Von Jan Siegel

Eberhard Renner schwillt der Kamm. Um den Jahreswechsel herum hat der Cottbuser wieder einmal von den zahlreichen Initiativen gehört und gelesen, die in der Lausitz um Rückkehrer werben. Traditionsgemäß ist das eine gute Zeit für derartige Werbung. Um die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel kommen viele, die es einst in die Ferne zog, in die alte Heimat, um hier Verwandte und alte Freunde zu besuchen.

Rückkehrertage sind „Schlag ins Gesicht“

Für Eberhard Renner sind die initiierten Rückkehrertage regelmäßig ein „Schlag ins Gesicht“ für die gut qualifizierten Arbeitslosen, die hier schon – immer noch oder wieder – leben. Deshalb hatte Renner, der nach eigenen Angaben selbst lange in leitender Position in Baden-Württemberg gearbeitet hat, einigermaßen verärgert in die Tasten gegriffen und einen Leserbrief an die RUNDSCHAU geschrieben.

Ältere Rückkehrer haben es schwer

„Aus umfangreicher Erfahrung kann ich berichten, dass ein Arbeitsuchender ab 50 und mit einem angestrebten Stundenlohn über 10 Euro hier nicht mehr eingestellt wird“, schreibt Eberhard Renner. Und er schildert den Fall einer Frau mit besten Voraussetzungen für den Arbeitsmarkt, die im vergangenen Jahr in der Lausitz etwa 60 Bewerbungen verschickt hat. „Ihr Makel war das Alter – 57 –, obwohl man hier noch zehn Jahre arbeiten muss – und ein angestrebter Stundenlohn von mindestens 13 Euro.“ Über zehn Euro pro Arbeitsstunde habe kein potenzieller Arbeitgeber gehen wollen und das auch nur in Teilzeit für eine 20-Stunden-Woche. Die Frau bekäme einen Bruttomonatslohn von gerade einmal 800 Euro.

Nun lässt sich von einem einzelnen Fall seriös nicht auf die Gesamtsituation in der Lausitz schließen. Trotzdem zeigt er eine Tendenz, die so oder so ähnlich inzwischen viele Lausitzer selbst oder im Verwandtenkreis schon einmal erlebt haben. Es scheint sich also zu lohnen, die verfügbaren statistischen Zahlen zum Gehaltsniveau in Ostdeutschland und speziell der Lausitz einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Stimmt die Empfindung vom Niedriglohngebiet im Osten?

Überblick für Rückkehrer

Den besten Überblick liefert in diesem Zusammenhang der „Arbeitskreis Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Länder“. Das ist ein gemeinsames Datenangebot der Statistischen Ämter in Deutschland und auch ein wichtiges Arbeitsmittel für Volkswirtschaftler, die sich wissenschaftlich mit der Thematik befassen.

Die letzten verfügbaren Angaben zu den Arbeitnehmergehältern dort stammen zwar noch aus dem Jahr 2016. Trotzdem zeigen sie die Situation, die sich auch in den zurückliegenden zwei Jahren in ihrer Tendenz nicht signifikant geändert hat. Danach liegt das Bruttoarbeitnehmerentgelt – so die wissenschaftliche Bezeichnung – je Arbeitsstunde (gerechnet über alle Branchen) in der Region zwischen Görlitz und Königs Wusterhausen zwischen 19,42 (Landkreis Görlitz) und 21,50 Euro (Stadt Cottbus). Für das ganze Land Brandenburg haben die Statistiker einen Brutto-„Stundenlohn“ von 20,76 Euro ermittelt. Die Werte dieses Brutto-Arbeitnehmerentgeltes setzen sich zusammen aus dem Nettolohn (-gehalt), der Lohnsteuer, dem Solidarzuschlag, der Kirchensteuer sowie den Sozialversicherungsbeiträgen von Arbeitnehmern plus den SB-Beiträgen, die ein Arbeitgeber für einen Beschäftigten bezahlen muss.

Wer in die beliebtesten „Auswanderer-Regionen“ der Lausitzer nach Bayern und Baden-Württemberg schaut, findet dort in dem Tabellenwerk des statistischen Arbeitskreises durchschnittliche Brutto-Stundenlöhne für Arbeitnehmer von 27,36 Euro (Bayern) und 27,80 Euro (Baden-Württemberg).

In Gesamtdeutschland liegt diese Kennziffer mit den letztverfügbaren Zahlen von 2016 übrigens bei 25,77 Euro/Stunde.

Zugegeben, das ist eine für Nicht-Zahlenmenschen äußerst trockene statistische Materie, aber sie ist unvermeidlich, will man die Lage der Lausitz auf dem gesamtdeutschen Beschäftigungsmarkt einigermaßen realistisch einordnen.

