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| 18:41 Uhr

Forscher untersuchen Zukunft-Heimat-Demos
Die Sprache der Asylkritik ist rechtsextrem

Cottbus am 19. August 2018: Teilnehmer der Demonstration von Zukunft Heimat marschieren unter dem Motto „Grenzen ziehen“ durch die Cottbuser Innenstadt.
Cottbus am 19. August 2018: Teilnehmer der Demonstration von Zukunft Heimat marschieren unter dem Motto „Grenzen ziehen“ durch die Cottbuser Innenstadt. FOTO: Frank Hammerschmidt
Cottbus. Potsdamer Forscher analysieren Redebeiträge der Cottbuser Demonstrationen des Golßener Vereins Zukunft Heimat. Die Wissenschaftler beantworten die Frage, ob es sich hierbei um rechtsextreme Veranstaltungen handelt. Von Andrea Hilscher

Sie nutzen ihre Chance: Nachdem der Golßener Verein „Zukunft Heimat“ aktiv für die Teilnahme an einem Chemnitzer „Trauermarsch“ geworben hatte, mobilisert der Verein nun seine Anhänger zu einer weiteren Demonstration in Köthen nach dem Tod des 22-jährigen Marcus B. Anmelder der Kundgebung am Sonntagabend ist Vereinschef Hans-Christoph Berndt von „Zukunft Heimat“. Als Einlader sind neben „Zukunft Heimat“ auch Pegida, das rechte „Compact“-­Magazin, die Initiative „Kandel ist überall“ und das fremdenfeindliche Kampagnenprojekt „Ein Prozent“.

Berndt liefert damit einen weiteren Nachweis für den hohen Grad der Vernetzung, den die asylfeindlichen und zum Teil rechtsradikalen Milieus im Osten Deutschlands inzwischen erreicht haben.

Wissenschaftler der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle in Potsdam haben sich diesem Phänomen auf ungewöhnliche Weise genähert. Sie haben Redebeiträge von insgesamt 14 Demonstrationen ausgewertet, die der Verein Zukunft Heimat zwischen dem 30. Mai 2017 und dem 24. Februar 2018 in Cottbus veranstaltet hat.

Insgesamt standen den Forschern neun Stunden Aufzeichnungen der Redebeiträge zur Verfügung. Anhand dieser Beiträge wollten die Forscher klären, welche Inhalte auf welche Weise transportiert werden. Genauer: Handelt es sich bei den Versammlungen in Cottbus um rechtsextreme Veranstaltungen? Oder geht es einfach um kritische Anmerkungen zur Asylpolitik?

Forscher: Rechtsextreme Kampagne in Cottbus

Christoph Schulze, der die Studien gemeinsam mit Gideon Botsch verfasst hat, kommt dabei zu einem klaren Urteil: „Neben Kandel und Chemnitz läuft in Cottbus eine der bundesweit bedeutenden, als rechtsextrem einzuordnenden Kampagnen.“ Rechtsextrem meint in diesem Zusammenhang: Im Gegensatz zum Grundgesetz stehend, wird davon ausgegangen, dass die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, einer Nation oder eine Rasse über den Wert eines Menschen entscheide.

Die Forscher haben in den Demonstrationen eine immer wiederkehrende Choreografie erkannt, die belege, dass erfahrene und gut vernetzte Akteure am Werk seien, die strategisch handeln. „Es geht nicht einfach um das Bürgertum, das seine Sorgen äußert oder um Menschen, die im Eifer des Gefechts etwas übers Ziel hinausschießen“, so Schulze. Bemerkenswert sei für ihn gewesen, wie klar die jeweiligen Redner sich dabei an bestimmte Argumentationsmuster gehalten hätten. „Es gab keinerlei Widersprüche oder Brüche in den Beiträgen.“

Das sind die Akteure bei Zukunft-Heimat-Demos in Cottbus

Tatort Cottbus am 19. August 2018: Ein Teilnehmer der Demonstration von Zukunft Heimat mit einem unmissverständlichen T-Shirt.
Tatort Cottbus am 19. August 2018: Ein Teilnehmer der Demonstration von Zukunft Heimat mit einem unmissverständlichen T-Shirt. FOTO: Frank Hammerschmidt

Immer wiederkehrende Akteure sind Vertreter von „Zukunft Heimat“ (39 Prozent der Redebeiträge), AfD (25 Prozent), Pegida (15 Prozent), rechtsextreme Organisationen (sieben Prozent), andere Initiativen und Einzelpersonen (14 Prozent). Lange vor den Ausschreitungen in Chemnitz haben sich in Cottbus Vertreter der AfD mit Mitgliedern verfassungsfeindlicher Gruppierungen die Bühne geteilt.

