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| 18:23 Uhr

Themenwoche Betrug
Rocker aus Izmir als falsche Polizisten

Ein Mitglied der Rockergruppe Hells Angels soll der Kopf der Betrugs-Call-Center in der Türkei sein.
Ein Mitglied der Rockergruppe Hells Angels soll der Kopf der Betrugs-Call-Center in der Türkei sein. FOTO: dpa / Fredrik von Erichsen
Cottbus/Köln. Wenn die Polizei versucht, Betrügern auf die Spur zu kommen, stößt sie schnell an Grenzen. Denn die Banden sitzen oft im Ausland. An sie heranzukommen, fällt schwer. Es gibt aber auch Erfolge. Von Bodo Baumert

Ein Anruf, im Display eine deutsche Nummer. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Polizist. Er ermittele in einem Einbruchsfall und verfolge eine Spur zu Ihnen. Sie stehen angeblich auf der Liste einer Einbrecherbande oder Betrügerbande und sollen zum Abgleich ihre Kontodaten nennen oder Geld überweisen, um einer Strafverfolgung zu entgehen.

Ja, solche Anrufe gibt es, hundertfach am Tag in Deutschland. Nein, am anderen Ende der Leitung ist kein Polizist. Der Anruf kommt sehr wahrscheinlich aus der Türkei. Dort unterhalten Trickbetrüger ganze Call-Center, aus denen heraus sie versuchen, Deutsche – vor allem Rentner – um ihr Erspartes zu bringen.

Das Vorgehen ist ähnlich wie beim Enkeltrick, der vor allem von einer polnischen Bande ausgegangen ist. Die türkischen Callcenter haben sich nach Erkenntnissen deutscher Ermittler hingegen darauf spezialisiert, als falsche Polizisten aufzutreten. Das geht aus Erkenntnissen der Polizei in Köln hervor, die Ermittler Joachim Ludwig in der jüngsten Ausgabe des „Kriminalisten“ vorgestellt hat.

Demnach ist für den starken Anstieg solcher Betrugsversuche in Deutschland vor allem eine Gruppe aus Izmir verantwortlich. Dabei soll es sich zum Teil um Rocker aus Deutschland handeln, die in die Türkei geflohen sind oder abgeschoben wurden. Kopf soll  der Präsident des ehemaligen Hells-Angels-Chapters C-Town aus Köln sein.

Dieser hat in Izmir Weggefährten um sich geschart, die aus der Türkei die Betrugsanrufe tätigen. Als Abholer und Unterstützer in Deutschland werden Verwandte eingesetzt, die weitere Personen für die Drecksarbeit anwerben. In einem Prozess in Karlsruhe konnte beispielsweise im vergangenen Jahr ein Täter dazu gebracht werden,  über die Strukturen auszusagen. Er entpuppte sich als „Hangaround“ bei den Hells Angels, der in deren Auftrag Geldbeträge bei Senioren abholte, die auf den Trick der falschen Polizisten hereingefallen waren.

Rentner und ihr Erspartes sind das Ziel der Betrüger.
Rentner und ihr Erspartes sind das Ziel der Betrüger. FOTO: Andrey Popov - stock.adobe.com / Andrey Popov

„Weitere Erkenntnisse belegen, dass sich mehrere in die Türkei geflüchtete Hells Angels aus unterschiedlichen Bundesländern an der Organisation der Taten beteiligen“, führt Kriminalist  Joachim Ludwig aus. Jeder Neuzugang bringe der Gruppe neue Kontakte, die deutschlandweit eingesetzt werden.

Auch die Lausitz bildet da keine Ausnahme. Ende Dezember gab es beispielsweise eine Welle solcher Fälle. Betrüger gaben sich bei Telefonanrufen in mehreren Fällen als Polizisten aus und versuchten, Informationen zu Einkommensverhältnissen und Wertsachen zu erlangen. „Die falschen Polizisten erklärten, bei einer Festnahme von Einbrechern in Berlin eine Liste mit Namen gefunden zu haben. Der Name der Angerufenen soll sich auf dieser Liste befunden haben. Daher müsse man jetzt prüfen, welche Wertsachen in den Wohnungen wären“, berichtete Polizeisprecher Maik Kettlitz damals.

Im April gab es ähnliche Fälle im Raum Herzberg. „Zwei Rentnerinnen wurden von angeblichen BKA-Mitarbeitern angerufen. Die Betrüger ermittelten verdeckt wegen verschiedener Straftaten. So sollen bei Einbrüchen in der Gegend Geld und Schmuck gestohlen worden sein und man wollte nun persönlich nach dem Rechten schauen“, so Polizeisprecher Torsten Wendt.

An die Hintermänner in der Türkei heranzukommen, ist schwer. Bisher werden solche Betrugsfälle in den jeweiligen Regionen verfolgt, eine bundesweite Koordination der Verfahren ist nun aber zumindest vorgesehen.

Dass es gelingen kann, Täter auch im Ausland dingfest zu machen, beweist der Fall der vermeintlichen Microsoft-Service-Anrufe. Vor zwei bis drei Jahren traten diese auch in der Lausitz gehäuft auf. Ein „Mr. Williams“ meldete sich am Telefon, um ein angebliches Computerproblem zu beheben. Dazu wollte er Fernzugriff auf den Computer des Angerufenen bekommen.

Deutschlandweit fielen mindestens 7647 Menschen darauf herein. Das sind alles Fälle, die das Landeskriminalamt Niedersachsen gesammelt hat. Die Ermittler verfolgten die Spur der Täter bis zu einem Call-Center in Indien und schafften es, die dortigen Behörden zur Zusammenarbeit zu bewegen. Bei einer groß angelegten Polizei-Aktion klickten Anfang September 2016 in Kalkutta die Handschellen. Sieben Personen wurden verhaftet. Sie hatten ein Call-Center betrieben, das laut Angaben des LKA Platz für 250 Mitarbeiter bot.

Weitere Verhaftungen folgten in Indien. Leider ist es damit aber nicht getan. Längst gibt es Nachfolger. Anfang des Jahres warnte das LKA in Niedersachsen erneut vor einem Anstieg solcher Betrugsfälle in ganz Deutschland.

Alle Teile der der Serie „Betrug“ gibt es hier zum Nachlesen.

FOTO: LR