Von Daniel Roßbach

Wenn in der Wache der Cottbuser Feuerwehr in der Dresdner Straße der der Alarm ertönt, ist das erste, worauf geachtet wird, ob es zwei oder vier Mal läutet. Daran erkennen alle, ob die Feuerwehr selbst oder ihr Rettungsdienst gefragt ist. Fast sofort richten sich dann die Blicke auf einen der Monitore, die in den Gängen, Versammlungsräumen und in der Gerätehalle hängen. Auf ihnen steht, welches der Fahrzeuge und welche dazu gehörenden Trupps für den Einsatz aktiviert werden. Diejenigen, die ein Einsatz betrifft, gehen sofort zu ihren Fahrzeugen. Dort hängen an Fahrzeugtüren oder Garderobebänken Schutzjacken und Hosen jeweils so, wie es den für jede Rolle eingeteilten Beschäftigten am besten in ihre Gewohnheiten passt.

Außenstehenden Beobachtern wie dem Reporter, der die Arbeit der Feuerwehr und der Leitstelle einen Tag lang begleitet, dagegen sagen viele der Abkürzungen ersteinmal nichts. Kürzel wie TLF, NEF oder RTW bestimmen die Sprache, die darauf ausgerichtet ist, schnell zu vermitteln, was passieren muss.

Veränderte Anforderungen

In Cottbus gehen dabei nicht nur die Rufe für die örtliche Feuerwehr ein. In der Wache ist auch die Notruf-Leitstelle Lausitz angesiedelt. Die Leitstelle ist ein klimatisierter Raum - der einzige auf der Wache, mit mehreren Arbeitsplätzen für Disponenten und noch viel mehr Bildschirmen, die Karten, Informationen und aktuelle Vorgänge zeigen. Die Notrufnummer 112 wird hier für ganz Südbrandenburg beantwortet. Die Notrufe, die hier eingehen, werden nicht weniger.

Saisonereignisse wie Hitze und Dürre, aber auch das steigende Druchschnittsalter in der Region sorgt dafür, so Ingolf Zimmermann, der Chef der Leitstelle. Allerdings sei 2015 die Zahl der Einsätze nur moderat angestiegen. Dafür ändert sich die Art der Einsätze, die außerdem länger dauern. „Wir haben zum Beispiel mehr Verlegungsfahrten zwischen Kliniken. Das kann langwierig Ressourcen binden.“ Zellmann gibt zu, dass auch die Beschäftigten im Rettungsdienst nicht immer von der Notwendigkeit dieser Einsätze überzeugt sind. „Unser gesetzlicher Auftrag ist, Menschen zu versorgen, die sich akut in Lebensgefahr befinden und auch Patienten, deren verzögerter Transport zu einer Lebensgefahr führen kann. Diesen zweiten Teil vergessen unsere Leute manchmal, und empfinden Einsätze als nicht indiziert. Das sind sie aber.“

„Als hätten die Leute ein Gefühl für ihren Körper verloren“

Zu den Besatzungen dieser Notarzt-Wägen gehört an diesem Tag auch Rettungsassistent Christoph Scholtka. Zwei Einsätze hatte Schlotka bis zum frühen Nachmittag: Zunächst leidet eine Person am heißesten Tag seit Beginn der Wetter-Aufzeichnungen in der Lausitz an Kreislaufproblemen. Später verletzt sich eine Jugendliche, als sie bei einer Kanufahrt auf der Spree ins viel zu flache Wasser springt. Einen eingeklemmten Nerv diagnostizieren Notarzt und Sanitäter in diesem Fall vorläufig. Was aus den Patienten wird, die sie auf dem Weg ins Krankenhaus versorgen, erfahren sie in der Regel nicht.

Angesprochen darauf, wie viele der Einsätze mit dem Rettungswagen weder spektakulär noch dramatisch sind, ist Scholtka eine gewisse Frustration anzumerken: „60 bis 70 Prozent dieser Fälle sind absolute Routine. Und bei manchen Gründen, aus denen Menschen Notrufe absetzen, fragt man sich, ob Leute ein Gefühl für ihren Körper verloren haben.“ Zu viele Menschen beschäftigten sich erst dann mit Beschwerden, wenn die zu Notfällen werden.

Systematische Überforderung

Aber nicht in allen Situationen, die dem Sanitäter eher trivial erscheinen, lässt sich irgendjemandem ein Vorwurf daraus machen: „Wenn ich mir anschaue, wie lange man beim Hausarzt oder auf einen Röntgentermin wartet, kann ich verstehen, dass auch bei kleineren Verletzungen ein Rettungswagen gerufen wird. Da kann man weder den Patienten noch der Leitstelle vorwerfen, sich deshalb zu melden oder dafür Sanitäter ausrücken zu lassen. Es sitmmt eher mit der Gesundheits-Versorgung insgesamt etwas nicht.“

Auch in der Personalsituation im Rettungsdienst und der Feuerwehr zeige sich, dass dieses System nicht ausreichend ausgestattet sei, sagt Scholtka. „Der Personalmangel ist massiv. Das dürfte es meiner Ansicht nach hier, wo es um die Sicherheit von Menschen geht, nicht geben. Dass wir zu dritt oder viert Positionen besetzen, auf die eigentlich sieben oder acht gehören.“

Unterversorgung stellen die Feuerwehrleute aber nicht nur in der Personaldecke fest, auch die Infrastruktur bröckelt an manchen Stellen. Auf der morgendlichen Dienstbesprechung kommt zur Sprache, dass es in manchen Duschen schimmelt, Fliegen in den Rohren mit heißem Wasser verscheucht werden müssen. „Wenn man sich nur das technische Gerät anschaut, dass in der Halle steht, könnte man denken, wir seien hier hervorragend ausgestattet. Aber das ist nur die halbe Wahrheit“, sagt einer der Feuwehrmänner mit Blick auf Überstundenkonten und improvisierte Besetzungen der Löschfahrzeuge.

