um die Aktivitäten der "Problemkinder" überwachen zu können. Im Blick behalten werden die Menschen auf dem Vorplatz, in der Gasse zwischen Hotel und Stadthalle, an den Straßenbahnhaltestellen und eventuell im Bereich Postparkplatz. Kriminalhauptkommissar Guido Große: "Diese Überwachung hat abschreckende Wirkung und hilft natürlich bei der Aufklärung von Straftaten."

Die allerdings ist kompliziert: Allein die Anzahl der Zeugen, die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, die Vielzahl an Nationalitäten und Sprachen machen die Arbeit der Kripo zur Geduldsprobe. Tino Glaser zieht eine erste, positive Bilanz. "Wir haben konsequent und angemessen reagiert. Wo sich vor Wochen noch große Gruppen feindselig gegenüberstanden, haben wir es heute mit Konflikten zwischen Einzelnen zu tun. Aus dem Brennpunkt ist wieder ein Bereich geworden, an dem sich die Menschen gern aufhalten."

Zum Thema:
Seit April gibt es mindestens einmal in der Woche gemeinsame Streifen von Polizei, Ordnungsamt und Ausländerbehörde. Seit Beginn der Maßnahmen hat die Polizei über 400 Personen kontrolliert. Rund 150 Platzverweise wurden ausgesprochen, elf Personen wurden in Gewahrsam genommen. Seit dem 29. Mai wurden 90 Ermittlungsverfahren auf den Weg gebracht, zehn davon sind für den Staatsschutz relevant. 85 Tatverdächtige wurden ermittelt, je zur Hälfte Deutsche und Geflüchtete. 50 Prozent sind unter 21. Es gab 90 Geschädigte, 128 Zeugen wurden registriert.