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Roman über jene, die Strom nicht nur mit Geld bezahlen

Conny Wierick liest aus ihrem neuen Roman und steht Moderator Klaus Wilke Rede und Antwort.
Conny Wierick liest aus ihrem neuen Roman und steht Moderator Klaus Wilke Rede und Antwort. FOTO: Elsner
Cottbus. Es ist ein Heimatroman im besten Sinne, der den Folgen des Braunkohlebergbaus für die Menschen der Lausitz nachspürt und das Geschehen in den Weltzusammenhang einordnet. Die Groß Gaglower Autorin Conny Wierick hat ihr jüngstes Werk "Entwurzelt", dieses Jahr erschienen im Regia-Verlag, am Donnerstagabend in der Bibliothek Sandow vorgestellt. Ulrike Elsner

Der neue Roman der Groß Gaglowerin Conny Wierick sorgt für ein volles Haus in der ehrenamtlich betriebenen Kulturstätte, die in der Kolumbus-Grundschule ihr Domizil hat. Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Undine und Georg, an dessen Beispiel die Konflikte der Umsiedlung für den Braunkohlebergbau lebendig werden. Der Text ist stark an Begebenheiten angelehnt, die sich bei der Umsiedlung von Horno tatsächlich ereignet haben. Viele Zuhörer, auf die eine oder andere Art von dem Thema selbst betroffen, erkennen in den Romanhelden deren Vorbilder im wirklichen Leben.

Horno ist "eines der bis dahin einhundertsechsunddreißig durch Braunkohleabbau betroffenen Orte der Lausitz", heißt es im Vorwort. Oder dass "mancher seine Kilowattstunden nicht nur mit Geld bezahlt".

Das Thema Heimat werde auf eine Weise behandelt, die nicht nur für die Lausitz, sondern für jede Region Gültigkeit hat, deren Natur durch den Menschen ausgebeutet wird, stellt Moderator Klaus Wilke fest. Conny Wierick habe "einen Heimatroman in Bezug auf Verbundenheit und Verwurzelung" vorgelegt, so Wilke. Und es sei "seit Reinhard Stöckels ,Der Lavagänger' der wichtigste Lausitzer Roman".

Die Autorin nimmt solch hohes Lob in aller Bescheidenheit zur Kenntnis und fühlt sich zu einem über ihr Thema ermuntert. Heimat könne das sein, wo man hineingeboren und aufgewachsen ist. Auch die Orientierung an Hab und Gut sei möglich. Besonders gefällt ihr offenbar Max Frischs Definition: "Heimat sind die Menschen, die wir verstehen und die uns verstehen." Was sie davon abhält, die Unterschiede zwischen ihren beiden Haupthelden auszuloten. Georg denke bei "Entwurzelt" vor allem an seine Obstbäume, während bei Undine Träume eine Rolle spielen.

"Einerseits wäre mit lieber, wenn eher heute als morgen keine Wunde mehr in die Erde gerissen würde", bekennt die Autorin, die seit vier Jahren im Ruhestand ist, zuvor aber viele Jahre neben ihrer Arbeit als Grundschullehrerin geschrieben hat. "Aber wie sähe unser Alltag aus, stünde uns die Kohle heute nicht mehr zur Verfügung?"

Klaus Wilke lobt die inhaltliche Ausgewogenheit des Romans. Da sei nichts auf Biegen und Brechen auf die Lösung des Konflikts ausgerichtet. Vielleicht ermutigt gerade das die Zuhörer, über ihre eigenen Erfahrungen mit der Kohle und dem Verlust von Heimat zu sprechen. Da ist von der Zeit die Rede, die es noch braucht, bevor die erneuerbaren Energien die fossilen Brennstoffe ganz ablösen können. Eine Zuhörerin bedankt sich bewegt "für die literarisch wundervolle Sprache und die Einblicke in die Seelen" der Romanhelden. Sie hat als Sechsjährige nach der Flucht aus Schlesien mit einer Puppe und einem Teddy im Schulranzen selbst erfahren, wie sich der Verlust von Heimat anfühlt. Und sie erinnert an die viel schlechteren Konditionen für die Bewohner abgebaggerter Orte zur DDR-Zeit.

Ein Satz von Conny Wierick klingt nach dieser anregenden Lese- und Gesprächsstunde nach. Sie sagt: "Ich glaube, der Raubbau ist viel größer als notwendig. Alles andere widerspräche dem Wesen derer, die daran verdienen."