ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 09:33 Uhr

Rudel nahe Cottbus beschäftigt Anwohner
Ein Dorf lebt mit dem Wolf

Im Waldstück bei Gulben, etwa 500 Meter vom Ziegenhof entfernt, tappten am 25. August in den frühen Morgenstunden diese drei Wolfswelpen in eine Fotofalle nahe eines Hochsitzes.
Im Waldstück bei Gulben, etwa 500 Meter vom Ziegenhof entfernt, tappten am 25. August in den frühen Morgenstunden diese drei Wolfswelpen in eine Fotofalle nahe eines Hochsitzes. FOTO: privat
Gulben. Nicht alle Gulbener sind vom neuen Nachbarn auf vier Pfoten begeistert. Sie blicken ängstlich in die Zukunft. Von Josephine Japke

Erst im August tappten zum wiederholten Mal drei junge Wolfswelpen in eine Fotofalle im Wald zwischen Gulben und Zahsow (Spree-Neiße) und bewiesen damit endgültig: In unmittelbarer Nähe von Cottbus ist ein Rudel sesshaft geworden. Sichtungen der Tiere haben sich in den vergangenen Monaten gehäuft und geben den Gulbenern Anlass, ihre eigene Sicherheit infrage zu stellen.

Dass die Wölfe keineswegs scheu und ängstlich sind, erlebte Dietmar Blank auf einem morgendlichen Spaziergang Mitte August. „Ich war auf dem Sielower Weg in Zahsow unterwegs, als 30 Meter vor mir ein Wolf stehen blieb und mich beobachtete“, beschreibt der Landschaftsarchitekt sein Erlebnis. In dem Moment überkam ihn die Angst. „Der Wolf hat er ja nur drei Möglichkeiten: stehenbleiben, weglaufen oder auf den Menschen zu gehen. Allein das Stehenbleiben und Beobachten zeigt, dass sie sich sicher fühlen und keine Angst mehr vor dem Menschen haben“, sagt er.

In Gulben, so meint Dietmar Blank, seien die Wölfe ein riesiges Thema. Nachbarn erzählten von Knurr-Duellen an Zäunen zwischen Hunden und Wölfen. Viele hätten den sonst so scheuen Waldbewohner schon aus nächster Nähe gesehen und seien wegen der schwindenden Distanz beunruhigt. Vor allem die Welpen scheinen keine Angst vor Menschen zu haben und würden bis auf wenige Meter herankommen. „Noch im letzten Jahr freuten sich alle über ein Video von drei Wölfen, die über das Feld liefen. Mittlerweile sind die Bedenken riesig“, erklärt Dietmar Blank.

120 Ziegen leben auf dem Hof „Zwölf Eichen“ von Sylvia Mros in Gulben.
120 Ziegen leben auf dem Hof „Zwölf Eichen“ von Sylvia Mros in Gulben. FOTO: LR / Josephine Japke

Klaus Lemke, Mitglied im Ortsbeirat von Gulben, kann nicht bestätigen, dass sein Dorf in Angst und Panik lebt. „Die Wölfe wurden zwar schon häufig gesichtet, aber passiert ist noch nichts. Sie haben sich bisher weder in die Gärten, noch auf die Gehöfte getraut. Noch gibt es also keinen Grund zur Beunruhigung“, sagt er.

Selbst im Dorf-Chat werde darüber kaum gesprochen und wenn doch, dann eher aus der Sensationslust heraus, weil mal wieder einer gesichtet wurde. „Die Leute hier nehmen das gelassen, weil bei uns keine Landwirtschaft mit Vieh betrieben wird und die Gefahr, dass etwas gerissen wird, dadurch sehr gering ist“, beschreibt Klaus Lemke die Lage in Gulben.

Als riesigen Landwirtschaftsbetrieb kann man den Ziegenhof „Zwölf Eichen“ nicht einordnen. Trotzdem leben auf zehn  Hektar Land 120 Ziegen, die die Existenzgrundlage für Sylvia Mros bilden. „Jeden Morgen habe ich Angst, gerissene Tiere auf meinem Hof vorzufinden“, sagt die Chefin des Hofes. In der Umgebung sind schon überall Tiere getötet worden, da sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Wolf auch zu ihr komme. Und das wäre eine finanzielle Katastrophe für die Gulbenerin, denn eine Jungziege kostet über 300 Euro.

„Die Tiere stehen auch nachts auf der Weide. Nur fünf dünne Drähte trennen sie von Wald und Feld. Für einen Wolf sollte das kein Hindernis sein“, erklärt Sylvia Mros. Sie hat Angst, dass der Wolf von den Ziegen nicht mehr ablässt, sobald er auf der Weide steht. Erst vor Kurzem ist sie selbst einem Wolf begegnet. „Wir lassen unsere Ziegen immer in den frühen Morgenstunden auf die Koppel. Plötzlich rannte ein Hirsch panisch an uns vorbei. Dicht dahinter folgte ihm der Wolf. Erst als ich laut geklatscht und geschrien habe, ließ er sich verscheuchen“, beschreibt Sylvia Mros die Szene.

Wie sehr sich das Verhalten vom Damwild verändert hat, beschreibt auch Jagdpächter Martin Bobowk: „Wir haben sehr viel Damwild bei uns in der Gegend. Früher konnte man täglich Tiere auf Feldern beobachten. Doch jetzt sind sie sehr heimlich geworden.“ Auf einer gemeinsamen Tour mit Dietmar Blank durch das mutmaßliche Wolfsgebiet, direkt neben dem Flugplatz Cottbus, überschlagen sich ihre Eindrücke. Wo zuerst hin, was zuerst erzählen, wie das ganze Ausmaß erklären? Einig sind die beiden sich in einer Sache, nämlich, dass die Verantwortlichen vom Land Brandenburg die Gefahr falsch einschätzen. „Ich bin mir sicher, dass die noch nie einem Wolf gegenüberstanden. Die Angst in dem Moment können sie nicht nachempfinden“, sagt Dietmar Blank und betont, dass sich die Gulbener allein gelassen fühlen. „Muss erst was passieren, dass uns jemand glaubt?“, fragt er.

In Gulben leben die Anwohner in unmittelbarer Nähe zum Wolfsrudel, das sich vor einiger Zeit im Wald zwischen Gulben und Zahsow angesiedelt hat.
In Gulben leben die Anwohner in unmittelbarer Nähe zum Wolfsrudel, das sich vor einiger Zeit im Wald zwischen Gulben und Zahsow angesiedelt hat. FOTO: LR / Josephine Japke