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| 19:08 Uhr

Lausitz
Rechtsextreme Ideologie, Kampfsport und gute Geschäfte

Vorbereitung auf den „Tag X“, der Abrechnung mit dem „System“ – für Neonazis sind Selbstverteidigung und Kampfsport Teil ihres Weltbildes.
Vorbereitung auf den „Tag X“, der Abrechnung mit dem „System“ – für Neonazis sind Selbstverteidigung und Kampfsport Teil ihres Weltbildes. FOTO: picture alliance / Fredrik von E / Fredrik von Erichsen
Cottbus. Zwei Lausitzer Rechtsextremisten unterhalten wichtige Netzwerke mit Kämpferteams, Musik- und Bekleidungs-Labels. Von Lars Reimann

Die Anreise in den kleinen Ort Grünhain-Beierfeld im Erz­gebirge erfolgte konspirativ. An einem Samstag Anfang Juni trafen sich dort mehr als 200 Rechtsextremisten zum Kampfsportturnier „Tiwaz“. Einer der Kämpfer, die dort in den Ring stiegen, war der Betreiber eines Cottbuser Sicherheitsunternehmens. Ein anderer war ein bekannter Lausitzer Hooligan aus der angeblich selbst aufgelösten Gruppe „Inferno“ und ehemaliges Mitglied der verbotenen Neonazigruppe „Widerstand Südbrandenburg“. Beide traten für eine „Kampfgemeinschaft Cottbus“ an.

Seit dem Jahr 2012 hatte die RUNDSCHAU mehrfach über Verbindungen zwischen Neonazis, rechtsextremen Hooligans aus der Fanszene des FC Energie Cottbus, Rockern und dem Türstehermilieu in der Lausitz berichtet. Der Brandenburger Verfassungsschutz weist seit Jahren auf diese gefährliche „Misch-Szene“ hin. Durch die deutlich gestiegene Zahl von Asylbewerberunterkünften suchten Wachschutzunternehmen in den vergangenen Jahren verstärkt Personal. „In diesen Markt drängten auch kampfsporterprobte Rechtsextremisten“, so Brandenburgs Verfassungsschutzchef Frank Nürnberger.

Für Neonazis ist Selbstverteidigung und Kampfsport Teil ihrer Ideologie und Vorbereitung auf den „Tag X“, der Abrechnung mit dem „System“. „Wir verachten das Schwache, wir verabscheuen alles Kranke da draußen, denn wir sind die Zukunft“, hieß es schon 2010 in der Eröffnungsrede eines braunen Kampfsporttreffens. Doch es geht dabei auch ums Geschäft.

In der Lausitz sind dabei zwei Rechtsextremisten wichtige Dreh- und Angelpunkte. Sie bieten der Szene eine Rundum-Versorgung aus einer Hand an: rechtsextreme Musik und Konzerte, Kampfsportteams, Organisation von Turnieren, eigene Kleidungsmarken.

Eines der Labels ist „Black Legion“. Dahinter steht laut Verfassungsschutz der Cottbuser Martin Seidel. Mit „Rebel Records“ betreibt er in Cottbus auch einen der wichtigsten Vertriebe für rechtsextremistische Musik bundesweit. Beim Neonazitreffen im April im ostsächsischen Ostritz, wo ebenfalls Kämpfe stattfanden, war auch „Black Legion“ mit einem Verkaufsstand vor Ort. Beim Turnier im Juni im Erzgebirge sponserte die Marke die „Kampfgemeinschaft Cottbus“.

Die zweite Lausitzer Marke, die beim Neonazi-Kampfsporttreffen im Erzgebirge präsent war, ist „Greifvogel Wear“. Sie gehört wie auch der rechtsradikale Musikvertrieb OPOS-Records dem Lausitzer Sebastian Raack, der 2016 aus Dresden nach Lindenau im Oberspreewald-Kreis zog. Er betreibt dort neben seinem Versandhandel eine Gaststätte und Pizzeria und unterstützt den örtlichen Fußballverein. Im nahegelegenen Ortrand ist er Mitbesitzer eines Hotels. Damit gibt er sich einen bürgerlichen Anstrich. Ein Großteil des Gemeindelebens spielt sich in seiner Gaststätte ab, die Veranstaltungen dort werden auf dem Gemeindeportal beworben. Dass die Pizzeria „Pizza 18“ heißt und 18 ein Szenesynonym für Adolf Hitler ist, scheint niemanden zu stören.

Raack gilt als wichtiger Drahtzieher und Organisator im Rechtsrockgeschäft und als europaweit gut vernetzt. Laut Verfassungsschutz war er Mitglied des verbotenen rechtsextremistischen Skinhead- und Musiknetzwerkes „Blood&Honour“. Sächsische Mitglieder der 2000 in Deutschland verbotenen Organisation gelten als wichtige Unterstützer der mordenden Neonazi-Terrorgruppe NSU im Untergrund.

Durch die bundesweite Produktion rechtsextremistischer Musik und den Verkauf von Szene-Bekleidung trügen Vertriebe wie die von Raack und Seidel in erheblichem Maße zur Verbreitung rechtsextremistischer Ideologie bei, so Nürnberger. Ihre Kampfsportteams „Greifvogel Eskadron“ und „Black Legion“ beteiligten sich regelmäßig an Veranstaltungen wie „Kampf der Nibelungen“ oder „Tiwaz“: „Das sind inzwischen Großevents.“ Die Teilnahme diene aber insbesondere der Vermarktung der dahinter stehenden Bekleidungsmarken. Die Erlöse würden wieder in Szeneveranstaltungen investiert.

Für die „Greifvogel Escadron“ stieg im vorigen Jahr auch ein Kämpfer der „Northsidecrew“ aus Lübben in den braunen Kampfsportring. „Northsidecrew“ tauchte bereits in vorangegangenen Verfassungsschutzberichten als rechtsextremer Kampfsportverbund auf. In einer ehemaligen Diskothek in Lübben hat die Gruppe eigene Trainings- und Clubräume, organisiert dort Szenetreffen. „Northsidecrew“ gilt wiederum als besonders gut vernetzt in die rechtsextremistische Hooliganszene des FC Energie Cottbus mit der rechtsextremen Gruppe „Inferno“.

„Inferno“ hatte vor einem Jahr seine Selbstauflösung verkündet, um vermutlich einem Verbot zuvorzukommen. Im Verfassungsschutzbericht 2016 waren sie namentlich genannt worden. Im Stadion des FC Energie haben einige Mitglieder zum Teil jahrelange Stadionverbote. Auch der „Inferno“-Aktivist, der im Erzgebirge für die „Kampfgemeinschaft Cottbus“ antrat, ist mit so einem Verbot belegt.

Trainieren soll er beim Kampfsport Lausitz e.V., einem Verein, der unter dem Namen Kickboxteam Cottbus 2013 aus dem Stadtsportbund Cottbus ausgeschlossen wurde, wegen mangelnder Abgrenzung zu Personen aus der rechtsextremen Szene. Dazu gehörte ein Neonazi und Kampfsportler, der auch maßgeblich an der Gründung von „Inferno“ beteiligt war. 2014 wurde er wegen gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Inzwischen ist er wieder auf freiem Fuß.