Arbeitsagentur hat die Zahlen

Intensiv beschäftigt sich mit der Einkommenssituation in der Region zwischen Elbe und Neiße naturgemäß auch die Arbeitsagentur Cottbus. Ihr riesiges Einzugsgebiet reicht von Schwarze Pumpe (Spree-Neiße) im Süden bis an den südlichen Stadtrand von Berlin. Die Statistikexperten der Agentur verzeichnen in dieser Region ein durchschnittliches Brutto-Jahreseinkommen von 24 200 Euro für Arbeitnehmer aller Branchen. Auch dabei ist das Jahr 2016 die letzte verfügbare Bezugsgröße.

„Das Problem ist“, sagt Professor Dr. Joachim Ragnitz vom ifo-Institut in Dresden, „dass die Löhne über die verschiedenen Branchen sehr stark variieren. In der Gastronomie wird deutlich weniger bezahlt als beispielsweise im Bergbau.“ Daher könne der Vergleich der Brutto-Stundenlöhne auch irreführend sein. Streng genommen müssten die Löhne der einzelnen Berufsgruppen in den Regionen miteinander verglichen werden – also beispielsweise der Friseurin in Cottbus mit der in Ulm. „Dazu gibt es aber keine ausreichenden statistischen Daten“, sagt Ragnitz. Deshalb seien die verfügbaren Daten eben auch nur begrenzt aussagekräftig.

Lausitz braucht kluge Köpfe

Angesichts dieser Realitäten bleibt die Herausforderung: Will die Lausitz ihre wirtschaftliche Zukunft erfolgreich meistern, braucht sie gut ausgebildete, kluge Köpfe. Diese Tatsache gilt auch unabhängig vom beschlossenen Strukturwandel, der mit dem Ende der Braunkohleverstromung einhergehen muss. Neben neuen, innovativen Ideen und Zukunftsinvestitionen wird der Mangel an einer ausreichenden Zahl von Fachkräften für die Region zum Schlüsselproblem.

Das haben vor allem die Kommunen erkannt. Landkreisen, Städten und Gemeinden in der Lausitz ist längst klar, welche verhängnisvollen Langzeitfolgen die demografischen Entwicklungen der zurückliegenden zwei Jahrzehnte zwischen Neiße und Elbe schon in der nächsten Zukunft haben werden. Die Lausitzer sind zu alt. Und wie der Einzelne nicht jünger wird, kann sich auch die Region aus sich heraus nicht selbst verjüngen. Ohne den Zuzug jüngerer Menschen lässt sich die wirtschaftliche Zukunft der Lausitz daher nicht meistern.

Missverhältnisse bei der Vermittlung

Eine Untersuchung des „Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung“ der Bundesagentur legt nahe, dass sich trotz aktueller Arbeitslosenquoten um sieben Prozent in der Lausitz der Mangel an Fachkräften derzeit nicht aus dem Reservoir der Arbeitsuchenden ausgleichen lässt. „Insbesondere im Hinblick auf das Potenzial der Arbeitslosen zeigt sich, dass es einen großen Mismatch (Defizit – Anm. d. Autors) zwischen den Anforderungsprofilen gibt. Insbesondere passgenaue Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen können hier einen Beitrag leisten“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie „Die Lausitz. Eine Region im Wandel“.

Trotz der zahlreichen Analysen, Zahlen und Einschätzungen bleibt es schwierig, ein übergreifendes Fazit zur Einkommenssituation in der Lausitz zu ziehen. Der von Eberhard Renner in seinem Leserbrief an die RUNDSCHAU geschilderte Fall ist ganz gewiss keine Einzelerscheinung. Seine Argumentation wird gestützt von anderen Wortmeldungen nach den Rückkehrertagen in der Lausitz. Dabei berichten Interessenten, die sich für die Arbeit in namhaften Industrieunternehmen interessiert hatten, dass sie von den Ansprechpartnern der Betriebe direkt an Personaldienstleistungsfirmen verwiesen worden sind. Es hat den Anschein, als würden einige Unternehmen immer noch lieber mit Leiharbeitern operieren, statt den eigenen Personalstamm zu verstärken. Aussagekräftige und belastbare Zahlen dazu gibt es nicht.

Lohndumping bleibt Thema

Lohndumping ist in der Lausitz nach wie vor virulent. Trotzdem deutet vieles darauf hin, dass die demografische Entwicklung und der sich damit dramatisch verschärfende Fachkräftemangel die Situation für Arbeitsuchende in den kommenden Jahren auch in der Lausitz deutlich verändern werden. Voraussetzung dafür aber ist, dass mit dem Ende der Braunkohleverstromung der wirtschaftliche Strukturwandel in der Region gelingt.

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