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| 17:48 Uhr

Rettungsfahrt mit Hindernissen

Mathias Freund bleibt auch in stressigen Situationen gelassen. Seinen Beruf liebt er trotz der Schwierigkeiten, mit denen Rettungsfahrer zu kämpfen haben.
Mathias Freund bleibt auch in stressigen Situationen gelassen. Seinen Beruf liebt er trotz der Schwierigkeiten, mit denen Rettungsfahrer zu kämpfen haben. FOTO: hil
Cottbus. Bei einem verheerenden Busunglück in Nordbayern sterben 18 Menschen, 30 werden zum Teil schwer verletzt. Die Einsatzkräfte kommen nur schwer an den Einsatzort – die Autofahrer bilden erst viel zu spät eine Rettungsgasse. Andrea Hilscher / hil

Die Politik fordert nun Sanktionen. "Völlig zu Recht", findet Mathias Freund (50). Er ist seit 1991 bei der Berufsfeuerwehr Cottbus, wird seit 1992 im Rettungsdienst eingesetzt. Freund arbeitet als Fahrer, hat sich zusätzlich zum Rettungssanitäter, Rettungsassistenten und zuletzt zum Notfallsanitäter weitergebildet. "Die Arbeit auf den Straßen ist von Jahr zu Jahr schwerer geworden", sagt Freund. Die Sache mit den Rettungsgassen sei nur eines von vielen Problemen, die den Helfern das Leben erschweren.

Der Verkehr. Mathias Freund fährt sowohl Rettungs- als auch Notarztwagen. Der Schwerpunkt der Einsätze liegt im Stadtgebiet, bei Bedarf werden auch Einsätze im Spree-Neiße-Kreis bis Peitz oder Drebkau gefahren. Immer wieder müssen Patienten bis nach Berlin gebracht werden. Mit den Tücken des Straßenverkehrs ist Freund also bestens vertraut. "Man merkt, wie der Verkehr immer mehr zunimmt. Gerade im Berufsverkehr haben wir Probleme, schnell zu unseren Einsatzorten oder zum Krankenhaus zu kommen." Zwar haben die Rettungsfahrer Sonderrechte, müssen sich nicht zwingend an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten - "aber im dichten Verkehr kann ich auch nicht schneller als Tempo 50 fahren."

Die Baustellen. Die aktuellen Sperrungen und Umleitungen rund um den Hauptbahnhof sorgen auch bei den Einsatzkräften für Kopfzerbrechen. "Wir überlegen uns schon im Vorfeld sehr genau unsere Routen, prüfen, ob wir auf die Karl-Liebknecht-Straße oder die Straßenbahntrasse ausweichen."

Die Gaffer. Sind immer wieder ein Problem, sagt Mathias Freund. "Manchmal reagieren sie nicht mal, wenn wir sagen, dass sie uns Platz machen sollen. Dann müssen wir die Polizei bitten, die Leute mit Absperrbändern vom Einsatzort fernzuhalten." An die Handyfilmerei haben er und seine Kollegen sich fast schon gewöhnt. "Wenn wir konzentriert arbeiten müssen, blenden wir das einfach aus." Schlimm seien die Phasen, in denen ein Patient vielleicht gerade verstorben ist und Freund und seine Kollegen an der Unfallstelle ausharren müssen. "Dann werden wir beim Warten fotografiert und das kommt wie Untätigkeit rüber."

Die fehlende Rettungsgasse. Immer wieder ein Problem, sowohl in der Stadt als auch auf Bundesstraßen und Autobahnen. "Seltsam. Wenn wir mit Blaulicht ankommen, wissen viele Autofahrer oft nicht, was sie tun sollen. Und statt eine Gasse zu bilden, bleiben sie einfach stur stehen." Manche Fahrer, so Freund, merken schlichtweg nicht, dass sie gerade einen Rettungswagen blockieren. "Die gucken einfach nicht in den Rückspiegel."

Manfred Freund und seine Kollegen fahren 24-Stunden-Schichten, haben dann in der Regel 48 Stunden frei. Er liebt seinen Job bis heute. "Man kann Menschen helfen, jeder Tag ist anders." Mit seiner Familie spricht er nicht mehr über die Belastungen der Arbeit. "Das machen wir unter uns Kollegen aus. Da ist der Ton vielleicht etwas rau, manchmal auch pietätlos. Aber das ist unsere Art, traurige und schwierige Situationen zu verarbeiten."

Zum Thema:
Seit Ende Mai gilt es als Straftat, bei Unglücksfällen vorsätzlich Einsatzkräfte zu behindern, die Hilfe leisten oder leisten wollen. Darauf steht Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Haft, vorher wurden derartige Delikte mit einer Geldbuße belegt. Speziell für Rettungsgassen wird derzeit über weitere Sanktionen beraten - wenn Autos fahrlässig im Weg stehen bleiben, wofür bisher 20 Euro Bußgeld drohen. Der Bundesrat hat in seiner letzten Sitzung hierfür eine Mindeststrafe von 200 Euro beschlossen. Damit bewegt sich die Strafe im selben Rahmen wie Rotlichtverstöße an Ampeln. (hil)