Auffallend für die Forscher: Die konsequente und zynische Umdeutung von Bezeichnungen, die ursprünglich Respekt vor Flüchtlingen ausdrücken sollten. Worte wie „Fachkräfte“, „Schutzsuchende“ oder „Kulturbereicherer“ wurden ausschließlich ironisierend verwendet. Die Redner sprachen fast durchgängig von männlichen Flüchtlingen, die als grundsätzlich gewaltbereit beschrieben wurden.

Immer präsent sei auch das Motiv sexueller Bedrohung. So wird Anne Haberstroh, eine der führenden Figuren von Zukunft Heimat, mit folgenden Worten zitiert: Flüchtlinge, die sie „Goldstücke“ nennt, seien „wie hungrige Wölfe über uns Frauen hergefallen“. Ein „Rudel junger Männer“ habe „mit Messern ihr Heim verlassen, um wenig später friedlich gestimmte Einheimische niederzustechen“.

Im Gegensatz dazu steht ein Beitrag des Frauenbündnisses Kandel in Cottbus, in dem die deutschen Frauen als „Walküren“ bezeichnet werden, die auf „Merkels Schlachtfeld für die Freiheit unserer Töchter und Enkelinnen kämpfen“.

Studie: Keine Abgrenzung der Redner zu Nationalsozialismus

In keiner der untersuchten Reden haben die Forscher eine Abgrenzung zum Nationalsozialismus oder zu seinen Anhängern gefunden, als gemeinsamer Gegner sind die „Altparteien“ und ihre Vertreter identifiziert. Ihnen, und hier scheint das tiefergehende Motiv der strategischen Ausrichtung zu liegen, ihnen wird eine absichtsvolle und gezielte Zerstörung Deutschlands vorgeworfen. Angebliche Eliten hätten sich verschworen, um einen „Bevölkerungsaustausch“ herbeizuführen – ein eindeutig rechtsextremes Motiv, das offen sei für antisemitische Verschwörungsmythen.

Dieses Motiv taucht auch in dem aktuellen Aufruf zu einer Demonstration in Köthen auf, der von Misshandlungs-, Vergewaltigungs- und Tötungsopfern als „Kollateralschäden als Folgen eines fatalen Gesellschaftsexperiments“ spricht.

Dieser immer wieder beschworene Plan, den demokratische Parteien angeblich verfolgen, entspricht nach Auffassung von Christoph Schulze dem Willen zu einem radikalen Umsturz. „Hier geht es nicht um bloße Kritik an bestimmten Zuständen. Hier werden ganz neue politische Räume aufgemacht.“

Wissenschaftler: Zukunft Heimat steht im Gegensatz zur Verfassung

Der Verein Zukunft Heimat und seine Unterstützer rufen auf zu einem „Widerstand“ und zu einem Wandel, der nach Ansicht der Wissenschaftler in fundamentalem Gegensatz zur parlamentarischen Verfassungs- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik steht. Allerdings, so betonen die Autoren der Studie, bewirbt der Verein einen gewaltfreien Protest. Dennoch grenzen sie sich nicht von gewalttätigen und zum Teil vorbestraften Teilnehmern ihrer Veranstaltungen ab.

Bei den Cottbuser Demonstrationen sind Angehörige der Hooligan-Szene regelmäßig präsent. Diese wiederum sind nach Erkenntnissen des Fan-Forschers Robert Claus eng mit gewaltbereiten Fan-Gruppierungen in Chemnitz und Leipzig vernetzt.

Die nächste Demonstration für Cottbus ist bereits angemeldet – für den Tag der deutschen Einheit.