Fehlende Rücksichtnahme

Erschwert wird die Arbeit der Rettungskräfte aber nicht nur durch die Belastung, unter der sie in langen Schichten mit vielen Einsätzen stehen. Sondern auch durch die oft unzureichende Kooperation mancher Umstehenden. Schon immer habe man sich darüber ärgern müssen, sagt ein erfahrener Feuerwehrmann.

Etwa, wenn sich auf den Straßen nicht alle Verkehrsteilnehmenden so verhalten, dass Lösch- oder Rettungsfahrzeuge möglichst schnell und ungehindert dahin kommen, wo sie gebraucht werden. An diesem Tag wird einer der Feuerwehr-Rettungswagen sogar selbst in einen Unfall verwickelt, als an einer Ampel ein junger Autofahrer in den Rettungswagen hineinfährt. Die Helfer beschreiben, dass der Autofahrer für sie nicht sichtbar und zu schnell auf die Kreuzung fuhr, während sie selbst mit eingeschaltetem Blaulicht langsam eine rote Ampel passierten.

Weniger dramatisch, aber ebenfalls frustrierend ist es für Feuerwehrleute, warten zu müssen, bis ein Geländewagen ein anderes Auto überholt, während sie sich den Weg durch die Cottbuser Innenstadt zu einem Brand bahnen. Auch hier mache sich fehlende Rücksichtnahme bemerkbar: „Eine Straße kann kilometerlang frei sein – zwei entgegenkommende Autos bleiben immer wieder so nebeneinander stehen, dass sie im Weg sind“, sagt Feuerwehrmann Oliver Nopper über seine Erfahrungen.

In solchen Momenten der Verzögerung ist den Feuerwehrleuten die Anspannung anzumerken, nicht genau zu wissen, wie ernst die Situation ist, zu der sie fahren. In diesem Fall stellt sie sich als relativ unkritisch heraus. Der als brennend gemledete

LKW in Ströbitz entpuppt sich als ein Mähdresscher entpuppt sich als Mähdrescher, der auf der Straße Feuer gefangen hat. Das ist bei Eintreffen der Feuerwehr bereits weitgehend vom Fahrer der Maschine selbst gelöscht worden. So werden nur wenige der vor Ort eingetroffenen Kräfte wirklich benötigt. Allerdings ist dieser Fall sehr viel leichter auszuhalten als sein Gegenteil. Und wäre auch dieses Feuer sehr viel gefährlicher gewesen, wäre es statt auf der Straße am Stadtrand im wenige Meter entfernten, staubtrockenen Feld ausgebrochen.

Familienfreundliche 24-Stunden-Schicht

Vorraussetzung dafür, mit den Belastungen des Arbeitsalltags umgehen zu können, ist für Scholtka ein starker Zusammenhalt Einsatzkräften. Dazu trage bei, während der langen Schichten auch Zeit in gelöster Atmosphäre miteinander verbringen zu können.

An jedem Tag ist eine Person damit betraut, über den Speiseplan zu entscheiden und das Essen zuzubereiten. An diesem Tag ist das Danny. Er ist tatsächlich gelernter Koch. Eine handwerkliche Ausbildung ist ein gängiger Weg, um zur Feuerwehr zu kommen. Danny wurde nach seiner Ausbildung Feuerwehrmann, weil dieser Beruf die familienfreundlicheren Arbeitszeiten verspricht – trotz der 24-Stunden-Schichten. „Als Koch müsste man sehr oft am Abend und an Feiertagen arbeiten. Das ist hier anders, und planbarer.“ Unter seiner Leitung gibt es heute Quiche Lorraine.

Dass bei der Cottbuser Feuerwehr in 24-Stunden-Schichten gearbeitet wird, war für Danny sogar der Grund, beruflich zurück nach Cottbus zu kommen. Als die Berliner Feuerwehr, bei der er zuvor gearbeitet hatte, von 24- auf 12-Stunden Schichten umgestiegen ist, wurde aus Cottbus dorthin zu pendeln für ihn unattraktiv.

Während eines solchen Dienstes stehen aber auch die ruhigen Momente immer unter Vorbehalt. Auch in dieser Schicht gehen während des Mittagessens gleich zwei Brandmeldungen ein – allerdings gerade so spät, dass die meisten soeben mit Essen fertig waren. Die erste betrifft besagten Mähdrescher. Die zweite wenige Minuten später einen Hof, auf dem ein Feuer auf eine Scheune übergegriffen hat. Als die alarmierten Feuerwehrleute aufbrechen, geschieht das eilig, aber nicht hektisch. Noch während der Alarmgong schallt, ist den Feuerwehrleuten klar, wen er betrifft. Und für einen schnellen Ablauf gibt es gut eingeübte Protokolle und gut vorbereitet bereitstehende Ausrüstung. Auch bei weit über 30 Grad gehören dazu selbstverständlich mehrlagige Feuerschutzanzüge mit schweren Gurten.