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| 18:22 Uhr

Rettung in letzter Minute
Forster blickt dem Tod ins Auge

 Bernd Lobner sagt: „Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen.“
Bernd Lobner sagt: „Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen.“ FOTO: Privat
Cottbus. Beim Tag der Wiederbelebung in Cottbus erzählt Bernd Lobner, wie sein Leben durch das beherzte Eingreifen von Passanten gerettet werden konnte. Von Andrea Hilscher

Das Erinnern fällt dem Mann aus Forst schwer. Nur mühsam gelingt es Bernd Lobner (60), einige Details aus der Zeit Anfang April zu rekapitulieren. Der 4. April allerdings ist komplett aus seinem Gedächtnis gelöscht. Kollegen haben dem Hausmeister erzählt, dass er damals gegen Mittag gesagt hat, er wolle nach Hause, sich hinlegen. „Aber was wirklich passiert ist, kann ich nicht sagen. Und eigentlich will ich es auch gar nicht wissen“, sagt Lobner.

An jenem Mittag hat er sich hinters Steuer seines Wagens gesetzt. Zeugen haben beobachtet, dass er das Bewusstsein verloren hat, sein Auto rollte in einen Zaun und kam dann zum Stehen. Sein großes Glück: Die zufällig anwesenden Passanten schalteten schnell. Sie alarmierten den Notarzt und begannen sofort mit einer Herzdruckmassage. „Nur so konnte Herr Lobner gerettet werden“, sagt Dr. André Mundt vom CTK. Mundt ist stellvertretender Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt. Er und seine Kollegen organisieren bereits zum dritten Mal einen „Tag der Wiederbelebung“ im Cottbuser Stadthaus. Bernd Lobner und ein weiterer Patient, der durch Laien-Reanimation gerettet werden konnte, werden dort von ihrem Schicksal berichten.

„Es ist unglaublich wichtig, die Bevölkerung zu informieren“, sagt der Arzt. „Denn leider sterben sehr viele Menschen an Herz-Kreislauf-Versagen, weil wichtige Minuten vergehen, bevor sie versorgt werden.“ Aus Unwissenheit, Angst oder sogar Ekel scheuen sich Menschen, selbst Rettungsmaßnahmen einzuleiten, wenn sie mit einem Infarkt oder einem Herzversagen konfrontiert werden. „Dabei beginnt beim plötzlichen Herztod schon nach drei bis fünf Minuten das Absterben von Hirnzellen“, sagt André Mundt. Diese seien unwiederbringlich verloren. „Wir sind also auf Hilfe angewiesen, wenn wir die Patienten retten und ihnen ein Weiterleben ermöglichen, bei dem möglichst alle Hirnfunktionen erhalten bleiben.“

Bernd Lobner hatte Glück. Seine Helfer scheuten sich nicht vor einer Herzdruckmassage. Er kam ins Carl-Thiem-Klinikum, wurde operiert und konnte nach vier Wochen das Krankenhaus verlassen. „Aber was genau dort passiert ist, weiß ich nicht mehr. Ich will mich auch gar nicht erinnern“, sagt er. Nach einer dreiwöchigen Reha in Angermünde konnte er nach Forst zurückkehren, wird nun liebevoll von seiner Familie umsorgt.

„Die Puste geht mir manchmal noch aus“, sagt er. „Das ist seltsam. Außer beim Zahnarzt war ich in meinem ganzen Leben nie beim Arzt. Und jetzt das.“ Im November, so hofft er, kann er langsam wieder ins Berufsleben einsteigen. Bei seinen Rettern hat er sich längst bedankt, extra eine Zeitungsanzeige veröffentlicht.

„Er hatte wirklich großes Glück“, sagt André Mundt. Deutschland hinke etwas hinterher, was die sogenannte Laien-Wiederbelebung angeht. Während in den skandinavischen Ländern 60 Prozent aller Patienten auf diese Weise erstversorgt werden, sind es in Deutschland nur etwa 27 Prozent. Aktionen wie der Tag der Wiederbelebung sollen helfen, diese Quote zu erhöhen.

Das Wichtigste: Sofort die 112 anrufen. „Die Kollegen fragen dann, ob der Patient atmet und ob er ansprechbar ist“, sagt Mundt. Muss man beides mit Nein beantworten, sollte man loslegen.

„Wir wissen, dass viele Menschen vor der Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung Angst haben. Deswegen sagen wir heute, dass auch eine intensive Druckmassage reicht, das mit Restsauerstoff gesättigte Blut weiter ins Gehirn zu pumpen.“ Rund hundert Mal pro Minute, fünf bis sechs Zentimeter tief solle man drücken, den richtigen Rhythmus findet man über den Song „Staying alive“ von den Bee Gees. „Wer sich das zutraut, kann nach 30 mal drücken auch zwei Atemzüge in Mund oder Nase des Patienten pusten“, sagt der Arzt. Diese Maßnahmen sollten solange fortgesetzt werden, bist der Rettungsdienst vor Ort ist.

Seit zwei Jahren geht André Mundt mit freiwilligen Helfern in die Schulen und zeigt dort, wie man sich bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand verhalten sollte. „Man hofft ja immer, dass es einen selbst nie erwischt“, sagt der Mediziner. Doch die Gefahr sei groß: Drei Viertel aller Wiederbelebungsmaßnahmen finden in der Häuslichkeit statt. Hier müssen Kinder, Eltern und Großeltern sich retten.

 André Mundt, Intensivmediziner am CTK.
André Mundt, Intensivmediziner am CTK. FOTO: LR / Hilscher Andrea