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| 06:37 Uhr

Rückübertragung jüdischer Siedlung in Groß Gaglow
Der lange Schatten alten Unrechts

Sie bangen um ihre Grundstücke: Siegfried Wehlan, Alfred Limberg, Renate Homer, Karl Homer und Erika Wehlan (v.l.).
Sie bangen um ihre Grundstücke: Siegfried Wehlan, Alfred Limberg, Renate Homer, Karl Homer und Erika Wehlan (v.l.). FOTO: Wendler / LR
Cottbus. Im Cottbuser Stadtteil Groß Gaglow wurde 1935 eine jüdische Siedlergemeinschaft verjagt. Dieses Unrecht war lange in Vergessenheit geraten. Doch die Folgen davon könnten jetzt nach über 80 Jahren noch einige Einwohner ihre Häuser kosten. Von Simone Wendler

Wenn Karl Homer aus dem Wohnzimmerfenster seines Hauses am Rande des Cottbuser Ortsteils Groß Gaglow schaut, blickt er ins Grüne. Ein paar Kiefern, dahinter freies Feld, am Horizont Wald. Homer ist 79 Jahre alt. Vor 40 Jahren hatte er das Haus neben dem seiner Eltern errichtet. Jetzt droht ihm und seiner Frau der Verlust ihres Zuhauses.

Das Bundesamt für offene Vermögensfragen hat Karl Homer Ende Januar angekündigt, in Kürze die Rückgabe seines elterlichen Grundstückes an die Jewish Claims Conferenz (JCC) zu verfügen. Vier Wochen hat Karl Homer nun Zeit, noch mal dazu Stellung zu nehmen.

Die 1951 gegründete JCC vertritt Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus. Sie hat vor vielen Jahren schon Ansprüche auf Flächen einer 1935 von den Nazis vertriebenen jüdischen Siedlungsgesellschaft angemeldet. Auf einem Stück dieser Flächen steht das Haus von Karl Homer. Der will um keinen Preis weichen: „Man kann altes Unrecht nicht mit neuem Unrecht beseitigen.“

Der Rentner ist einer von rund 20 Eigentümern von Wohngrundstücken, die wegen des Antrags der JCC noch im vorigen Jahr Post vom Bundesamt bekommen haben. Ihnen wurde mitgeteilt, dass bis zur endgültigen Klärung der Ansprüche für alle Flächen ein Vermerk im Grundbuch eingetragen wurde, der einen Weiterverkauf verhindert. Bis Jahresende, so das Amt, sollen alle endgültigen Entscheidungen vorliegen. Karl Homer ist nun der Erste, dem angekündigt wurde, dass die Entscheidung in seinem Fall Herausgabe des Grundstücks an die JCC lauten werde.

Die Geschichte nahm ihren Anfang 1930. Damals kaufte eine Jüdische Landarbeit GmbH im Dorf ein Rittergut, um es in 29 Siedlerparzellen zu teilen. Durch Landwirtschaft und Obstbau sollten jüdische Familien sich eine neue Existenz aufbauen können. Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 begann die Anfeindung.

Im Mai 1935, noch bevor die einzelnen Siedler im Grundbuch eingetragen werden konnten, wurden sie aus dem Ort vertrieben. Die Flächen wurden der Jüdischen Landarbeit GmbH entzogen und auf eine „Gemeinnützige Siedlungs- Treuhandgesellschaft“ übertragen. Wie der Eigentumswechsel konkret ablief, ist laut Bundesamt nicht mehr zu ermitteln. Die Akten wurden während der Bodenreform vernichtet.

Knapp zwei Jahre nach der Vertreibung der jüdischen Siedler kaufte der Vater von Karl Homer, der aus Süddeutschland kam, eine Parzelle von der neuen Siedlungsgesellschaft. Später erwarb er auch das Nachbargrundstück. Diesen Grundbesitz vererbte er seinem Sohn.

Ähnlich die Situation von Siegfried Wehlan. Der heute 81-Jährige wurde 1936 in dem Haus geboren, das er nun vielleicht verlieren wird. Auch er erbte von seinem Vater, der noch im Jahr der Vertreibung der jüdischen Siedler eine Parzelle übernahm.

Bis 1983 haben er und seine Frau noch Kredite auf das Grundstück an die Staatsbank der DDR abbezahlt.

Karl Homer verletzt auch der entstandene Eindruck, sein Vater habe zu einer „Rotte von Nazis“ gehört, die sich hier festgesetzt haben, nachdem sie die Juden vertrieben hatten: „Das ist falsch.“ Was den jüdischen Siedlern angetan wurde, sei bitteres Unrecht gewesen, so Homer. Aber das sei ihnen durch den damaligen Staat zugefügt worden. Deshalb müsse jetzt der Staat auch dafür einstehen.

Ortsvorsteher Dieter Schulz ist selbst von der Anmeldung der Restitutionsansprüche betroffen. Doch er hat, anders als Homer und Wehlan, sein Haus in dem er seit den 70er-Jahren wohnt, erst 1990 gekauft. Deshalb hat er offenbar bessere Karten, das Grundstück zu behalten (siehe Infobox). Doch Schulz will für alle Betroffenen kämpfen.

Es sei unerträglich, dass seit mehr als 20 Jahren Ungewissheit die Betroffenen quäle, so Schulz. Auch er ist überzeugt: „Wenn damals Unrecht geschehen ist, muss der Bund dafür aufkommen.“ Einige Betroffene seien regelrecht krank geworden durch die Belastung.

Vor zwei Wochen hat der Ortsvorsteher deshalb noch mal an das Bundesamt für offene Vermögensfragen geschrieben. Er kündigt an, dass sich die Betroffenen mit Unterstützung vieler Bürger „mit allen politischen und rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen“ werden.

Vorher hatte er sich bereits an den Bundestagsabgeordneten Klaus-Peter Schulze und den Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (beide CDU) mit der Bitte um Hilfe gewandt. Doch auch denen teilte das Amt nur mit, was aus seiner Sicht Rechtslage ist. Danach gebe es keinen Zweifel am grundsätzlichen Rückgabeanspruch. Der Jüdischen Siedlergesellschaft sei der Grundbesitz durch einen Verwaltungsakt des NS-Staates entzogen worden.

Juristisch kämpfen können Betroffene um ihre Grundstücke erst, wenn sie einen Bescheid des Bundesamtes für offene Vermögensfragen in der Hand halten. Wenn die Entscheidung Rückgabe laute, hätten die Betroffenen aber Anspruch auf Entschädigung für die Wertsteigerung der Immobilie.

Nach Auskunft des Bundesamtes werden jedoch voraussichtlich nur drei Wohngrundstücke an die JCC herauszugeben sein. In anderen Fällen, in denen die Flächen inzwischen weiterverkauft wurden, werde es vermutlich nur um die Herausgabe des erlösten Kaufpreises gehen. Ein Grundstück in Groß Gaglow, das bereits restituiert wurde, hat die JCC inzwischen versteigert.

Ortsvorsteher Dieter Schulz will bis zum Monatsende warten und dann eine Einwohnerversammlung einberufen: „Daraus kann auch eine Protestkundgebung werden.“ Die zuständige Abteilungsleiterin im Bundesamt für offene Vermögensfragen hat er mit seinem Brief Anfang Februar dazu schon eingeladen. Denn für den Ortsvorsteher von Groß Gaglow steht fest: „Es kann nicht noch mal 20 Jahre dauern, bis Klarheit herrscht.“